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Nachhaltig leben: Mobil mit Strom

Fahrten bündeln, (E-)Autos teilen, mehr Fuß- und Radverkehr. Nur ein Thema für die Stadt? Von wegen! Längst zeigen auch Familien auf dem Land, dass es anders geht

von Marian Schäfer, 28.02.2020

Als Christoph E. sein Elektrolastenrad aus der ­Garage holt, packt der Nebel die ­Gegend um Bosbüll in Watte. Die Luft ist so feucht, dass es wirkt, als fahre man durch Nieselregen. "Zumindest ist es relativ windstill", sagt er und biegt auf die Landstraße nach ­Klixbüll, wo Cordt (6) und Freda (4) in die Kita gehen. Bosbüll hat rund 240 Einwohner, das gut vier Kilometer entfernte Klixbüll knapp 1000. Die nächstgrößere Stadt ist Niebüll, fünf Kilometer entfernt, mit 10 000 Einwohnern. Von da aus fahren die Züge nach Sylt. Plattestes Nordfriesland.

Ortswechsel. Professor Andreas Knie ist einer der renommiertesten Mobilitätsforscher Deutschlands. Er hat sein Büro gleich neben dem Bahnhof Zoo in Berlin. Wer zu ihm will, hat die Wahl zwischen S-Bahn, Regionalbahn oder -express. Man könnte auch per Bus, E-Scooter, Leihrad oder -auto kommen. Davon stehen in der Stadt so viele herum, dass Knie sich manchmal eins leiht, nur um darin zu sitzen und in Ruhe zu ­telefonieren. Von hier aus lässt sich leicht über die Mobilitätswende reden, umzingelt von guten Privatauto-Alternativen.

Wie können wir den Verkehr reduzieren?

"Tatsächlich sind wir hier so gut aufgestellt, dass man mit dem Privatwagen wortwörtlich schlechter fährt", sagt Andreas Knie. "In der Stadt wie auf dem Land stehen wir aber vor derselben Aufgabe, nämlich Verkehr zu reduzieren. Und dabei helfen dieselben Prinzipien: Fahrten minimieren und bündeln, mehr (elektrische) Fahrzeuge teilen und für mehr Rad- und Fußverkehr sorgen."

Blickt der Forscher in die Zukunft, sieht er lebenswerte, weitgehend auto­­freie Städte sowie einen ländlichen Raum mit vitalen Dörfern, die nicht nur der Übernachtung dienen – mit Städten verknüpft durch einen möglichst leistungsstarken Personennahverkehr. "Nicht jedes Dorf wird einen Bahnhof haben. Es wird Knoten­punkte geben, zwischen denen in hoher Taktung Busse und Bahnen fahren." Dorthin gelangt man mit dem Auto und nimmt – per App gesteuert und für kleines Geld – andere mit.

"Die hohe Autodichte auf dem Land ist ein Vorteil, der sich nutzen lässt", so Knie. Zumindest, bis es autonome, kleine bis mittelgroße Rufbusse gibt, die bis vor die Haustür fahren und den Weg nach Anfragen planen. Solche hat Knie im Sauer­land getestet, und auch in Nordfriesland gibt es Projekte. "Es passiert im ganzen Land viel, aber es zerfasert noch stark."

Carsharing statt Zweitauto

Zurück nach Bosbüll. Christoph E. hat sich für die Land­straße und gegen den schöneren Feldweg auch deshalb entschieden, weil er das "Dörpsmobil" zeigen will: ein Carsharing-Elektroauto der Gemeinde, per App buchbar. Die Familie hat nur ­einen Wagen und versucht, möglichst viel mit dem Rad zu erledigen. Wenn es mal nicht anders geht, nutzt sie das Dörpsmobil als Zweitauto. In der App kann man es auch als Mitfahrgelegenheit kennzeichnen. "2019 haben wir es 60 Stunden genutzt, zu jeweils 3,50 Euro inklusive Strom. Da lohnt sich kein Zweitauto", sagt der Vater.

Mittlerweile gibt es einige "Dörpsmobile" in ­Schleswig-Holstein. Vorreiter war Klix­büll. Hier vermarkten sie just auch ein Baugebiet für Fami­lien als "Zweitauto-frei". Ein "Dörpsmobil" soll das Erste sein, was dort steht. Geplant ist auch ein Co-Working-­Space neben der Kita. Dort können Eltern dann ihrer Home­office-Tätigkeit nachgehen. Interessant vor allem für die, die aus Nachbardörfern kommen.

Energie von Bürgern für Bürger

Nach gut zehn minuten erreicht Vater Christoph E. die Kita in Klix­büll. Cordt und Freda stehen schon angezogen an der Tür. In dicke Winterkleidung gepackt, passen die beiden kaum ins Lastenrad. "Eine größere Kiste ist schon bestellt", sagt Christoph E. Nun geht es über den Feldweg zurück nach Bosbüll, vorbei an einem Solarpark, einer Biogasanlage und Windmühlen. Unmengen erneuerbarer Energie werden hier produziert. Alles ist in Bürgerhand, auch Christoph E. und seine Frau Levke halten Anteile an den "Bürgerenergieparks".

Die bringen den Dörfern nicht nur Steuern, sondern finanzieren auch Stiftungen, die Geld geben für Alt und Jung: kostenlosen Musik- und Schwimmunterricht hier, ein kleines Elterngeld oder einen Spielplatz dort. Auch das Carsharing wird oft von den Windparks subventioniert. Die ­E-Autos eignen sich, um Energie, für die im Stromnetz oft der Platz fehlt, dezentral zu speichern und vor Ort zu verbrauchen. Die Energie- wird so mit der Mobilitätswende kombiniert.

Wasserstoff lohnt (noch) nicht

Zwar forschen sie auch direkt in Bosbüll an Wasserstoff. Bislang ist ­seine Herstellung aber Energieverschwendung. Die Batterietechnik hingegen wird immer besser und nachhaltiger. Gerade kleinere E-Autos, mit Ökostrom betankt, haben eine deutlich bessere Klimabilanz als Verbrenner. Vor allem zeigt sich, dass die Speicher länger halten als gedacht – und nach vielen Jahren noch ein Zweit­leben etwa in Häusern führen können.

Bei der Mobilität setzen Planer nicht zuletzt auf den Radverkehr. Seine Potenziale sind – für die Stadt wie fürs Land – gut beschrieben. Aber immer mit einem Haken: "Zwar werden statistisch gesehen auch auf dem Land viele kurze Wege mit dem Auto gemacht", erklärt Dr. Melanie Herget, Expertin für Ländliche Räume am Johann-Heinrich-von-Thünen-Institut in Braunschweig. "Allerdings werden dabei oft nur einzelne Teile ganzer Wege­ketten betrachtet. Die sind gerade bei Eltern oft länger, weil zu den Arbeits- und Einkaufswegen noch Begleitwege für die Kinder kommen."

Christoph E. zum Beispiel fährt gut fünf Kilometer mit dem Rad zur Kita nach Klixbüll. Verbindet er das Hinbringen mit der Arbeit in Niebüll (wo auch die meisten Geschäfte sind), kommen sieben hinzu. "Mindestens dreimal die Woche versuche ich, alles mit dem Rad zu machen. Seitdem wir elektrisch fahren, geht das auch", sagt er. Der Trend zum E-Bike werde viel bewirken, ist sich der Vater sicher. "Mit so einem Rad lassen sich die meisten Strecken ohne großen Komfort- und Zeitverlust machen, zumal man oft auch Zeit gewinnt", sagt er. Längst würde sich der Verkehr sogar in Niebüll stauen – vom Parkplatzmangel beim Einkaufen ganz zu schweigen. Ein Punkt, den auch Mobilitätsforscher Andreas Knie betont: "Aus der Auto-Lust wird auch auf dem Land zunehmend Frust."

"Im Auto rast alles ja nur vorbei"

Wie entspannt wirkt da die Fahrt mit dem Rad. Cordt und Freda schauen auf Felder, auf denen gerade Gänse Rast machen. "Die Kinder kommen im Rad viel besser runter als im Auto, was vielleicht auch an einer ganz anderen Wahrnehmung der Umwelt liegt", meint Christoph E. "Im Auto rast ja alles nur vorbei."

Weniger Auto

  1. Wahl des Wohnorts: Wer nicht vom Auto abhängig sein ­möchte, wählt nicht das Häuschen in Allein­lage. Wichtig: Ist die Kita ohne Auto erreichbar? Wie kommen wir zur Arbeit? Schule vor Ort, Super­märkte, Freizeitmöglich­­keiten? Können Kinder langfristig eigenständig mobil sein? Wer kein Zweitauto braucht, spart viel Geld.
  2. Laufen und radeln: Mehr als 50 Prozent der Deutschen ent­scheiden sich schon bei Strecken zwischen einem und zwei Kilo­metern fürs Auto. Oft geben übrigens Paare das Radfahren auf, sobald sie ein Kind bekommen. www.­radfahren-mit-baby.de zeigt, wie das Rad auch dann ein gutes Verkehrsmittel sein kann. 
  3. Wagen-Wahl: Viele Autos sind übermotorisiert, umweltschädlich und teuer. Oft reicht im Alltag ein kleineres (und günstigeres). Für den Urlaub leiht man dann den Van. Vielleicht ein E-Auto? 
  4. Besser teilen: Den Zweit­wagen mit Nachbarn teilen? Der Verkehrs­club Deutschland (www.vcd.org) bietet Musterverträge für privates Carsharing an. Auch auf Online-Plattformen kann man sein Auto für be­stimmte Zeiten anbieten. Der Car­-sharing-Verband hilft bei Vereins­gründungen (www.carsharing.de).  
  5. Mehr mitfahren (lassen): die gute alte Mitfahrzentrale. Es gibt mittlerweile einige Portale/Apps. Immer gut: Kinder von Freunden/Nachbarn mit zur Kita nehmen.
  6. Anders einkaufen: Dinge wie Windeln in größeren Mengen und Abständen liefern lassen. Einkaufszettel-Apps mit Echtzeitsynchronisation reduzieren Doppelfahrten. Sie lassen sich auch mit Nachbarn teilen.

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