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Nachhaltig leben: Mehr Chaos für Garten und Balkon

Schon mit wenig Aufwand lassen sich Gärten und Balkone insekten-, tier- und kinderfreundlich gestalten. Das Gute: Sie sparen dabei auch noch Zeit und Stress. So geht’s

von Marian Schäfer, 28.04.2020
Nachhaltiger Garten

Ein tierfreundlicher Garten sollte verschiedene Zonen enthalten


Wie groß das Insektensterben ist, zeigt das Beispiel der Schmetterlinge: 41 Prozent der Arten gelten hierzulande als ausgestorben oder bedroht. Und während alle auf die Honigbiene schauen, verschwindet allmählich die Hälfte der 561 Wildbienen-Arten. Unter ihnen viele Spezialisten, die für die Natur wichtiger sind als die Honigbiene.

"Hauptgrund ist die Landwirtschaft mit ihren Monokulturen und Pestiziden. Sie nutzt mehr als die Hälfte der Flächen", sagt Marja Rottleb, Garten­expertin beim Naturschutzbund Deutschland (NABU). Hinzu komme eine ­hohe Flächenversiegelung durch Straßen- und Wohnungsbau sowie das Entstehen neuer Industriegebiete. Im Ergebnis ist unsere Landschaft zu eintönig, wodurch auch die Tier- und Pflanzenwelt immer eintöniger gerät.

Der private Garten als wichtiger Faktor

Sicher wird entscheidend sein, wie sich die Landwirtschaft und die Flächenversiegelung weiter entwickeln. Einfluss hat aber auch jeder Garten- und Balkonbesitzer: "Exakte Zahlen fehlen, aber wir gehen davon aus, dass die Fläche der privaten Gärten sehr viel größer ist als die aller deutschen Naturschutzgebiete zusammen", erklärt Rottleb. Gerade Gärten böten dabei nicht nur Insekten-, Tier- und Pflanzenpopula­tionen Platz, sondern stellten für Tier- und Insektenarten häufig Verbindungen zwischen Biotopen wie etwa Wassergebieten her. "Auch Balkone können wichtige Trittsteine sein", so Rottleb.

Eine gute Methode, der Natur zu helfen: "Unterschiedliche Lebensräume schaffen und ‚Chaos‘ zulassen", sagt die Expertin. Wer Baum- oder Staudenschnitt in einer "Wilden Ecke" sammelt, spart sich die Häckselei oder die Fahrt zum Wertstoffhof. Wer den Rasen oder die Hecke seltener schneidet, spart Zeit. "Gerade für ­Eltern ist ein ökologischer Garten eher eine Ent- als eine Belastung", meint Rottleb, die selbst einen Sohn hat. Kinder haben Spaß an so einem Garten: Je mehr sie darin matschen und spielen, desto besser. Mal abgesehen vom Schauspiel, das Insekten und Tiere liefern.

Hier unsere Tipps:

1. Die Naschecke

Am besten nah am Haus ein paar (Hoch-)Beete für Kräuter und Naschpflanzen aufstellen. "Kräuter sehen schön aus, sind ungif­tig und locken viele Insekten an", erklärt Marja Rottleb. Kinder beobachten sie gerne und lieben es, an Kräutern zu riechen. Wichtig: die Kräuter blühen lassen. "Ihr Geschmack ändert sich dadurch minimal, viele Blüten sind selbst auch essbar", erklärt Rottleb. Beeren wie Himbeeren, Johannisbeeren oder Erdbeeren locken neben Kindern und ­Eltern viele verschiedene Schmetterlingsarten an. Die Blüten nutzen andere Insekten, die Blätter der Himbeere und Brombeere sind wichtig als Futter für die Raupen.

Und für den Balkon? Kräuter, Beeren und Gemüse wie Tomaten lassen sich auch gut in Töpfen (nicht zu nah an der Brüstung!) und Ampeln ziehen.

2. Das Wasser

Wasser ist ein wertvoller Lebensraum. "Für Familien ist ein Teich nichts, weil Kinder sehr leicht ertrinken können", warnt die NABU-Expertin. Besser: zusammen mit den Kleinen eine Matschkuhle anlegen und Regenwasser (zum Beispiel abgeleitet von der Schuppen-Regenrinne) darin versickern lassen. "Die Insekten nutzen den Schlamm als Baumaterial", sagt Rottleb. Kombinieren lässt sich die Matsch­kuhle gleich mit dem Sandkasten. "Außer­dem kann man dort Pflanzen wie Seggen oder die Sumpfschwertlilie wachsen lassen." Wer dann noch ein paar Findlinge oder Holzklötze hinlegt, schafft nicht nur ein Paradies für Kinder, sondern auch für Wildbienen, Grabwespen und viele Käferarten.

Und für den Balkon? Lässt sich ein Mini-Teich zum Beispiel in einem größeren Topf anlegen. Blutweiderich oder Froschlöffel gedeihen schon bei zehn Zentimeter Wassertiefe. Wichtig: Pflanzen in Töpfen hineinstellen und die restlichen Wassertiefen etwa mit Ziegelsteinen ausgleichen, sodass der Teich keine Gefahr für Kinder darstellt. "Vollkommen ungefährlich sind Insektentränken. Dafür einfach eine Untertasse mit Wasser füllen. Es ist erstaunlich, wieviele Lebewesen davon angelockt werden", so Rottleb.

3. Die Hecken

Für viele Kleinsäuger sind sie eine Art Kinderstube, und auch Vögel wie das Rotkehlchen oder der Zaunkönig bestehen auf einer ordentlichen Hecke, die Schutz und Nahrung bietet. "Wir empfehlen heimische Heckengehölze, da Insekten und Vögel auf diese optimal angepasst sind", sagt Marja Rottleb. Sie sieht es kritisch, wie sich über Jahrzehnte Thuja- und andere eher exo­tische Hecken hierzulande ausgebreitet haben. Die Expertin rät stattdessen zum Beispiel zur Buchen­hecke, zum Weißdorn, der Kornel­kirsche (Früchte lassen sich gemeinsam mit Kindern pflücken und zu Saft und Marmelade verarbeiten) oder zum roten Hartriegel. "Man kann verschiedene Heckengehölze mischen – und regional vorkommende Stauden wie Gundermann, Katzenminze oder Wiesensalbei davor pflanzen. Auch Wilde Karden, Königskerzen oder Akelei sind ökologisch wertvoll", sagt Rottleb. Die ziehen Wildbienen, Schwebfliegen, Blüten­käfer, Tag- und Nachtfalter an. "Es lohnt sich, mit Kindern dann mal nachts zu schauen, was im Garten los ist", so Rottleb.

Und für den Balkon? Ein "Insektenbuffet": meherere heimische Stauden in einen Topf pflanzen. Als Beispiele nennt Rottleb Waldmeister, Wilde ­Malve oder Hornklee. Auch gut: Säulenobst etwa mit Äpfeln.

4. Die wilde Ecke

Hier können Kinder tüchtig mit anpacken. Vielleicht sind hinten links in der Gartenecke ein paar Sträucher, in deren Halbschatten schon der Kompost steht? Dann alles, was an Hecken-, Stauden- und Baumschnitt so anfällt, dort zu Haufen schichten. Auch Steine dort lagern und alles einfach wachsen lassen: Gras, Brennnesseln, Taubnesseln und Löwenzahn locken Wildbienen, Falter und Käfer an. "Kinder finden diese Ecken total spannend. Sie dürfen dort ruhig spielen, Steine und Holz von links nach rechts tragen", sagt Rottleb. Nur wenn Igel überwintern, bleiben Kinder besser fern.

Und für den Balkon? Einfach morsche Äste in Blumenkästen oder Töpfe stecken. Auf die setzen sich gerne auch Vögel. Interessant für Kinder: ­eine Wurmkiste als Kompostersatz (Anleitung auf www.nabu.de). "Es gibt nichts Spannenderes, als Würmer zu beobachten", so Rottleb.

5. Die Verstecke

Tipis, Tunnel, Zäune lassen sich aus lebenden Weidenruten flechten und sind für Kinder wunderbare Verstecke zum Spielen. "Weil die Weidenkätzchen schon früh blühen, bieten sie vielen früh fliegenden ­Insekten Nahrung", erklärt Rottleb.

Und für den Balkon? Grundsätzlich lassen sich Weidenstecklinge auch in Kübeln pflanzen.

6. Die Blühwiese

Sie bietet ungleich mehr Nahrung als normaler Rasen, selbst wenn er seltener gemäht wird und daher Gänseblümchen, Löwenzahn oder Klee blühen. Weil die Pflanzen Bienen anlocken, auf die Kinder treten könnten, ist eine klar definierte Blumenwiese gerade für Familien ein guter Kompromiss. "Schon wenige Quadratmeter helfen", sagt Rottleb.

Und für den Balkon? Die Expertin rät zu Kletterpflanzen wie Efeu, Wald­rebe (eher schattig), Jelängerjelieber oder Wildrosen (sonnig). Auch Vertikal­beete bieten sich an – ­etwa mit Ysop oder Herzgespann.


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