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Hat Corona die Aufgabenteilung bei Eltern verändert?

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf setzte Eltern in der Corona-Pandemie noch stärker unter Druck als schon zuvor. Dabei gibt es Ideen, wie sich Job und Familienleben ganz neu organisieren ließen

von Marian Schäfer, 24.11.2020

Wie aufgeladen eine Stimmung ist, zeigt sich oft an vermeintlichen Kleinigkeiten. Manchmal reichen schon einzelne Wörter, um in Ungnade zu fallen. So geschehen, als die Wochenzeitung DIE ZEIT im Juni die Ergebnisse der sogenannten SOEP-CoV-Studie online veröffentlichte. Die repräsentative Untersuchung, die das Sozio-ökonomische Panel zusammen mit der Universität Bielefeld durchgeführt hatte, analysierte die Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen in der Zeit des Corona-Lockdowns.

Während Studien anderer Institute zu zeigen schienen, dass es für viele Mütter rollentechnisch zurück in die 50er-Jahre ging – Professorin Jutta Allmendinger, Präsidentin des renommierten Wissenschaftszentrums Berlin (WZB), sprach gar von einer "entsetzlichen Retraditionalisierung" –, gab die SOEP-CoV-Studie ein Stück weit Entwarnung. Zwar lag die Hauptlast der Kinderbetreuung – wie vor der Krise – eindeutig bei den Müttern. Die coronabedingte Mehrarbeit teilten sich Eltern demnach allerdings weitgehend partnerschaftlich auf.

Ob öffentlich oder privat: Die Aufgabenteilung sorgt für Diskussion

Was im Netz zu Protest führte, waren zwei Dinge: Zum einen schrieben die AutorInnen des ZEIT-Artikels "Von wegen Rolle rückwärts!", die Väter hätten bei der Care-Arbeit aufgeholt – was nicht stimmt. Denn wenn sich Mütter und Väter lediglich die Mehrarbeit gleich aufteilen, kann sich der Abstand zwischen ihnen nicht verringern. Zum anderen stellten sie die prozentualen Steigerungen des Engagements gegenüber: 120 Prozent bei den Männern und "nur" (das steht da wirklich so) 45 Prozent bei den Frauen.

Der nachgeschobene Hinweis, die Mütter würden natürlich trotzdem deutlich mehr Care-Arbeit leisten (also auch von einer ganz anderen Basis starten), half da nur noch wenig.
Wie emotional das Thema ist, merke ich auch zu Hause. Diskutieren meine Frau und ich über Vereinbarkeit von Familie und Beruf, endet das oft im Streit, obwohl wir nicht so weit auseinanderliegen. Am Ende argumentieren wir auf verschiedenen Ebenen: ich eher anhand des Ist-Zustands und den daraus folgenden Zwängen, sie eher anhand dessen, wie es sein sollte. Nämlich, dass die Erwerbs- und die Sorgearbeit nicht ständig gegeneinander ausgespielt wird.

Mit der Geburt eines Kindes fallen die meisten in traditionelle Rollen

Hätte es, kann man sich ja mal fragen, denselben Artikel über eine Studie gegeben, der zufolge Vollzeit-Mütter nun vermehrt Teilzeit-Jobs annehmen? Wahrscheinlich nicht. Erstens erzeugt die Nachricht, dass Väter sich neben "richtiger" Arbeit auch vermehrt um Haushalt und Kinder kümmern, irgendwie mehr Aufmerksamkeit. Zweitens käme heraus, dass es bei den meisten Müttern längst so ist.

Das steckt ja hinter der "Retraditionalisierung". Während Corona erlangte der Begriff zwar einige Bekanntheit, doch existiert er nicht erst seitdem. FamilienforscherInnen beschreiben mit ihm schon lange, wie sich die Rollen oftmals verändern, wenn Paare Eltern werden.

Mit der Geburt des Kindes werden Frauen, die heute im Schnitt besser ausgebildet sind als die Männer, zuvor oft Vollzeit arbeiteten und in gleichberechtigten Partnerschaften lebten, oft zu Hausfrauen und Zuverdienerinnen. Unter Müttern mit ein- bis dreijährigen Kindern gehen laut Mikrozensus gut 30 Prozent keiner Erwerbsarbeit nach. Von denen, die es tun, arbeiten drei Viertel in oft niedriger Teilzeit. Nicht selten in Berufen, für die sie überqualifiziert sind, die sich aber wohl besser mit der Familie vereinbaren lassen.
Die Erwerbsquote von Vätern tendiert hingegen in Richtung 100 Prozent und liegt sogar über der von kinderlosen Männern. Letztere arbeiten zudem fast doppelt so häufig in Teilzeit wie Väter, nämlich zehn zu nahezu sechs Prozent. Damit kommen Männer mit Kindern im Vorschulalter laut OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) im Schnitt auf 46 Wochenarbeitsstunden. Ein Viertel arbeitet mehr als 52 Stunden.

Ist-Zustand versus Wunsch-Zustand

"Sie gleichen damit in Teilen einen Wegfall bei ihren Frauen aus. Dahinter steckt schon auch ein Fürsorgegedanke", sagt Johanna Possinger. Die Familienforscherin ist Professorin an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg. Sie formuliert das mit der Retraditionalisierung vorsichtiger: "Corona hat vielleicht einen neuen Impuls gesetzt", sagt sie.

Irgendwo mussten die Kinder ja hin, und da die Großeltern ausfielen, waren allein die Eltern gefragt. Dass hier nicht der "zurücksteckt", dessen Gehalt für die Familie (laut genannter Statistik) oft existenziell sein dürfte, erscheint zunächst logisch. Was nicht heißt, dass es gut ist.

Wer mit Johanna Possinger darüber spricht, merkt, dass es sich lohnen könnte, genauer auf die Bedürfnisse von Vätern und Müttern zu schauen. Sie sind gut erforscht und ergeben ein Bild, das sich unterscheidet von dem, das in der öffentlichen Debatte oft gezeichnet wird. Diese prägt häufig ein Pari-Pari-Gedanke: also dass Eltern sich Familien- und Erwerbsarbeit doch am besten 50/50 teilen. "Nur entspricht das nicht dem, was Mütter und Väter ausnahmslos wollen", erklärt Johanna Possinger.

Allein die Elternzeit: Diese exakt zu teilen, davon seien die wenigsten Mütter begeistert. "Wer hier mehr Gleichheit schaffen will, müsste sie verlängern", so Possinger. Oder die Arbeitszeit: Zwar würden Väter gerne weniger und Mütter lieber mehr arbeiten, laut WZB wünschen sich Frauen aber 25 und Männer 35 Wochenstunden – und das jeweils nur unter bestimmten, fast klischeehaften Bedingungen.

So setzen Mütter dafür etwa voraus, dass eine qualitativ hochwertige Betreuung gewährleistet ist (die vielerorts fehlt, wie das "Ländermonitoring frühkindliche Bildungssysteme" immer wieder unter Beweis stellt). Und Väter, dass sie problemlos wieder zur Vollzeit zurückkehren können. Im aktuellen Väter-Report von 2018 gaben gut 80 Prozent an, dass sie sich mehr Familienzeit wünschen. Dass dieser Wunsch echt sein dürfte und sie das nicht einfach nur sagen und dann doch lieber Überstunden schieben, darauf weist eine Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) hin, die ebenfalls in der Corona-Zeit entstand.

Gefragt nach ihrer Familien- und Lebenszufriedenheit, schnitt eine Gruppe darin besonders gut ab: Väter in Kurzarbeit, deren Frauen in systemrelevanten Berufen arbeiteten – die also zur Kinderbetreuung "gezwungen" waren. "Die Väter konnten sich in dieser Zeit um ihre Kinder kümmern, ohne deshalb stigmatisiert zu werden", meint Possinger.

Orientieren am Vereinbarkeits-Musterland Schweden?

Wie anders klingt da, was die Politologin Gerda Neyer erzählt. Die gebürtige Österreicherin arbeitete lange in Deutschland und forscht an der Universität Stockholm, also im Vereinbarkeits-Musterland Schweden. "Hier ist es die Norm, dass sich Väter wie Mütter kümmern – und in Elternzeit gehen. Fast alle Väter nehmen Elternzeit", sagt die Expertin für Familienpolitik. In Schweden hätten Kinder und das Zeit-für-Kinder-haben einen hohen Stellenwert – was nicht bedeute, dass die Erwerbsarbeit einen niedrigeren hätte. "Es ist alles auf Vereinbarkeit von Beruf und Familie ausgerichtet, darauf, dass Vater und Mutter erwerbstätig sind und dafür maximale Flexibilität und Einkommenssicherheit geboten wird", so Neyer.

Die Forscherin erwähnt, dass Eltern durch Kollektivverträge oft Elterngeld in Höhe ihres vollen Gehalts während der Elternzeit erhalten. Diese wird zwar in Tagen gerechnet, kann jedoch auch in vollen, halben, Viertel- oder Achteltagen genommen werden. Dazu gibt es noch unbezahlte Elternzeit oder Extra-Zeit für Eingewöhnungen und Veranstaltungen in (gut ausgestatteten) Kitas. Die Rücksicht auf Kinder zeigt sich auch, indem es zum Beispiel kaum Konferenzen am späten Nachmittag und keine Überstunden-Kultur wie hierzulande gibt. Und bis zu 120 "bezahlte" Pflegetage pro Kind und Jahr berücksichtigen, dass der Nachwuchs auch mal öfter oder schwer erkranken kann.

Kurzum: Die Schweden scheinen einen realistischeren Blick auf die Bedürfnisse von Familien zu haben. Darauf, dass Kinder Zeit brauchen, es Arbeitszeitreduzierungen, auch mal Auszeiten und damit sozusagen eher "atmender Lebensläufe" bedarf. Es braucht eine andere Norm, für die rechtliche Rahmenbedingungen wichtig, aber allein nicht ausreichend sind. Das zeigt sich auch an der Elterngeldeinführung 2007: Erst damit – und mit dem Kita-Ausbau – konnten sich Paare überhaupt echte Gedanken über ihre Rollenverteilung machen und mussten Unternehmen in Männern auch Väter sehen (Stichwort "Väter-Monate"). Damit dies selbstverständlich und gleichberechtigt geschieht, braucht es aber auch eine entsprechende Kultur. Auch hier haben die Schweden Vorsprung: Elterngeld führten sie schon 1974 mitsamt anderer "Geschlechtergleichheitsgesetzen" ein. In der Bundesrepublik (BRD) hingegen hatten Männer noch bis 1977 einer Erwerbstätigkeit ihrer Frau zuzustimmen.


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