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Geschwister: Was ist der ideale Altersabstand?

Das zweite Kind ist da! Ob es zwischen Großem und Kleinem Streit gibt, hängt auch vom Altersunterschied ab. Mit diesen Tipps sorgen Eltern für Frieden

von Madlen Ottenschläger, 18.07.2016
Geschwister

Geschwisterliebe: Eltern können viel für einen guten Start tun


Einfach ist es für das Erstgeborene selten. Bei aller ­Freude über das Geschwisterchen: An dem Ereignis haben die Gro­ßen meist erst einmal zu knabbern. "Wie ­dies genau aussieht, hängt auch vom Altersabstand zwischen den Geschwistern ab", sagt Prof. Jürg Frick von der Pädagogischen Hochschule Zürich, zu dessen Arbeitsschwerpunkten die Geschwis­­terpsychologie gehört. Die entlastende Nachricht zuerst: Den idealen Altersunterschied gibt es nicht. Ob zwei, drei oder sechs Jahre zwischen den Geschwistern liegen: Jeder Altersabstand hat ­seine besonderen Seiten.

1 bis 2 Jahre Abstand

Für die Eltern, besonders die Mutter,­ ist diese Konstellation durchaus herausfordernd. "­Eine Schwangerschaft und das erste Baby-­Jahr sind für Frauen körperlich und psychisch anstrengend", sagt Dr. Klaus König, Vize­­präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte. Zwischen der Geburt und einer erneuten Schwangerschaft sollten deshalb aus ärztlicher Sicht mindestens zwölf Monate liegen – auch deshalb, weil sonst das Risiko für Früh- und Fehlgeburten und ein zu geringes Geburtsgewicht erhöht ist. "Kün­­digt sich ein Kind früher an, sollten Schwangere auf eine gute Versorgung des Körpers mit ­Eisen, Folsäure und Vitaminen achten", rät König.

Professor Jürgen Frick

Für die Kinder hat ein kurzer Altersabstand durchaus positive Seiten. "Die Chancen stehen gut, dass ­diese Kinder auch im Erwachsenenalter engen Kontakt haben", sagt Frick. Die Interessen sind ähnlich, und die Kinder verbringen viel Zeit miteinander – das prägt. Groß ist aber auch die Konkurrenz, etwa wenn es darum geht, wer was zuerst kann. Und natürlich kann das Erstgeborene mit dem Neuankömmling erst einmal Schwierigkeiten haben. "Die eine Reaktion gibt es nicht", sagt Fachmann Frick. "Manche sind ganz ­entspannt, andere plagt starke Eifer­sucht." Fakt ist aber: Ein- und Zweijährige können ihre Bedürfnisse nicht zurückstellen und ihre Gefühle kaum in Worte fassen. Sie sind deshalb schnell überfordert, etwa wenn sie warten müssen, weil Papa wickelt. Die Eifersucht bricht sich häufig in Wutausbrüchen oder starkem Klammern Bahn; manchmal auch zeitversetzt.

Dr. med. Klaus König

So klappt es: Bei Wutausbrüchen und Klammern hilft Kuscheln und Geduld. "Zwei Wickelkinder kos­ten Energie", erklärt Frick. "Der Vorteil aber ist: Sie leben in ähnlichen Welten, das dürfen Eltern nutzen." Konkret bedeutet das, dass die Großen kein ausgefeiltes Freizeitprogramm brauchen. Gut funktioniert das Miteinander, wenn der Alltag unaufgeregt geteilt wird. Eltern sollten dem Erstgeborenen erklären, was sie gerade­ tun, rät Frick. Zum Beispiel so: "Ich schließe jetzt die Windel, und wenn Marie den Strampler anhat, habe ich Zeit für dich."

Die Eltern­stimme beruhigt; das Erstgebo­rene merkt, dass es auch dann dazugehört, wenn das Baby im Mittelpunkt steht. Ein weiterer Tipp: Das Kleinkind begleitet den Baby­alltag spielend, es stillt etwa ­seine ­Puppe, wenn auch Mama stillt. "Das Erstgeborene ist beschäftigt, ­ohne dass die Eltern es aktiv beschäftigen müssen", sagt Frick. Und: "Konkurrenz unter den Kindern sollten Eltern nicht befeuern, sondern moderieren", rät der Psychologe. Statt zu betonen, dass ein Kind schon etwas kann und das andere nicht, besser liebevoll erklären, dass jeder Mensch Stärken hat, und auf diese verweisen. Das wirkt Neid und Selbstzweifeln entgegegen. Gut ist, wenn später jedes Kind sein eigenes Hobby hat.

Dafür lassen sich ­gemeinsame Aktivitäten sehr gut umsetzen, kleinste Erlebnisse werden beiden gerecht. Musik etwa mögen Kleinkinder und Babys. ­Also ran an Rassel, Klangstäbe und Co.! Oder gemeinsam singen und tanzen, das Baby kann dabei im Tragetuch liegen. Auch Bilderbücher betrachten, Roll-Ballspiele oder schlicht kuscheln lieben beide. Sie erleben Geborgenheit und gewöhnen sich aneinander.

3 bis 4 Jahre Abstand

Liegt zwischen den Kindern ein mittlerer Altersabstand, ist das für die Eltern meist entspannter – körperlich wie psychisch. Denn mit etwa drei Jahren lässt die ganz ­enge Bindung an die Eltern nach. Das schafft kleine Verschnaufpausen, wenn das Erstgeborene zum Beispiel für sich puzzelt oder malt. Eifersucht gibt es trotzdem. Typisch aber: Sie bricht sich nicht mehr eins zu eins Bahn. "Die Wut über die Entthronung verschiebt sich zum Beispiel auf die Katze, die gepiesackt wird", sagt Frick. Oder auf die Mutter: Plötzlich darf nur noch Papa beim Zähneputzen helfen. "Das kindliche Ich-hab-dich-nicht-mehr-lieb resultiert aus der Angst, den angestammten Platz zu verlieren", erklärt der Psychologe. Auch häufig: ein Zurückfallen in kleinkindliche Verhaltensmuster.

So klappt es: "Ich habe dich sehr lieb, auch wenn du mich gerade ablehnst" – das ist die wichtigste Botschaft, die Erstgeborene jetzt brauchen. Das muss nicht zwingend in der Situation sein; meist bedeutet das eine Überforderung für ­beide. Gut helfen zum Beispiel exklu­sive Kuschelminuten. Überhaupt wirkt Solo-Zeit wahre Wunder: Das kann ein Nachmittag mit ­Mama oder ­­Papa bei einem Kindergartenfreund sein oder das Toben mit nur einem Elternteil auf dem Bolzplatz. Die Großen tanken auf, weil sie im Mittelpunkt stehen und sich nicht dem Baby unterordnen müssen. Um den Mittelpunkt geht es auch, wenn Erstgeborene kurzfris­tig in ­alte Verhaltensweisen fallen und etwa der Toilettengang nicht mehr klappt. Sie fordern Aufmerksamkeit (auch Schimpfen ist Aufmerksamkeit!) – die Eltern dafür besser nicht geben.

Wie fällt das Aneinandergewöhnen leichter? "Indem Eltern das Ge­schwis­terkind in die Baby­pflege ein­beziehen", sagt Frick. Es also beim Wickeln oder Breikochen mitmachen lassen. "Denn Helfen macht Kinder stolz." Und das Erstgebo­rene findet so seine neue ­Rolle: die des Älteren, das dem Jüngeren ­etwas beibringen kann. Das schafft Vertrauen und Geborgenheit.

Gemeinsame Aktivitäten stärken die Geschwister-Verbundenheit. Drei- und Vierjährige lieben Bewegung, der Spaziergang mit dem Kinderwagen darf deshalb zur Abenteuerreise werden: Die Gro­ßen lösen Aufgaben, sammeln etwa Schneckenhäuser oder zählen rote Autos. Gut sind auch Orte, die beiden gerecht werden, im Alltag kann das ein Park oder Spielplatz sein (das Baby be­obachtet von seiner Decke aus), für Ausflüge ein Tierpark oder ein Schwimmbad.

6 Jahre und mehr auseinander

Ist der Altersabstand so groß, leben die Geschwister in getrennten Welten. "Eltern sollten darauf achten, dass sie keine Welt bevorzugen", sagt Psychologe Frick. Das geschieht oft unbewusst, wenn ­etwa der schulische Erfolg des Erstgeborenen ehrfürchtig bewundert wird und das Nachgeborene in dem Gefühl aufwächst, daran gemessen zu werden.

Auf die Geburt des Geschwis­terchens selbst reagieren viele Schulkinder freudig und stolz. Umso überraschter sind Eltern, wenn ihr Großes in der Entwicklung plötzlich scheinbar einen Rückschritt macht. Das Erstgebo­rene fällt dann zum Beispiel in die Kleinkindsprechweise zurück, krabbelt nachts ins Bett der Eltern oder trotzt. Andere haben plötzlich psycho­somatische Beschwerden, etwa Bauchweh.

So klappt es: Eltern appellieren oft an die Vernunft des Kindes ("Du bist doch schon groß!"; "Als du klein warst, habe ich das für dich auch gemacht!"). Beim Erstgeborenen aber kommt an: Groß sein ist blöd, denn ich muss zurückstecken. Geschwisterexperte­ Frick rät, nach den Gefühlen des Kindes zu fragen, und das schon während der Schwangerschaft. Etwa mi­t­hilfe ­einer Traumreise,­ während der das Kind erzählt, wie sich die baldige Ankunft des Geschwisterchens für es anfühlt. Wichtig auch: "Das Erstgeborene muss weiterhin ‚klein‘ sein dürfen", sagt Frick. Für Eltern heißt das, dass sie es nicht wie selbstverständlich zum Babysitter machen sollten.

Eine Herausforderung: Aktivitäten, die beiden Kindern gerecht werden und so das Zusammenfinden als Familie erleichtern. Zu unterschiedlich sind die Interessen. Ein guter Ausgangspunkt: Das Erstgebo­rene fragen, was es sich wünscht – um dann gemeinsam zu überlegen, wie das Jüngere einbezogen werden kann. Das schult die Empathie. Und das große Kind fühlt sich ernst genommen, weil es ­eigene Ideen entwickeln darf.


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