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Familienbett – ja oder nein?

Darf das Baby mit ins Bett der Eltern? Lange Zeit wurde davon kategorisch abgeraten. Neuere Studien hingegen empfehlen es durchaus – unter bestimmten Umständen. Zwei Expertinnen klären auf

von Peggy Elfmann, 04.01.2021

Als ich mit meinem ersten Kind schwanger war, wollte ich alles richtig machen, beim Stillen, beim Wickeln und natürlich auch beim Schlafen. Das Beistellbettchen stand neben meinem Bett ­bereit, dort sollte meine Tochter schlummern. Es hieß ja immer: Babys gehören in ihr Bett, und das Beistellbett schien eine gute Möglichkeit, sie in der Nähe zu haben und im eigenen Bett schlafen zu lassen.

Gabriele Nindl leitet das Europäische ­In­stitut für Stillen und Laktation mit Sitz in Kramsach (Österreich)

Tatsächlich hat meine Tochter dort kaum eine Nacht verbracht. Sie schlief neben mir, weil das mit dem nächt­lichen Stillen so ein­facher klappte und ich mehr Schlaf bekam. Ein schlechtes Gewissen hatte ich immer, auch wenn ich mein Bett entsprechend präpariert hatte: kein Kissen, kein Kuscheltier lag herum, mein Kind war im ­Schlafsack.

"Sie brauchen kein schlechtes Gewissen zu haben. Sie haben das richtig gemacht", sagt mir ­Gabriele Nindl nun Jahre später. Die Still- und Lak­­tationsberaterin beschäftigt sich mit dem gesunden Aufwachsen von ­Babys und leitet das Europäische ­In­stitut für Stillen und Laktation mit Sitz in Kramsach, Österreich. "Schlafen ist ein wichtiges Thema. Wir merken, wie verunsichert Eltern sind, häufig durch Empfehlungen, die auf undifferenzierten oder veralteten Aussagen beruhen", sagt Gabriele Nindl.

Risiko oder Schutz?

Lange Zeit rieten Ärzte kategorisch davon ab, das Baby mit im ­Elternbett schlafen zu lassen. Es erhöhe das ­Risiko für den plötzlichen Kindstod, hieß es nach ersten Studien. Doch mittlerweile haben Experten die ersten Studien differenzierter betrachtet. "Heute wissen wir, dass verschiedene Faktoren das Risiko für den plötzlichen Kindstod beeinflussen", erklärt Prof. Dr. Daniela Karall. Sie ist Kinder- und Jugendärztin und stellvertretende Direktorin der Abteilung Pädiatrie der Universitätskliniken Innsbruck. "Der plötzliche Kindstod ist etwas Dramatisches, aber er betrifft nur sehr wenige Kinder", stellt die Medizinerin klar.

Zwei von 10 000 Kindern sterben im Schlaf. "Das gemeinsame Schlafen im Elternbett kann ein Risiko für den plötzlichen Kindstod sein. Es kann aber auch ein Schutz sein", sagt ­Ka­rall und bezieht sich auf ­Studien des Mediziners Prof. Peter Blair von der Universität Bristol in England. Er analysierte 400 Fälle von plötzlichem Kindstod und fand heraus: Das Ri­siko für den plötzlichen Kindstod ist beim gemeinsamen Schlafen im ­Elternbett nicht erhöht, wenn ge­wisse Faktoren vermieden werden.

Prof. Dr. Daniela Karall, Kinder- und Jugendärztin und Stillberaterin aus Innsbruck

Das Bedürfnis nach Nähe

Zudem haben Babys ein angeborenes Bedürfnis nach Nähe. "Sie sind Säuglinge und Traglinge. Entwicklungs­geschichtlich sind sie am sichersten in der Nähe der Mutter/Eltern – auch nachts", sagt Kinderärztin Karall. Für ihre Entwicklung und ihr gesundes Aufwachsen bräuchten ­Babys die ­Zuwendung der Eltern. "Das prompte Reagieren auf die Bedürfnisse der Kinder fördert langfristig deren Selbstwirksamkeit und Stressresilienz", sagt Nindl. Promptes Reagieren sei besser möglich, wenn das Baby in der Nähe schlafe. Kinderärztin Karall stellt klar: "Unser Ziel sollte nicht sein, ­Co-Sleeping zu verbieten, sondern es sicher zu machen." Experten raten mittlerweile dazu, das gemeinsame Schlafen nicht automatisch als einzigen Risikofaktor für den plötzlichen Kindstod darzustellen, sondern auf die jeweilige Lebenssituation der ­Eltern einzugehen.

Denn, das haben Studien und Befragungen der vergangenen Jahre ­gezeigt: Weil Mütter mit ihren Babys sich nicht getraut haben, im Elternbett zu schlafen, sind sie nachts zum Stillen auf die Couch oder den Sessel ausgewichen und dort eingeschlafen. Das stelle ein deutlich größeres ­Risiko dar. "Wir dürfen Eltern nicht einfach etwas vorschreiben. Wir müssen sie einbeziehen und ihnen Wissen geben, damit sie für ihr Baby eine sichere Schlafumgebung gestalten", sagt Gabriele Nindl.

Stillen schützt

"Man weiß, dass Stillen einen wichtigen Schutzfaktor vor dem plötzlichen Kindstod darstellt", sagt Kinderärztin Karall. "Das hat vermutlich mehrere Gründe", erläutert Stillberaterin Nindl. "Zum einen fördert Muttermilch an sich den Immunschutz des Babys. Zum anderen liegt es aber an der Schlafsituation beim Stillen. ­Gestillte Kinder werden nachts häufig wach und haben weniger Tiefschlafphasen. Beides sind Schutzfaktoren vor dem plötzlichen Kindstod."

Dazu kommt: "Gestillte Kinder liegen seltener in der Bauchlage, weil sie nach dem Stillen auf den Rücken gelegt werden. Die Bauchlage ist ein Risikofaktor", sagt Daniela Karall. Beide Expertinnen raten dazu, das Stillen zu fördern, auch als Schutz vor dem plötzlichen Kindstod. "Stillen funktioniert besser, wenn Mutter und Kind zusammen schlafen", erklärt Daniela Karall. Die Still­rate ist höher und die Stilldauer länger, wenn Mutter und Kind in einem Bett schlafen. "Damit das sicher ist, gilt es ein paar Dinge zu beachten."

Das Verhalten der Eltern

Dabei spielt das Verhalten der Eltern eine wichtige Rolle. In einer Studie fanden der Forscher Blair und seine Kollegen heraus, dass Alkohol- und Drogenkonsum ­eine große Gefahr darstellen und das Risiko für den plötzlichen Kindstod erhöhen, wenn das Kind mit im Elternbett schläft. Bei gut sieben Prozent der betroffenen Kinder hatte die Mutter Alkohol getrunken. In der Kontrollgruppe traf das nur auf knapp ein Prozent der Kinder zu. "Alko­hol- und Drogenkonsum sind Risikofaktoren, weil dadurch die Aufmerksamkeit und Wachsamkeit der Eltern reduziert sind", erklärt Karall. Ein weiterer Risikofaktor ist laut der Blair-Studie das Rauchen. Bei 15 Prozent der betroffenen Kinder hatte die Mutter geraucht, bei der Kontrollgruppe waren es 4,5 Prozent. "Das Rauchen ist einer der größten Risiko­faktoren", sagt Nindl. "Falls die Eltern rauchen, sollte man auf Co-Sleeping verzichten."

Sicher im Familienbett

Gesunde, gestillte Babys von Müttern, die nicht rauchen oder trinken, würden hingegen vom gemeinsamen Schlafen profitieren – vorausgesetzt, die Eltern sorgen für gewisse Sicherheitsvorkehrungen. "Das Familienbett ist sicher, wenn es babygerecht ist", sagt Kinderärztin Karall. Dazu gehört, dass es sich tatsächlich um ein Bett handelt – und zwar eines, das breit genug ist für Mutter und Kind. Das Risiko für den plötzlichen Kindstod ist erhöht, wenn Mutter und Kind auf einem ­Sofa oder Sessel schlafen. In der Studie von Blair hatten zehn Prozent der Kinder da­rauf geschlafen, in der Kontrollgruppe war es nicht mal ein Prozent. "Auf Couch oder Sessel steigt die Gefahr, dass das ­Baby in ­eine Ritze rutscht oder ungünstig liegt", erklärt Nindl. Außerdem sollten keine Kissen, Plüschtiere oder Schnüre herum­­liegen, damit sich das Kind nicht verletzt. Es sollte nicht zu warm angezogen sein und in ­einem Baby-­Schlafsack liegen. Damit es nicht herunterfällt, sollte es nicht alleine im Bett liegen.

Individueller Rat

So gesehen habe ich damals für mich alles richtig gemacht. Aber das Elternbett per se für alle Kinder empfehlen, wollen Experten heutzutage genauso wenig wie es für alle verbieten. "Es ist wichtig, die Situation für jede Familie individuell zu betrachten", sagt Nindl. Wenn die Mutter nicht stillt, ist ein eigenes Bettchen direkt neben dem Elternbett die bessere Wahl als das Familienbett. Wenn das Baby ein Frühchen ist oder häufig ­Infekte hat, ebenfalls. "Besprechen Sie sich mit Ihrem Kinderarzt", rät Karall. Beide Expertinnen sind sich einig: Eltern sollten ihr Baby im ersten Jahr nachts nicht alleine, also in einem anderen Zimmer, schlafen lassen. Denn, so Karall: "Babys brauchen die Nähe ihrer Eltern."


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