Einen Vormund fürs Kind bestimmen?

Wer kümmert sich eigentlich, wenn Kinder ihre Mutter und ihren Vater verlieren? Eltern sollten sich diese Frage stellen – und für den schlimmsten Fall vorsorgen

von Marian Schäfer, 28.03.2017
Rettungsring

Wie ein Rettungsring kann ein Vormund für ein Kind sein, wenn die Eltern sterben


Es ist ja nicht so, als gäbe es die Momente nicht, in denen man an seinen eigenen Tod und daran denkt, was dann eigentlich mit den Kindern ist. Wenn Eltern in der Schweiz mit der Seilbahn abstürzen und ein einjähriges Baby hinterlassen, fragt man sich: Was wäre­, wenn es uns träfe? Oder wenn ­Eltern mit dem Flugzeug verun­glücken und es heißt, zu Hause warteten ihre zwei Kinder auf sie.

Statt den Gedanken zu Ende­ zu führen, verdrängt man ihn aber lieber. Dabei gehört die "Was wäre­ wenn"-Frage zu den wichtigsten, die Eltern klären sollten – sachlich und ohne­ Scheu vor der Bürokratie:

Monika Andreß

Was passiert nach dem Tod der Eltern?

Sollten beide Eltern ums Leben kommen, erhält das zuständige ­­Familiengericht eine Sterbemittei­lung. ­"Damit der Nachwuchs nicht ohne gesetzlichen Vertreter ist, ordnen wir dann eine soge­nannte Vormundschaft an", erklärt Monika­ Andreß, Richterin am Amtsgericht München. "­Haben die Eltern vor ihrem Tod keine Regelung dazu getroffen, wer im Fall der Fälle für ihre­ Kinder verantwortlich ist, ­suchen wir nach einem Vormund."

Erst schaut das Gericht im Verwandten-, dann im Freundeskreis. "Findet sich niemand, können wir einen Amtsvormund, etwa einen Mitarbeiter vom Jugendamt, oder einen Vormundschaftsverein, bestellen", so Andreß. Leben würde­ der Nachwuchs fortan in einem Heim oder bei einer Pflegefamilie.

Haben die Eltern in einer Sorgerechtsverfügung hingegen Personen benannt, die sich um die Kleinen kümmern sollen, und sprechen keine­ schwerwiegenden Gründe dagegen, muss das Gericht sie als Vormund benennen.

Eva-Maria Backmeister

So finden Eltern einen Vormund

Idealerweise wählen Eltern einen Vormund, zu dem das Kind schon eine enge Bindung hat. Auch die wirtschaftlichen und familiären Verhältnisse des möglichen Vormunds sind wichtig. Ist das Kind alt genug (mindestens Grundschulalter) und trauen­ die Eltern es ihm zu, sollten sie mit ihm über das Thema ­sprechen und es in die Entscheidung einbeziehen. Ab dem 14. Geburtstag hat es ohnehin ein Mitspracherecht und kann ­einen Vormund ablehnen.

Häufig benennen ­Eltern die Großeltern als Vormünder. "Wichtig ist, den langen relevanten Zeitraum zu beachten und immer wieder zu prüfen, ob sie körperlich und geistig in der Lage wären, diese Aufgabe zu übernehmen", sagt Eva-­Maria Backmeister, Notarin und Rechtsanwältin aus Bad Homburg. Grundsätzlich sollten neben einem Wunschvormund zwei Ersatz­vormünder benannt werden.

"Eltern müssen mit allen Personen intensiv sprechen und ­ihnen dann, sobald vorhanden, die Verfügung in Kopie zukommen lassen", rät Richterin Andreß. Sie hat schon erlebt, dass Wunschvormünder ablehnten, weil ihnen die Verantwortung oder auch die notwendige Veränderung des eigenen Lebens doch zu groß erschien.

Eltern können auch Personen ausschließen. "Dies sollte dann gut begründet werden", sagt Eva-Maria Backmeis­ter. Sie rät, auch bei Wunschvormündern alle ­Gründe zu nennen, die für deren Wahl sprechen.

Das hat der Vormund zu tun

Im Ernstfall übernimmt der Vormund weitreichende Pflichten. "Er muss zuallererst regeln, was das Kind nach dem Tod der Eltern zu regeln hätte, wenn es volljährig ­wäre", erklärt Richterin Andreß. Das betrifft vor allem das Erbe und mögliche Ansprüche daraus (etwa, wenn es noch nicht abbezahlte Immobilien gibt). Kompliziert kann es werden, wenn die Eltern zum Beispiel ein Unternehmen oder eine­ Arztpraxis hatten, die verkauft oder abgewickelt werden muss. "Dabei darf der Vormund aber auch auf Experten wie etwa Juristen zurückgreifen", so Andreß. Bezahlt würden sie aus dem Erbe.

Im Alltag ist der Vormund in allen­ Bereichen rechtlich verantwortlich: Er hat über die medizinische Versorgung genauso zu entscheiden wie über die Schulwahl, das Abschließen eines Handyvertrags, eine Vereinsmitgliedschaft oder die Fahrt ins Ausland. Gab es ein Erbe, hat er es zu verwalten, wenn es keine andere ­Regelung gab."Dabei steht der Vormund stets unter der Aufsicht des Familiengerichts", sagt Monika Andreß. Jeder­zeit kann das Gericht Auskunft etwa über den Aufenthaltsort des Kindes verlangen, seine persönliche Umgebung, seinen Gesundheitszustand, über den Stand seiner Schul- oder beruflichen Bildung oder zu anderen, besonderen Ereignissen. Zudem hat der Vormund einmal jährlich Bericht über das Erbe zu erstatten – außer die Eltern entbinden ihn im Testament von dieser­ Pflicht.

Fühlt sich der Wunschvormund dieser Aufgabe nicht gewachsen, hat er ein Ablehnungsrecht. "Auch ist es möglich, die rechtliche Verantwortung und die Pflege zu trennen", sagt Monika Andreß. Der Vormund muss das Kind also nicht zwangsläufig bei sich leben lassen und aufziehen­. Stattdessen könnte er auch nach einer Pflegefamilie oder einem ­Heimplatz suchen.

Testament und Sorgerechtsverfügung verfassen

In der Regel ist die Verfügung Teil eines Testaments, das selbst privat­­schriftlich oder nota­riell abgefasst werden kann. "­Eltern können es also eigen­händig oder mithilfe­ eines Notars erstellen", erklärt Richterin Andreß. Sie bezeichnet das nota­rielle Tes­tament als "wasser­dicht" und ­beste Lösung. Je nach ­Gesamtvermögen der Eltern fallen beim ­Notar Gebühren an. Bei 10 000 Euro Vermögen betragen sie etwa 150 Euro, bei 200 000 Euro 870 Euro.

Neben der Wahl des Vormunds regeln Eltern im Testament ihr ­Erbe und damit auch eine mögliche ­finanzielle Hilfe (siehe­ unten). Sie können einen Testamentsvollstrecker – der am bes­ten eine andere Person als der Vormund ist – mit ernennen sowie einen Gegen-Vormund zur Kontrolle des Vormunds. Wer ein Testament samt Sorgerechtsverfügung selbst schreiben will, muss auf die Form achten (mit "Testament" oder "Letzter Wille" als Titel, komplett handschriftlich, mit Datum, Ort und Unterschrift versehen). "Auch die Formulierungen sind wichtig", sagt häufig Backmeister. Sie warnt davor, auf Textbausteine aus unseriö­sen Internetquellen zu setzen.

Geeignete Formulierungshilfen und Checklisten gibt es zum Beispiel bei der Verbraucherzentrale­. "Bestenfalls wird das privatschriftliche wie das notarielle­ Testament schließlich beim Amtsgericht hinterlegt", erklärt Eva-Maria Backmeister. Die Gebühr liegt dafür bei 75 Euro.

Welchen Unterhalt bekommen die Kinder?

Der Vormund muss nicht für den Unterhalt des Kindes auf­kommen. Waren die Eltern bereits rentenberechtigt, gibt es eine (oft geringe) Waisenrente. Hatten sie ­eine Lebensversicherung, kann ­diese zum Unterhalt beitragen. Starben die Eltern etwa bei einem Unfall und waren nicht Verursacher, sondern Opfer, könnten daneben Versicherer des Verursachers zahlen. "Auch ­würde geprüft, inwiefern ­etwa die Groß­eltern für den Unterhalt aufkommen müssen", so Andreß.

Haben die Eltern es im Testament nicht anders geregelt, dürfen­ nur Erträge (etwa Mieten oder Zinszahlungen) aus einem möglichen Erbe für den Unterhalt verwendet werden. "Grundsätzlich sollte der Vermögensstamm unangetastet bleiben", erklärt die Richterin. Im Zweifel würde das Kind Sozialhilfe bekommen.

Notarin Eva-Maria Backmeister rät ­Eltern, die ein Vermögen zu vererben haben, im Testament festzulegen, dass dieses zum Unterhalt herangezogen werden kann – zum Beispiel in Höhe der Düsseldorfer Unterhaltstabelle. "Die Situation ist für alle Beteiligten schwierig genug. Wenn es die Möglichkeit gibt, die finanzielle Situation zu vereinfachen, sollte man das tun", sagt sie. Verbraucherschützer raten Eltern ­außerdem dazu, Risiko-Lebensversicherungen abzuschließen.


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