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Corona: Was hilft psychisch belasteten Eltern?

Die Isolation in der Corona-Krise ist eine Herausforderung für Eltern und Kinder. Umso mehr, wenn Familien ohnehin schon belastet sind. Wo finden sie jetzt Unterstützung? Psychologin Prof. Silke Wiegand-Grefe erklärt es

von Nele Langosch, 06.04.2020

Frau Prof. Wiegand-Grefe, in manchen Familien herrscht immer ein Ausnahmezustand – weil Eltern es nicht schaffen, fürsorglich für ihre Kinder da zu sein. Was bedeutet die aktuelle Situation für sie?

Wir alle stehen momentan vor großen Herausforderungen. Unser Alltag wird teilweise komplett auf den Kopf gestellt. Für instabile Familien ist diese Zeit umso schwieriger. Ihnen fehlen Strategien und Kompetenzen, die ihnen jetzt helfen könnten, die Situation zu bewältigen.

Was meinen Sie mit "instabile Familien"?

Das sind Familien, die besonders dringend gewohnte Abläufe und Strukturen brauchen. Oft handelt es sich um Familien mit einem psychisch kranken oder substanzabhängigen Elternteil. Eine Mutter mit einer Depression nutzt zum Beispiel normalerweise die Zeit, in der das Kind im Kindergarten ist, für die eigene Stabilisierung, also etwa um sich zu entspannen, aber auch für den Haushalt oder den Beruf. Jetzt muss die Mutter die Kinder betreuen, parallel den Haushalt führen und vielleicht noch arbeiten. Das ist schon für gesunde Familien eine Herausforderung, Eltern mit einer psychischen Erkrankung sind aber oftmals überfordert.

Diplom-Psychologin Dr. Silke Wiegand-Grefe

Was heißt das für die Kinder?

Sie haben es noch schwerer als sonst. Für diese Kinder sind Beziehungen außerhalb der Familie besonders wichtig, also Freunde, Nachbarn, Erzieherinnen, Lehrkräfte oder andere Eltern aus dem Umfeld. Diese stabilisierenden Kontakte fallen jetzt weg.

Welche Probleme entstehen dadurch?

Alle psychischen Erkrankungen und Auffälligkeiten können jetzt leichter auftreten. Das betrifft besonders Kinder mit einem psychisch kranken Elternteil, etwa mit einer Depression. Die aktuelle Situation kann Ängste verstärken, wenn Kinder mit den Informationen, die gerade auf sie einströmen, nicht richtig umgehen können. Es können auch bei Kindern Depressionen ausgelöst werden, vor allem wenn stabilisierende Aktivitäten wie Sport oder soziale Kontakte wegfallen. Je jünger die Kinder sind, desto gefährdeter sind sie. Ältere Kinder haben sich oft schon ein eigenes Netzwerk in Schule oder Hort aufgebaut und können ihre Kontakte selbstständiger über das Internet oder Telefon pflegen. Jugendliche, die dafür anfällig sind, könnten jetzt aber eine Mediensucht entwickeln, wenn sie dazu neigen, viel am PC zu sitzen.

Könnte die aktuelle Situation sich langfristig auf die Entwicklung von Kindern auswirken?

Das kommt darauf an, wie gut sie jetzt aufgefangen werden – und ob sie spätestens, wenn sich die Situation normalisiert, Unterstützung durch Erwachsene erfahren. Es ist also entscheidend, wie gut die Eltern und andere Personen in ihrer Umgebung auf sie achten und ob sie therapeutische Hilfe bekommen. Dass psychische Erkrankungen ausbrechen, heißt nicht, dass sie für immer bestehen bleiben.

Einige Kinder könnten den Anschluss in der Schule verlieren, weil sie nicht ausreichend gefördert werden. Andere dagegen lernen vielleicht zuhause mit weniger Ablenkung sogar besser als in der Schule – vorausgesetzt sie bekommen ein Minimum an Unterstützung und Struktur durch die Eltern.

Kann die Situation für die Kinder auch körperlich gefährlich werden?

Familien mit psychisch kranken Eltern haben sehr unterschiedliche Probleme. Nur ein kleiner Prozentsatz dieser Eltern verhält sich den Kindern gegenüber aggressiv oder vernachlässigt sie. Besteht aber eine Neigung zu Gewalt, dann ist das Risiko unter den aktuellen Bedingungen, zusammengedrängt auf engem Raum zu leben, gerade erhöht.

Können Sie den Familien noch mit Beratung und Therapie zur Seite stehen?

In ganz Deutschland suchen und finden Psychotherapeuten, Familientherapeuten und Beratungsstellen gerade kreative und individuelle Lösungen, um belastete Familien weiter zu unterstützen. Wir setzen die Psychotherapie mit den Eltern und jugendlichen Kindern über Videokonferenzen oder Telefon fort. Das ist natürlich für alle anders, als wenn man sich persönlich trifft, und beeinflusst auch die Beziehung zum Patienten, aber es geht oftmals besser, als gedacht. Auch kleinere Kinder profitieren davon, wenn man die Eltern gut berät. Wenn nötig, zum Beispiel weil die Kinder noch klein sind, kommen die Familien weiter zu uns in die Ambulanz. Die Eltern fragen in der Therapie jetzt gezielt nach Aspekten, die mit der Corona-Krise zu tun haben, zum Beispiel wie sie ihre Kinder schulisch besser unterstützen können.

Was hilft allen Eltern in dieser Situation besonders?

Wenn sie ihre Ansprüche herunterschrauben und nicht denken, sie müssten Haushalt und Beruf in gleicher Weise schaffen wie früher und dazu noch Lehrer oder Erzieher sein. Das geht gar nicht, weil diese eine ganz andere Beziehung zum Kind haben als Mutter oder Vater. Wenn man seinem Kind nicht ausreichend helfen kann, sollte man sich Unterstützung holen: bei den Lehrkräften, Erzieherinnen oder anderen Eltern. Die Lehrkräfte können sich daraufhin zum Beispiel per Mail oder telefonisch ein Bild machen, wie die Kinder mit den Schulaufgaben zurechtkommen, und bei Bedarf weitere Erklärungen anbieten.

Und was kann Eltern momentan stärken?

Wenn sie nicht so weit in die Zukunft schauen, sondern eine Woche nach der nächsten organisieren, oder gar nur von Tag zu Tag denken und planen. Es hilft nicht, sich verrückt zu machen, ob man im Juli in den Urlaub fahren kann. Besser ist es, auch mal zurückzublicken und wertzuschätzen, was sie bisher schon gemeistert haben, dass sie zum Beispiel eine neue Struktur in den Alltag zuhause gebracht, gemeinsam Spaziergänge gemacht oder gemeinsam gesund gekocht haben.

Wie können Eltern Ängste der Kinder auffangen, die durch Corona ausgelöst werden?

Indem sie für die Kinder ansprechbar sind und ihre Fragen beantworten. Und indem sie versuchen wahrzunehmen, was genau den Kindern Angst macht, und offen mit ihnen über diese Themen sprechen. Eltern können sich auch mit ihren Kindern gemeinsam informieren oder auf kindgerechte Informationen (zum Beispiel über die "logo!"-Kindernachrichten) verweisen. Einerseits ist es wichtig, die Situation nicht zu verleugnen. Sie stellt auch für die Erwachsenen eine große Herausforderung dar. Andererseits sollte man signalisieren: "Wir Erwachsenen sind verantwortlich für das Funktionieren unserer Familie und werden unser Bestes geben. Corona ist nichts, was ihr als Kinder steuern könnt." Also mit breiten Schultern Sicherheit und Geborgenheit vermitteln. Das schaffen auch die meisten psychisch kranken Eltern.

Merken psychisch kranke Eltern, wenn die Situation zuhause aus dem Ruder läuft?

In aller Regel ja – an der eigenen Hilflosigkeit oder den Emotionen, die überschießen.
Dann sollten sie die Situation verlassen und am besten kurz an die frische Luft gehen.
Sie können sich auch an den Kinder- oder Hausarzt wenden, an niedergelassene Psychotherapeuten oder an Ambulanzen in Kliniken für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie oder -psychiatrie. Es wurden außerdem viele zusätzliche Sorgentelefone eingerichtet. Auch einige Schulbehörden bieten telefonische Hilfe an.

Wie können Nachbarn oder Freunde jetzt für die Familien da sein?

Indem sie in Kontakt bleiben, anrufen, eine Nachricht schreiben, Unterstützung anbieten. Wenn es die Sonderregeln in der Corona-Krise zulassen, können sie auch mit dem Kind in den Garten oder in die Natur gehen. Wenn Nachbarn merken, dass es in einer Familie sehr heftigen Streit gibt und sie Gewalt vermuten, sollten sie die Polizei oder das Jugendamt anrufen. Das geht auch anonym.

Hilfe in der Krise:

Zentrum für Psychotherapie der Goethe-Universität Frankfurt am Main
Tel: 069 - 79 84 66 66

Nummer gegen Kummer
Tel: 116 111 (Kinder und Jugendliche)
Tel: 0800 111 05 50 (Elterntelefon)

Telefonseelsorge
Tel: 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222

Hotline Deutscher Psychologinnen und Psychologen e.V.
Tel: 0800 777 22 44

 


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