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Corona-Tagebuch: "Dann gibt's halt Fernsehen"

Coronavirus. Kita zu. Drei Kinder. Dass die Arbeit in den eigenen vier kleinen Wänden so seine Grenzen hat, schildert Baby-und-Familie-Redakteurin Julia Schulters. Ein Bericht direkt aus der Homeoffice-Hölle

von Julia Schulters, 20.03.2020

Corona-Homeoffice, Woche 2

Seitdem wir uns nach bayernweiter Ausgangsbeschränkung jetzt nur noch zwischen drei Zimmern auf 80 Quadratmetern bewegen, haben in unserem Haushalt alarmierende Entwicklungen ihren Lauf genommen: In den letzten 36 Stunden habe ich 500 Gramm englische Weingummis gegessen, davon mindestens 250 Gramm mit klebriger Lakritzhälfte. Unsere Kinder schauen besorgniserregend viel Fernsehen – davon zum Großteil ein einigermaßen besorgniserregendes Programm. Meine durchschnittliche Bildschirmzeit auf dem Smartphone beträgt laut aktuellen Smartphonebrechnungen 5 Stunden, 32 Minuten am Tag, davon entfallen schätzungsweise je drei Stunden auf die intensive Internetrecherche zum Thema Coronavirus und rund zweieinhalb Stunden auf Videotelefonate mit meiner Mutter.

Interessanterweise lässt sich also beobachten: Je mehr draußen verboten wird, desto freigiebiger und lockerer werde ich mit mir und den Kindern drinnen. Süßigkeiten? Na, logisch darf jeder mehrmals am Tag eine Hand voll Gummibärchen essen! Fernsehen: Ihr habt erst zwei Stunden geschaut? Na klar, dürft ihr noch eine Folge! Internet? Überlebenswichtig in dieser Zeit! Und haben wir in den letzten drei Stunden eigentlich schon Oma angerufen?

Experternfoto Julia Schulters Buch Mein Baby und Ich BuF

Sollte es zu einer deutlichen, ja schlimmstenfalls mehrmonatigen Verlängerung der bayerischen Ausgangsbeschränkung kommen, sind damit folgende Dinge zu befürchten: 1. Ich werde dick. 2. Meine Kinder werden doof. 3. Meine drei Töchter werden ihre Mutter als Weingummi kauende Matrone in Erinnerung behalten, die permanent ein Smartphone in der Hand hält – und eine Oma, die darin wohnt.

Wie es soweit kommen konnte? Wahrscheinlich hatte ich das Gefühl, die vielen Verbote der letzten Tage irgendwie kompensieren zu müssen. "Ich will mit Beatrice spielen", maulte meine Fünfjährige schon vor zwei Tagen. "Geht nicht, wir dürfen uns nicht mehr mit anderen treffen, wegen dem Coronavirus", hatte ich erklärt und naiverweise auf Verständnis gehofft. "Ich will wenigstens auf den Spielplatz", jammerte unsere  Dreieinhalbjährige wenig später und stampfte beleidigt auf den Boden. "Die sind wegen dem Coronavirus abgesperrt." "Bäh", machte meine Mittlere. "Buh", sagte meine Älteste. "Ist morgen endlich wieder Kindergarten?" Neee, sagte ich. "Der hat mindestens noch bis nach Ostern zu." Und so ging das die letzten Tage weiter: Schwimmkurs? Gibt es gerade nicht! Kinderchor? Fällt aus. Turnen? Nicht bevor der Kindergarten wieder aufmacht. Mit Freunden draußen Roller fahren? "Nee, aber hey, wir können ja mal Oma anrufen!"

Also ehrlich. Darf man einer Dreifach-Mutter mit 80 Quadratmetern Aktionsradius, ohne Balkon in einem solchen Ausnahmezustand verübeln, dass sie ihren drei frustrierten Kindern gewährt Youtube-Videos zu streamen, in denen eine erwachsene blondgelockte Frau Barbie-Friseur spielt oder jemand Lidschatten mit Lippenstift und Knete zu einem unansehnlichen Brei verwurschtelt? Ich finde nicht.

Und deshalb erlaubte ich gestern Abend auch großzügig das Lackieren aller Fingernägel bei allen in unserem Haushalt lebenden Personen ab drei Jahren in den Farben Pink und Glitzer. "Und Nägel anmalern ist nicht verboten wegen Carinavirus, oder Mama?", fragte meine Dreieinhalbjährige und schaute mich mit großen Augen an. Und das fand ich dann so rührend und traurig zugleich, dass ich noch während der pink-glitzernde Lack trocknete, eine Runde englische Weingummis für alle spendierte. Die mit der klebrigen Lakritzhälfte.

Corona-Homeoffice, Woche 1

Wir befinden uns am Ende von Woche eins mit bundesweiter Kindergartenschließung und ich schreibe aus der Coronavirus-Homeoffice-Hölle. Fakt ist: An unserer Wand im Wohnzimmer befindet sich nun ein großflächiger braun-ockerfarbener Fleck, der fatal an die ersten Höhlengemälde der primitiven Menschheit erinnert und zwei meiner drei Kinder haben mich in den letzten 48 Stunden mehrfach von ihren künftigen Geburtstagen ausgeladen oder mir wahlweise die Freundschaft gekündigt.

Meine Erkenntnisse nach vier Tagen Homeoffice in Anwesenheit meiner drei Töchter zwischen ein und fünf Jahren sind folgende:

  1. Wir brauchen sehr dringend eine sehr viel größere Wohnung. Optimalerweise mit Garten.
  2. Wir brauchen ein festangestelltes Kindermädchen. Bestenfalls außerhalb der Risikogruppe unter 50.
  3. Soziale Distanz gepaart mit Homeoffice mindert bei geschwätzigen Rheinländerinnen wie mir offenbar die Stressresistenz und steigert das Wutpotential.

Verdammt nochmal! Da wir uns weder Punkt 1 noch Punkt 2 in einer Stadt wie München jemals werden leisten können, bleibt und also nur unsere 3-Zimmer-Wohnung in spätestens fünf Wochen kernzusanieren und Punkt 3 irgendwie in den Griff kriegen.

Experternfoto Julia Schulters Buch Mein Baby und Ich BuF

Nicht so einfach. Denn ehrlich: Ich bin echt genervt. Ich muss meine Arbeit fertig kriegen und nebenbei drei Kinder auf 80 Quadratmetern davon abhalten sich wegen der limitierten Anzahl von blinkenden Meerjungfrauen-Barbies büschelweise die Haare auszureißen. "Gibt's halt Fernsehen", befand ich gestern nachmittag großzügig und klappte in freudiger Erwartung schonmal mein Laptop auf, um meine E-Mails zu checken. Meine beiden älteren Töchter fanden die Idee irre gut, bis ich die Fernbedienung in die Hand nahm, um ein pädagogisch wertvolles Fernsehprogramm auszuwählen. "Ich bin Bestimmer und darf aussuchen", entschied meine Mittlere. "Du warst gestern schon Bestimmer", maulte meine Große. "Wohl nicht", sagte meine Mittlere. "Wohl doch!", brüllte meine Große. "Mama", heulte meine Mittlere. "Sie ist immer Bestimmerin und ich bin nie Bestimmeriiiiiiiiiiiin." Bling, bling machte mein Laptop. Grr, grr, summte mein Handy. "Wuaahhhhh", machte meine bis dahin verdächtig ruhige Anderthalbjährige und streckte mir die offene Make-Up-Tube aus dem Badezimmer – Sorte waterproof– entgegen, mit der sie zuerst ihre Hand und dann die Wand unseres Wohnzimmers großzügig kontaminiert hatte.

Nun, wie die Sache ausgegangen ist? Besagter Fleck ließ sich zwar mit Schwamm und Glasreiniger nicht entfernen, aber dafür sehr abstrakt auf weißer Wand verschmieren. Mein Einwand, dass überhaupt nur ich ganz allein Bestimmerin zu Hause bin, führte zu sofortigen Entfreundung mit mir, ließ aber die beiden Schwestern wieder näher zusammenrücken. Ach ja, und meine Arbeit? Ja, die mache ich auch noch. Irgendwann.


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