{{suggest}}


Corona-Tagebuch: Bei Oma und Opa

Coronavirus. Kita zu. Drei Kinder. Baby-und-Familie-Redakteurin Julia Schulters ist mit ihrer Familie nun zu den Großeltern geflüchtet. Doch der Alltag gestaltet sich dort nicht ganz so, wie sie sich das vorgestellt hat...

von Julia Schulters, aktualisiert am 05.06.2020

Experternfoto Julia Schulters Buch Mein Baby und Ich BuF

Corona-Tagebuch, Woche 12: Bei Oma und Opa

Nur mal angenommen, die eigenen Enkelkinder würden einen nicht ganz unerheblichen Schaden im großelterlichen Eigenheim anrichten, würde eigentlich die private Haftpflicht sowas bezahlen? Ich sollte dringend die Versicherungspolice überprüfen, der Ernstfall ist nicht unwahrscheinlich.

Coronakrisen-Woche zwölf: Ich schreibe aus meinem alten Kinderzimmer. 750 Kilometer entfernt von zu Hause, holzvertäfelte Decke, Traumfänger über dem Bett und meine alte Puppe liegt neben mir. Letztere ist leider seit ein paar Tagen einbeinig, denn Lisa-Sabine hat durch einen kleinen, aber gewaltsamen Vorfall zwischen meinen beiden jüngeren Töchter ihr rechtes Bein verloren. Oma war not amused.

Und so befinden wir uns in meinem kleinen trauten Elternhaus am Niederrhein stets in einem gewissen Spannungsfeld zwischen unendlicher Freude, uns nach wochenlangem Corona-Besuchsverbot endlich wieder leibhaftig zu sehen, und unendlicher Angst das Interieur der Großeltern zu zerstören und die Gastfreundschaft überzustrapazieren. 120 Quadratmeter, sieben Leute, ein Badezimmer, drei Kinder und kaum Ausflugsmöglichkeiten: Man hätte sich denken können, dass ein Urlaub bei Oma und Opa zu Coronazeiten durchaus von einer gewissen Brisanz geprägt sein würde.

Fakt ist: Unsere Töchter haben in den letzten eineinhalb Wochen sämtliche Barbies meiner Kindheit enthauptet, Omas Stiefmütterchen auf der Terrasse geköpft und den Lampenschirm aus dem Gästezimmer auf dem Gewissen. Auf unser Konto gehen außerdem vier Trinkgläser, ein Eierbecher mit Nordsee-Motiv und zwei Untertassen einer namenhaften Porzellanmanufaktur. Unnötig zu erwähnen, dass die Stimmung schon mal besser war.

Dabei war das Wiedersehen überaus herzlich ausgefallen. Das Baby hatte sich sich riesig gefreut, dass es Oma nicht nur im Handy gibt, sondern auch im echten Leben. Und Oma hatte sich riesig gefreut, dass ihre beiden älteren Enkelinnen, die sonst nie mit ihr telefonieren wollen, im echten Leben richtig nett zu ihr sind. Dummerweise freuten sich allerdings auch alle drei Mädchen ziemlich schnell über Omas und Opas neue Ledercouch, auf der man nicht nur besonders gut sitzen, sondern auch besonders gut hüpfen kann. Opa wiederum freute das überhaupt nicht und kam ziemlich schnell zu dem Ergebnis, dass das weder der Federkern noch dem beigefarbenen Rindsleder besonders zuträglich sei.

Um den allgemeinen Frieden zu wahren, hielten wir es daher für eine brillante Idee, in Kinderplastikgeschirr zu investieren und einen Großteil unseres Heimaturlaubes im Garten zu verbringen. Seitdem wird jegliche Annäherung an die Terrassentür aller temporären Haushaltangehörigen unter sechs Jahren von Opa kritisch hinterfragt. Regel: Wer nicht dringend Pipi machen muss, bleibt bei schönem Wetter draußen.

Wir hatten uns gerade alle so schön mit den neuen, haushaltschonenden Regelungen arrangiert, da begannen die Kinder unseren Outdoorurlaub etwas zu ernst zu nehmen. "An welchen Baum pieselst du eigentlich immer?", flüsterte unsere Älteste ihrer Schwester neulich nachmittags zu. "Da vorne auf die Blumen", befand unsere Dreijährige und ich hoffte inständig, dass Omas Ohren das niemals hören würden. Doch dann passierte der generationenübergreifende Supergau.

"Kacka", sagte das Baby ein paar Tage später und guckte unschuldig drein. "Iiiiiiieeeh", schrie Oma aus der Küche wenig später und guckte angewidert drein. Was passiert war? Das Baby hatte seine Schwestern zum Vorbild genommen und sich ebenfalls im Wildpieseln versucht, stattdessen aber gleich sein großes Geschäft im Garten verrichtet. Oma war mit ihren Hausschuhen, die mit dem tiefen Profil auf der Sohle, in die Tretmiene getreten und hatte diese unbemerkt auf den elfenbeinfarbenen Wohnzimmerfliesen gekonnt um die beige Ledergarnitur herum verteilt.

Seitdem herrscht Windelpflicht für Babys im Garten und Pieseln an Bäume und Blumen ist strengstens verboten. Und ich weiß immerhin, dass unsere Töchter ihre Zerstörungswut nicht von mir haben können. Nach aktuellen großelterlichen Überlieferungen habe ich als Kind nämlich niemals Barbies geköpft, Puppenbeine amputiert oder Stiefmütterchen gepflückt. Stattdessen habe ich frühzeitig ordnungsgemäß das Töpfchen benutzt, brav auf der Couch gesessen, wenig gekleckert und sehr viel geschlafen. Und Wildpieseln? Nicht mal daran gedacht habe ich. Sagen Oma und Opa.

Experternfoto Julia Schulters Buch Mein Baby und Ich BuF

Corona-Tagebuch, Woche 9: So müde!

Neun Wochen nach bundesweiter Kitaschließung bin ich vor allem eines: müde. Und das liegt vermutlich daran, dass ich tagsüber ziemlich ausgelastet bin und unsere Kinder überhaupt nicht. Seitdem alle zu Hause sind, will abends keiner mehr schlafen. Also keiner, außer mir. Für meinen Geschmack gehen unsere Kinder alle viel zu spät ins Bett und stehen viel zu früh auf. Und in der Zeit dazwischen schlafen sie eigentlich auch nicht.

Zurzeit kann man sich unsere Zu-Bett-geh-Routine ungefähr so vorstellen: Während mir in aller Regel gegen spätestens neun Uhr die Augen zu fallen, erreichen die Energielevel unserer Töchter allabendlich ihren Höhepunkt. Schlafen möchten alle Haushaltsangehörigen zwischen eins und fünf zu den gängigen Einschlafzeiten Eins- bis Fünfjähriger jedenfalls eher nicht. Weil sie zum Beispiel sehr dringend Kunststücke auf der Matratze aufführen müssen. Weil ihnen einfällt, dass sie Durst haben, aber nur auf Apfelschorle. Weil sie einen ganz bestimmten Schnuller brauchen, vorzugsweise den, den die jeweils andere gerade hat. Oder weil mindestens einer unserer Töchter irgendwann zwischen Gute-Nacht-Geschichte 1 und 2 zu der Erkenntnis kommt, dass sie trotz Corona-Ausnahmezustand den ganzen Tag noch kein Fernsehen geschaut hat und dass das furchtbar ungerecht ist. Und wenn dann irgendwann alle im Bett liegen, fällt mir plötzlich ein, dass wir unbedingt nochmal Zähne putzen sollten – wegen der Apfelschorle.

Leider ist alles, was zwischen Mitternacht und 6 Uhr morgens passiert, nicht besser. Schnuller, Decke, Wasser, Pipi, Stillen, Albträume – all diese mehr oder minder großen Problemchen versorge ich irgendwann zwischen meinen REM- und Tiefschlafphasen abwechselnd im Zweistundentakt und spätestens nach 0 Uhr auf 1,60 Meter Bettbreite. Bis dahin spätestens hat sich nämlich auch das älteste unserer Kinder in unser Schlafgemach gesellt.

Man könnte meinen, die stillende, nachtaktive Dreifachmutter hat es in diesen besonderen Zeiten ganz besonders schwer – muss sie doch tagsüber Homeoffice und Kinderbetreuung und nachts Schlaf und Kinderbetreuung unter einen Hut bringen. Dachte ich auch. Und fast tat ich mir schon ein bisschen selber leid. Doch dann wurde coronabedingt unser Urlaub abgesagt. Und ich musste die Airline-Hotline erreichen – optimalerweise vor dem eigentlichen Abflugtermin.

Ich versuchte es ungelogen 102 Mal während der Mittagspause, auf dem Spielplatz und beim Frühstück an fünf aufeinanderfolgenden Tagen: 86 Mal ertönte gleich das Besetztzeichen am anderen Ende der Leitung, sechzehn Mal klang Musik und eine freundliche Ansage am Telefon, ich möge es doch bitte zu einem späteren Zeitpunkt versuchen. Aber dann irgendwann kam mir die geniale Idee aus der Not eine Tugend zu machen.

"Uaaaaah", brüllte das Baby die darauffolgende Nacht wie jede Nacht gegen zwei. "Jaja", maulte ich wie jede Nacht gegen zwei und dockte an. Und dann nahm ich mein Handy und wählte die Airline-Hotline. Kein Besetztton, keine Musik, keine Ansage. Stattdessen: "Bitte bleiben Sie in der Leitung". Warteschleife! Welch ein Fortschritt!

Ich stillte eine halbe Stunde. Ich stillte eine dreiviertel Stunde. "Ich will Schnulli", ordnete meine Dreijährige an und machte eine 180-Grad-Drehung auf der Matratze. "Bitte bleiben Sie in der Leitung", sagte die Stimme in meinem Handy. "Schhhschhh", machte das Baby und schlief wieder ein. Ich googelte: Flug, Rückerstattung, Corona. Eine Stunde lang. Zwei Stunden lang. "Sie nimmt mir die Decke weg", heulte meine Fünfjährige gegen halb fünf im Schlaf und trat ihre Schwester gegen das Schienbein. "Uaahh", setzte das Baby zur nächsten Stillmahlzeit an. "Bitte bleiben Sie in der Leitung", sagte die Warteschleife. Und dann vielen mir selber die Augen zu.

Wie die Sache ausging? Positiv! Denn um Punkt zwanzig vor sechs erreichte ich an diesem Dienstagmorgen endlich eine englischsprachige Airline-Mitarbeiterin. Seitdem wage ich zu behaupten, dass stillende, nachtaktive Dreifachmütter vielleicht sogar besser durch die Krise kommen. Denn hätte unsere Mittlere mir nicht genau zwei Minuten vorher "Ich muss auf Klo mit dir" ins Ohr gebrüllt – ich hätte meine Chance auf einen echten Menschen am anderen Ende der Leitung glatt verschlafen.

Experternfoto Julia Schulters Buch Mein Baby und Ich BuF

Corona-Tagebuch, Woche 8: Maskenpflicht

Seitdem in München die Maske zum verpflichtenden Einkaufsaccessoire gehört, haben wir zumindest ein Problem weniger: Unsere Töchter finden andere Menschen mit Maske jetzt nicht mehr so exotisch und damit zum Glück auch deutlich weniger bemerkenswert als vorher. "Guck mal, Mamaaaaa, der hat ne Maskeeeeee!" oder "Guck mal Mamaaaaa, der hat Coronaaaaa!" brüllt erfreulicherweise jetzt keiner mehr aus unserem offenen Lastenrad heraus. Das war schon mal anders. Und das war meistens peinlich.

Stattdessen müssen wir jetzt selber Masken tragen und haben dafür jede Menge neue Probleme dazubekommen. 1. Das Baby erkennt vor lauter Maske seine Eltern nicht mehr und bringt seinen Unmut darüber sehr regelmäßig sehr lautstark zum Ausdruck. Vorzugsweise beim Eintritt in den Supermarkt. 2. Ich bekomme beim Masketragen erst eine beschlagene Brille, dann Schweißausbrüche und dann Konzentrationsschwierigkeiten. 3. Unsere älteren beiden Töchter brauchen zwar überhaupt keine Maske, halten es aber für unbedingt notwendig  eine zu tragen. Vorzugsweise in pink und mit Einhörnern. Im Notfall – wie gesagt im Notfall – mit Meerjungfrauen.

Wir setzten daher all unsere Hoffnung in Tante Moni, begabte Dirndlschneiderin und herzensgute Anverwandte, die sich bereit erklärte ein paar Unikate für uns zu nähen. Unsere Bestellung: Vier Masken, allesamt in babyfreundlicher Optik, bitte aus luftdurchlässigem Material und zweimal mit Mädchenmotiv. Die Lieferung folgte prompt ein paar Tage später – und ließ nicht nur das Baby weinen. "Das sind keine Einhörneeeeeer", schluchzte unsere Älteste, während sie eine gelbe Blümchenmaske aus dem Paket zog. "Die ist nicht pihihihink", schluchzte unsere Dreieinhalbjährige. "Da sind nicht mal Meerjungfraueeeeen", schluchzten beide abwechselnd. "Uaaaaah", schluchzte das Baby beim Anblick seiner Eltern.

Glücklicherweise konnte eine beherzte Rede meinerseits, nämlich, dass mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kein anderes Kind auf diesem Planeten und schon gar kein Kind aus unserem näheren Bekanntenkreis oder gar der Kindergartengruppe eine Maske mit Einhörnern oder Meerjungfrauen besitzt, zu einer kurzfristigen Stabilisierung des Stimmungslage beitragen. Und die Aussicht auf einen baldigen aufregenden Supermarktbesuch mit Maske, versöhnte beide zumindest temporär mit dem gelben Blümchenmundschutz.

Zum vermummten Ausflug in den Supermarkt kam es dann aber doch nicht. Denn noch bevor wir unsere Masken aufsetzten, stellte das Baby fest, dass es als einziges Familienmitglied bei der Maskenbeschaffung übergangen worden war und wurde wütend. Und weil es daraufhin seiner ältesten Schwester versuchte, die Maske mit unlauteren Mitteln zu entziehen, wurde diese auch wütend. Und da zwei wütende Schwestern die dritte Schwester, die sowieso schon wütend war, weil ich zu Anpassungszwecken einen Knoten ins Masken-Gummi gemacht hatte, noch wütender machten, kam es zum großen Showdown: Die mittlere Schwester fletschte das Gummi der  Blümchenmaske der ältesten Schwester ins Gesicht.

Ich bin daraufhin alleine gegangen. Ebenfalls wütend. Aber das konnte ja zum Glück keiner sehen.

Experternfoto Julia Schulters Buch Mein Baby und Ich BuF

Corona-Tagebuch, Woche 7: Schwindende Exit-Strategien

Der Kindergarten und die Tagesmutter haben seit sieben Wochen geschlossen, und unsere Vorstellungen bezüglich der Exit-Strategien aus diesem Schlamassel könnten in unserer Familie nicht unterschiedlicher sein. "Kindergartenöffnung sofort", fordern mein Mann und ich. "Kindergartenöffnung nie wieder", fordert der Großteil unserer Kinder.

Interessanterweise lässt sich feststellen: Je länger wir Erwachsenen zwischen Spaghetti-Bolognese kochen, Videocalls und Knetmännchen basteln hin- und herswitchen und dabei regelmäßig an den Rande eines Nervenzusammenbruchs geraten, desto besser finden unsere drei Töchter die Zeit zu Hause.

Das ist einerseits natürlich sehr erfreulich, weil offenbar weder die Spaghetti-Bolognese noch die Knetmännchen von allzu schlechter Qualität zu sein scheinen. Dumm ist nur, dass zum Beispiel die Sache mit den Videocalls auf der Strecke bleibt. Letztens erst klinkte ich mich mit zwei Kindern auf dem Schoß – eins heulend, eins wütend, weil ein ganz bestimmter rosa-Elefantenschnuller plötzlich und unerwartet verschollen war – in die virtuelle Redaktionskonferenz ein. Ich dachte eigentlich das freundliche Winken meiner Kollegen galt mir und meinem am Boden zerstörten Nachwuchs zur Begrüßung, in Wirklichkeit verabschiedeten sich da gerade alle schon wieder. Meine Erkenntnisse aus diesem kurzen, aber durchaus eindrucksvollen Videotelefonat würde ich wie folgt zusammenfassen: Ich muss dringend zum Friseur, und unsere Kinder müssen in den Kindergarten und zur Tagesmutter. Beides eilt.

Die Sache mit der Wiedereingewöhnung – sollte es jemals wieder zu einer Wiedereingewöhnung kommen – hat in unserem Fall allerdings genauso viele Haken wie wir Kinder haben. Haken Nummer 1: Seitdem ich wieder permanent verfügbar bin, hängt auch mein anderthalbjähriges Kleinkind permanent wieder an meiner Brust. Und da unsere Tagesmutter vermutlich auch nach der Coronakrise kein ammenhaftes Vollstillen anbietet, stehen ihr und mir höchstwahrscheinlich schwere Zeiten bevor. Haken Nummer 2: Unsere Fünfjährige hat sich netterweise zwar ganz grundsätzlich bereit erklärt, sich irgendwann in ihrem Leben wieder fremdbetreuen zu lassen. Allerdings nur unter der Voraussetzung, dass ihre kleine Schwester mit in den Kindergarten kommt und wir ihr als kleines Dankeschön ein Barbie-Wohnmobil mittlerer Größe kaufen. Und damit kommen wir zu Haken Nummer 3: Unsere Mittlere lehnt es ab, ihre Kita überhaupt noch einmal zu betreten. Bis zur Einschulung will sie zu Hause bleiben. Die ist übrigens 2023. Bis dahin setzt sie auf gezielte Durchseuchung.

"Carinavirus soll für immer und immer im Kindergarten sein," befand unsere Dreijährige neulich, als ich mal wieder versuchte zeitgleich ein Email zu schreiben und ganz nebenbei Puppenküche zu spielen. "Das wäre aber sehr traurig", antwortete ich, während ich auf einer fiktiven Waffel mit Sahne kaute und eine Datei exportierte. "Dann können wir ja nie wieder andere Kinder oder Oma und Opa treffen." Meine Tochter schüttelte den Kopf. "Nee, Carinavirus soll ja nur im Kindergarten sein, woanders nicht."

Ich begrüßte es daher außerordentlich, als endlich Post von der Kita bei uns eintrudelte, um Kontakt zu den Kindern aufzunehmen. Ein Stückchen Stoff zum Bemalen, ein paar emotionale Zeilen, würden das Verhältnis zur Betreuungseinrichtung schon wieder kitten, bildete ich mir ein: "Wir vermissen dich sehr und freuen uns schon, wenn wir uns endlich wiedersehen", las ich meinen Töchtern betont rührselig vor. "Ich will nicht malen, ich will fernsehen", sagte meine Fünfjährige. "Ich freu mich überhaupt nicht, wenn ich die wiedersehe", sagte meine Dreijährige. "Brust", sagte das Baby und zeigte auf meinen Oberkörper.

Also nur mal rein theoretisch: Angenommen keines unserer Kinder lässt sich bis zur Einschulung davon überzeugen, wieder in den Kindergarten zu gehen, dann müssten wir jetzt grob geschätzt noch etwa viereinhalb Jahre Homeoffice mit zeitgleicher Kinderbespaßung durchhalten. Man muss es sagen: Gemessen daran wirken meine jetzigen Probleme doch geradezu lächerlich: Was sind da schon sieben Wochen?

Experternfoto Julia Schulters Buch Mein Baby und Ich BuF

Corona-Tagebuch, Woche 6: Ohne Ordnung und Moral

Sechs Wochen nach der bayernweiten Ausgangsbeschränkung muss ich es mir leider selbst eingestehen: All meine vergangenen Bestrebungen, aus meinen Kindern sozialkompatible Menschen zu machen, sind durch die Coronakrise jäh zunichte gemacht worden. Meine drei Töchter sind zerstrittener denn je, heulen noch öfter als sowieso schon und neigen mit einer gewissen Regelmäßigkeit zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, weil Haare von Playmobil-Männchen ohne zwischenschwesterliche Absprache ummontiert wurden oder die Rollenverteilung beim Friseurspielen (Wer ist Friseurin, wer ist Kundin?) nicht abschließen geklärt werden konnte.

Um es also mal auf den Punkt zu bringen: Ordnung und Moral haben unseren Haushalt verlassen. Es wird so viel gehauen, gekratzt, gebissen und gepetzt wie schon lange nicht mehr. Führt dauerhaftes Aufeinanderhocken zu einem gesteigerten Agressionspotenzial? Fakt ist jedenfalls: Unsere Fünfjährige hat in den letzten 24 Stunden mehrfach mit dem Gedanken gespielt auszuziehen und mich als blöde Mama beschimpft, weil ich mich geweigert hatte, eine Kinder-Nagellackmaschine im Internet zu bestellen. Unsere Dreijährige versuchte mich zu hauen, weil ich den Fernseher ausmachen wollte. Unsere Anderthalbjährige beglückt uns dafür seit ein paar Tagen mit ihrem neuem Wortschatz in Dauerschleife: "Kacka." 

Ich ahne, wer ihr das beigebracht hat. Ich hielt es daher für höchste Zeit, mal wieder eine Grundsatzdiskussion zum Thema "Wer ist Bestimmer in diesem Haus und wie gehen wir in unserer Familie eigentlich miteinander um" zu führen. Wir kamen zu folgendem Schluss: Ausschließlich Mama und Papa sind Bestimmer zu Hause, darüber steht höchstens noch die Polizei. Und Markus Söder – befanden meine beiden älteren Töchter –, weil der ja verkündet hatte, dass wir nicht mehr auf den Spielplatz gehen dürfen. Ich, Chefin in unserer Wohnung, erließ darüberhinaus mit sofortiger Wirkung folgende Anordnungen: Kein Petzen mehr, Zähne werden nur noch zum Kauen benutzt und Hauen – egal ob Schwestern oder Mama – steht unter absoluter Höchststrafe.

Man muss sagen: Die Umsetzung folgte prompt. "Jemand hat sie geschubst", teilte mir unsere Älteste wenig später mit, während unsere Jüngste einen hysterischen Schrei aus dem Kinderzimmer tat. "Jemand?", fragte ich. "Japp", antwortete meine Fünfjährige und zuckte mit den Schultern. "Wirklich nur geschubst, nicht gebeißt oder gehaut", verteidigte sich meine Dreieinhalbjährige. "Kacka", brüllte das Baby und zeigte auf seine Schwestern. Weil Schwester 1 Schwester 2 denunziert hatte, obwohl sie Schwester 2 zuvor versprochen hatte "es nicht sagen zu gehen", gipfelte unser Streitgespräch in einem Angriff von Schwester 2 aufs Haupthaar von Schwester 1. Die reagierte mit hysterischem Kreischen, was wiederum Schwester 2 zu monotonem Heulen animierte. Und hätte sich nicht zeitgleich das Baby seiner Windel entledigt, auf den Boden gepieselt und seine Ausscheidungen mit den Fußsohlen erst über unser Parkett und dann über den Kinderzimmerteppich verteilt – ich wäre wahrscheinlich niemals so wütend geworden. Aber ich war wütend. Gewaltig wütend. Und deshalb, schleuderte ich voller Wucht die Rundhaarbürste vom Waschbecken in die Badewanne und schrie "Ruheeee, verdammt nochmal!"

Das muss sehr eindrucksvoll gewesen sein, denn drei verdutzte Mädchen standen in der Badezimmertür und schauten mich mit offenen Mündern an. "Was ist eigentlich los, Mama?", fragte meine Fünfjährige. "Das darf ja wohl nicht wahr sein, Mama", sagte meine Dreijährige, als sie die drei übrig gebliebenen Teile der Rundhaarbürste betrachtete. "Kacka", sagte meine Anderthalbjährige. Ich war über meinen Wutausbruch tatsächlich selbst so erschrocken, dass ich mich umgehend bei all meinen Kindern entschuldigte und offenbar ziemlich zerknirscht dreinschaute. Meine Mittlere jedenfalls streichelte meine Hand, setzte sich zu mir auf den Badezimmerboden und sagte: "Ist nicht schlimm, Mama. Du kriegst auch keinen Ärger." "Nicht?", fragte ich. "Nein", sagte sie und schaute mich mit großen ernsten Augen an. "Weil den Markus Söder gibt's ja gar nicht im echten Leben, sondern nur im Märchen." Und das fand ich dann so süß, dass ich noch auf der Stelle alle Ausraster der letzten 24 Stunden verzieh und mich freiwillig zum Friseurspielen meldete. Als Kundin. Und das will wirklich etwas heißen.

Corona-Tagebuch, Woche 5: Gassigehen (mit Kindern)

Seitdem sich unser Bewegungsradius auf die 80 Quadratmeter unserer balkonlosen Münchner Innenstadtwohnung in Baustellenlage beschränkt und selbst der private Gang zum Klo von uns Erwachsenen als grenzenloser Akt der Freiheit empfunden wird, zieht es uns auch bei eisigem Ostwind nach draußen. Raus an die frische Luft, weg von der Baustelle. Und deshalb drehen wir jetzt jeden Tag zweimal täglich dieselben Runden: über die Ampel, die Brücke entlang, an den Fischen vorbei, zum Isarstrand, Steinchen werfen und wieder zurück. So ungefähr muss Gassi gehen sein. Nur mit Kindern statt mit Hund. Weil unsere drei Töchter aber nicht an der Leine laufen und schlechter hören als jeder schlecht erzogene Labradorwelpe, sind unsere täglichen Besuche in den Grünanlagen nicht nur wahnsinnig anstrengend – sie haben auch etwas wahnsinniges Ermüdendes. Denn ehrlicherweise wiederholt sich unser Draußen-Programm seit fast fünf Wochen nahezu täglich.

Sollte sich jedenfalls irgendwer im Münchner Innenstadtbereich fragen, wer eigentlich diese angespannt dreinschauende Mitdreißigerin ist, die zweimal täglich mit ihren drei Kindern – ebenfalls angespannt dreinschauend – über die Mariannenbrücke trottet und dabei sehr zuverlässig immer um die gleiche Uhrzeit an den gleichen drei Stellen die gleichen drei Sätze brüllt: "Ihr müsst Abstand haaaaaalllten"; "Köpfe raus aus dem Brückengeländer" und "Wenn ich noch einmal sehe, dass ihr Kieselsteine auf die Enten werft, dann gehen wir sofort nach Hause" – das bin ich.

Diese Sätze gehören seit Kurzem zum Standardrepertoire meiner erzieherischen Draußen-Parolen. Wobei die Reihenfolge durchaus variiert – je nachdem, ob unsere Dreieinhalbjährige vor oder nach dem Steinchenwerfen mit ihrem Rädchen in ein bis dahin friedlich spazierendes Ehepaar mittleren Alters rollt. Um den ewigen Kreis unserer öden Corona-Outdoor-Tristesse zu durchbrechen hielt ich es daher für eine gute Idee, in Rollschuhe für meine beiden Ältesten zu investieren. Sportliche Aktivität an der frischen Luft ist schließlich selbst während bayerischer Ausgangsbeschränkung erlaubt – und ließ mich auf etwas angenehme Zerstreuung zwischen Isarspaziergang und Fischefüttern hoffen.

Ich bestellte zwei Paar Rollerskates – leicht und bequem mit robusten Softboots in Trendfarbe – einmal Größe 26, Weiß und Pink mit Herzchen, einmal Größe 33, Schwarz-Pink mit Leuchtrollen. Und hätte es natürlich besser wissen sollen. "Wieso hat sie Leuchtrollen und ich nicht?", maulte meine Dreijährige, während ich seit schätzungsweise 30 Minuten versuchte, vier völlig identisch aussehende Knie- und Ellbogenschützer den entsprechenden Körperteilen zuzuordnen. "Weil es die nicht in deiner Größe gab", antwortete ich. "Gemein", fand unsere Mittlere und setzte bereits zum ersten unfreiwilligen Spagat auf dem Küchenboden an. "Wieso sind ihre weiß und meine schwarz?" jammerte meine Fünfjährige. "Weil du dafür Leuchtrollen hast", erwiderte ich genervt. "Ungerecht", schnaubte unsere Älteste. "Anziehen", brüllte das Baby und zeigte auf seine Füße. Wir kamen ungefähr bis zur Baustellenabsperrung vor unserem Haus, schätzungsweise also 15 Meter, da waren alle drei Kinder in Tränen aufgelöst. Die Fünfjährige, weil sie bereits dreimal auf ihre neuen, pinken Knieschoner gefallen war und die jetzt einen Kratzer hatten. Die Dreijährige, weil sie plötzlich überhaupt gar keine Lust mehr hatte. Und die Anderthalbjährige, weil sie im Buggy sitzen musste und überhaupt noch nie in ihrem Leben im Besitz irgendwelcher Rollschuhe war.

Um es kurz zu machen: Die Sache mit den Rollschuhen hat sich erledigt. Und unsere Spaziergänge sind auch nicht wirklich erquickender geworden. Vielleicht sollten wir uns wirklich einen Hund zulegen. Mit dem könnten wir Gassi gehen, Stöckchen werfen und an der Isar spielen. Klingt hervorragend. Die Sache hat allerdings einen Haken: Wir bräuchten nämlich dreimal den Gleichen. Und unbedingt in derselben Farbe.

Corona-Tagebuch, Woche 4: Baustellen-Blues

Es ist Gründonnerstag. Das Ende der Coronakrise ist noch lange nicht abzusehen, und meine Stimmung befindet sich auf dem tiefsten aller je da gewesenen Tiefpunkte. Unser Haus ist rundherum eingerüstet, die Fenster knastartig vergittert, die Wände im Flur vibrieren zum 110-Dezibel-Presslufthammersound aus dem Dachgeschoss und das Antennenkabel, unsere einzige Verbindung zur Außenwelt, ist vorgestern einer brutalen Attacke von Motorsäge und Abbruchwerkzeug zum Opfer gefallen. Homeofficehölle meets Baustelle. Ich. Will. Weg.

Aber das geht ja nicht. Flucht ausgeschlossen. Spielplatz dicht. Und wem der Ernst der Lage jetzt immer noch nicht bewusst ist, dem sei noch Folgendes gesagt: Die Kinder können nicht mehr Fernsehen. Wir sind verloren.

Zugegeben, mir kam in letzter Zeit öfter der Gedanke, dass ein etwas reduzierteres Angebot an russisch untertitelten Spielzeug-Werbe-Youtube-Filmchen der intellektuellen Entwicklung unserer drei Töchter durchaus zuträglich sein könnte. Und spätestens, als unsere Fünfjährige sich beim Mittagessen neulich gedankenversunken mit der Gabel die Haare kämmte und dabei Arielle gleich vor sich hin trällerte, wurde mir noch mal sehr eindrücklich bewusst, dass auch erprobte Disney-Klassiker kein probates Mittel sind, Kinder in Zeiten von bayerischen Ausgangsbeschränkungen dauerzubespaßen. Dass wir aber vor ein paar Tagen plötzlich und unerwartet in die Fernsehen-und-Internet-Zwangspause geschickt worden sind, macht mich wirklich wütend.

Mein Verhandlungsspielraum ist nämlich ein für alle Mal dahin. Mein letzter Joker gespielt. Die Ultima Ratio meiner erzieherischen Möglichkeiten ausgeschöpft. "Wenn ihr jetzt eine halbe Stunde Einkaufsladen spielt, ohne euch zu streiten, wer die Verkäuferin ist, dürft ihr danach Fernsehen" hilft mir nämlich jetzt genauso wenig weiter wie "Wenn ihr mich jetzt nicht fünf Minuten in Ruhe  mit meiner Arbeitskollegin telefonieren lasst, gibt es die ganze Woche und vielleicht nie wieder Fernsehen." Wie zur Hölle soll ich jemals wieder arbeiten?

Wahrscheinlich empfand ich die letzten 48 Stunden in medialer Askese als eine Art Wink des Schicksals, die Chance zu ergreifen meinen Kindern endlich pädagogisch wertvollere Freizeitaktivitäten anzubieten als bisher. Und weil mein latent schlechtes Gewissen in den letzten vier Wochen ohnehin noch größer war also sonst, hielt ich es für eine überragende Idee, sämtliche Ostergeschenke vorzuziehen und  die Kinder mit kreativer Bastelarbeit zu bespaßen. Ich investierte viel Geld in zwei Riesenpackungen Knete plus Zubehör –  einmal Friseursalon, einmal Eisdiele –, um die Zeit bis zur Wiedervereinigung der verflixten Antennenkabelenden zu überstehen und ganz nebenbei den Fortbestand meiner täglichen Homeofficetätigkeit zu gewährleisten. Immer schön scheibchenweise wollte ich das neu angeschaffte Equipment nach und nach gönnerhaft austeilen, um die drei Damen auch dauerhaft bei Laune zu halten und im Falle von zwischenschwesterlichen Unstimmigkeiten sofort eine neue Knethaarbürste oder Schleim-Eis-Soße aus dem Hut zu zaubern.

Es dauerte schätzungsweise acht Minuten – ich hatte meinen Laptopdeckel noch nicht mal aufgeklappt –, da hatte unsere Anderthalbjährige den hochfahrbaren Friseurstuhl so oft über den Anschlag hinaus hochgekurbelt, dass er sich laut knackend von seinem Unterteil verabschiedete. "Sie hat es kaputt gemacht, Mamaaaaa", schrie daraufhin unsere Dreijährige und donnerte ihrer kleinen Schwester den batteriebetriebenen Knet-Barthaar-Rasierer über den Kopf. Die räumte daraufhin wütend die Eismaschine ab, was dazu führte, dass das frisch zubereitete Knet-Spaghetti-Eis irreparabel zerstört wurde. "Ich bin nieeeeeeee wieder deine beste Freeeeeuuuundin", heulte meine älteste Tochter. "Und sie hat pink mit lila gemischt", petzte meine Dreieinhalbjährige. "Wuaaahhhhhhhh", schluchzte das Baby.  Möp, möp hupte der Kran. Wumwumwumwumwum hämmerte der Presslufthammer aus dem Obergeschoss.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich erkläre das Projekt Knete statt-Streaming-Plattform an dieser Stelle für komplett gescheitert: pink-lila Knet-Banana-Splits trösten auch nicht über Baustellenllärm hinweg und machen sich angetrocknet sehr unschön auf weißen Strumpfhosen.

Seit heute morgen lasse ich die Kinder auf meinem Handy Fernsehen schauen. Ich habe mir nämlich auch ein kleines Ostergeschenk gemacht. Highspeedvolumen. 10 Euro für 10 Gigabyte Homeoffice-Zeit. Nur für den Notfall. Ich finde, er ist gerade mal wieder eingetreten.

Corona-Tagebuch, Woche 3: Abstaaaaaaaaaand halteeeen!

Auf meinem Kinn befindet sich seit Tagen ein furchterregender roter Riesenpickel, und wenn ich der Abstandsregelung in Zeiten von Corona etwas abgewinne, dann ist es die Tatsache, dass niemand aus allernächster Nähe dieses unansehnliche Exemplar im Detail begutachten kann. Das war es dann aber auch schon. Keine Frage: Abstand halten ist gerade wichtig. Drei Kindern zwischen 1 und 5 diesen Sachverhalt näherzubringen allerdings unmöglich.

Wie bringt man einer Dreijährigen bei, wie weit zwei Meter sind? Wie soll eine Anderthalbjährige verstehen, dass es weder erlaubt ist, das im Treppenhaus gelagerte Eiswaffel-Sandförmchen-Sortiment unseres Nachbarjungen genüsslich abzuschlecken noch mit ihrem Laufrad in eine nicht zu unserem Hausstand gehörende Familienansammlung zu rollern? Eben. Geht nicht.

Ich zog es in den letzten drei Wochen daher vor, sämtliche Erledigungen – das Schnappen von Frischluft an der Isar ausgenommen – nur noch alleine oder mit fixiertem Baby im Buggy zu machen und alle Anwesenden über drei zu Hause zu lassen. Ärger gab es trotzdem.

Ich war gerade dabei, beim Anblick von Eisköniginnen-Cupcake-Backmischungen und Vanillearomen meine temporäre Freiheit im fußläufig entfernten Supermarkt zu genießen, da hörte ich plötzlich einen hysterischen Schrei am anderen Ende der Süßwaren- und Backabteilung. "Halten Sie Abstaaaaaaaaaand. Stehen bleeeeeiben!", schrie eine Dame mittleren Alters hinter ihrem Mundschutz und streckte mir abwehrend ihre behandschuhten Hände entgegen. Und dabei starrte sie auf den Inhalt meines Buggys als schöbe ich eine tickende Zeitbombe durch die Gegend. Zugegeben, auch ich empfinde das Verhalten meines jüngsten Kindes manchmal als durchaus bedrohlich – in diesem Fall saß es aber ganz brav in seinem Buggy. Wirklich.

Ich schaute verdutzt ans andere Ende des Ganges und murmelte etwas wie "Da sind doch noch mindestens vier Meter zwischen uns" und deutete auf die Sticker am Boden, die der Supermarkt im Abstand von 1,50 Meter präventiv hatte aufkleben lassen. "Wieso kommen Sie dann immer näher mit diesem Kind auf mich zuuuuuuuuuuuu?", kreischte die Dame jetzt noch lauter, was wiederum zur Folge hatte, das der eigens zur Coronakrise eingestellte Supermarkt-Security-Mann sich dazugesellte, um die Sache zu klären. "Ruhig bleiben" ratterte der Ordnungshüter, "Kein Ärger machen", sagte er. Und: "Abstand wahren."

Und während die halbe Supermarktkundschaft nun auf Zehenspitzen über die Regale in den Backwaren- und Süßigkeitengang lugte, hatte sich mein Töchterlein aus dem Buggy heraus ein Paket blau-weiße Fondantmasse stibitzt, das sie nun laut brüllend gegen sämtliche Versuche meinerseits es ihr wieder abzunehmen, verteidigte. "Verantwortungslos", schnaubte die Frau abfällig und schob in den nächsten Gang. "Ruhig bleiben", ratterte die Corona-Security maschinengewehrartig, immer mich und das Kind im Blick.

"Uähhhhhhhhhhhhhhhhhhh", brüllte meine Anderthalbjährige – nun wirklich einigermaßen angsteinflößend. Wir verließen den Supermarkt umgehend –  das Baby mit Fondantmasse, ich mit hochrotem Kopf.

Ehrlich, ich war echt mitgenommen, als wir zu Hause ankamen. "Wieso denken eigentlich alle Leute, dass jetzt jedes Kind automatisch Coronavirus infiziert ist", regte ich mich auf. Meine Kinder schauten mich ratlos an. "Das nächste Mal, komm ich mit und schrei die Frau für dich an", tröstete mich meine Fünfjährige. "Wieso hast Du sie nicht einfach gebissen, Mama?", fragte meine Dreijährige mich mit ernstem Blick. "Weil man sowas natürlich nicht darf!", entgegnete ich empört. "Weil ja nämlich gerade Carinavirus ist, darf man nicht beißen, oder Mama?", schlussfolgerte meine Mittlere und seufzte. Da wusste ich, bevor ich die Sache mit den zwei Metern Abstand erkläre, sollte ich vielleicht erst noch an anderer Stelle erzieherisch tätig werden.

Corona-Tagebuch, Woche 2: Weingummis und Glitzernagellack

Seitdem wir uns nach bayernweiter Ausgangsbeschränkung jetzt nur noch zwischen drei Zimmern auf 80 Quadratmetern bewegen, haben in unserem Haushalt alarmierende Entwicklungen ihren Lauf genommen: In den letzten 36 Stunden habe ich 500 Gramm englische Weingummis gegessen, davon mindestens 250 Gramm mit klebriger Lakritzhälfte. Unsere Kinder schauen besorgniserregend viel Fernsehen – davon zum Großteil ein einigermaßen besorgniserregendes Programm. Meine durchschnittliche Bildschirmzeit auf dem Smartphone beträgt laut aktuellen Smartphonebrechnungen 5 Stunden, 32 Minuten am Tag, davon entfallen schätzungsweise je drei Stunden auf die intensive Internetrecherche zum Thema Coronavirus und rund zweieinhalb Stunden auf Videotelefonate mit meiner Mutter.

Interessanterweise lässt sich also beobachten: Je mehr draußen verboten wird, desto freigiebiger und lockerer werde ich mit mir und den Kindern drinnen. Süßigkeiten? Na, logisch darf jeder mehrmals am Tag eine Hand voll Gummibärchen essen! Fernsehen: Ihr habt erst zwei Stunden geschaut? Na klar, dürft ihr noch eine Folge! Internet? Überlebenswichtig in dieser Zeit! Und haben wir in den letzten drei Stunden eigentlich schon Oma angerufen?

Experternfoto Julia Schulters Buch Mein Baby und Ich BuF

Sollte es zu einer deutlichen, ja schlimmstenfalls mehrmonatigen Verlängerung der bayerischen Ausgangsbeschränkung kommen, sind damit folgende Dinge zu befürchten: 1. Ich werde dick. 2. Meine Kinder werden doof. 3. Meine drei Töchter werden ihre Mutter als Weingummi kauende Matrone in Erinnerung behalten, die permanent ein Smartphone in der Hand hält – und eine Oma, die darin wohnt.

Wie es soweit kommen konnte? Wahrscheinlich hatte ich das Gefühl, die vielen Verbote der letzten Tage irgendwie kompensieren zu müssen. "Ich will mit Beatrice spielen", maulte meine Fünfjährige schon vor zwei Tagen. "Geht nicht, wir dürfen uns nicht mehr mit anderen treffen, wegen dem Coronavirus", hatte ich erklärt und naiverweise auf Verständnis gehofft. "Ich will wenigstens auf den Spielplatz", jammerte unsere  Dreieinhalbjährige wenig später und stampfte beleidigt auf den Boden. "Die sind wegen dem Coronavirus abgesperrt." "Bäh", machte meine Mittlere. "Buh", sagte meine Älteste. "Ist morgen endlich wieder Kindergarten?" Neee, sagte ich. "Der hat mindestens noch bis nach Ostern zu." Und so ging das die letzten Tage weiter: Schwimmkurs? Gibt es gerade nicht! Kinderchor? Fällt aus. Turnen? Nicht bevor der Kindergarten wieder aufmacht. Mit Freunden draußen Roller fahren? "Nee, aber hey, wir können ja mal Oma anrufen!"

Also ehrlich. Darf man einer Dreifach-Mutter mit 80 Quadratmetern Aktionsradius, ohne Balkon in einem solchen Ausnahmezustand verübeln, dass sie ihren drei frustrierten Kindern gewährt Youtube-Videos zu streamen, in denen eine erwachsene blondgelockte Frau Barbie-Friseur spielt oder jemand Lidschatten mit Lippenstift und Knete zu einem unansehnlichen Brei verwurschtelt? Ich finde nicht.

Und deshalb erlaubte ich gestern Abend auch großzügig das Lackieren aller Fingernägel bei allen in unserem Haushalt lebenden Personen ab drei Jahren in den Farben Pink und Glitzer. "Und Nägel anmalern ist nicht verboten wegen Carinavirus, oder Mama?", fragte meine Dreieinhalbjährige und schaute mich mit großen Augen an. Und das fand ich dann so rührend und traurig zugleich, dass ich noch während der pink-glitzernde Lack trocknete, eine Runde englische Weingummis für alle spendierte. Die mit der klebrigen Lakritzhälfte.

Corona-Tagebuch, Woche 1: Homeoffice-Hölle

Wir befinden uns am Ende von Woche eins mit bundesweiter Kindergartenschließung und ich schreibe aus der Coronavirus-Homeoffice-Hölle. Fakt ist: An unserer Wand im Wohnzimmer befindet sich nun ein großflächiger braun-ockerfarbener Fleck, der fatal an die ersten Höhlengemälde der primitiven Menschheit erinnert und zwei meiner drei Kinder haben mich in den letzten 48 Stunden mehrfach von ihren künftigen Geburtstagen ausgeladen oder mir wahlweise die Freundschaft gekündigt.

Meine Erkenntnisse nach vier Tagen Homeoffice in Anwesenheit meiner drei Töchter zwischen ein und fünf Jahren sind folgende:

  1. Wir brauchen sehr dringend eine sehr viel größere Wohnung. Optimalerweise mit Garten.
  2. Wir brauchen ein festangestelltes Kindermädchen. Bestenfalls außerhalb der Risikogruppe unter 50.
  3. Soziale Distanz gepaart mit Homeoffice mindert bei geschwätzigen Rheinländerinnen wie mir offenbar die Stressresistenz und steigert das Wutpotential.

Verdammt nochmal! Da wir uns weder Punkt 1 noch Punkt 2 in einer Stadt wie München jemals werden leisten können, bleibt und also nur unsere 3-Zimmer-Wohnung in spätestens fünf Wochen kernzusanieren und Punkt 3 irgendwie in den Griff kriegen.

Nicht so einfach. Denn ehrlich: Ich bin echt genervt. Ich muss meine Arbeit fertig kriegen und nebenbei drei Kinder auf 80 Quadratmetern davon abhalten sich wegen der limitierten Anzahl von blinkenden Meerjungfrauen-Barbies büschelweise die Haare auszureißen. "Gibt's halt Fernsehen", befand ich gestern nachmittag großzügig und klappte in freudiger Erwartung schonmal mein Laptop auf, um meine E-Mails zu checken. Meine beiden älteren Töchter fanden die Idee irre gut, bis ich die Fernbedienung in die Hand nahm, um ein pädagogisch wertvolles Fernsehprogramm auszuwählen. "Ich bin Bestimmer und darf aussuchen", entschied meine Mittlere. "Du warst gestern schon Bestimmer", maulte meine Große. "Wohl nicht", sagte meine Mittlere. "Wohl doch!", brüllte meine Große. "Mama", heulte meine Mittlere. "Sie ist immer Bestimmerin und ich bin nie Bestimmeriiiiiiiiiiiin." Bling, bling machte mein Laptop. Grr, grr, summte mein Handy. "Wuaahhhhh", machte meine bis dahin verdächtig ruhige Anderthalbjährige und streckte mir die offene Make-Up-Tube aus dem Badezimmer – Sorte waterproof– entgegen, mit der sie zuerst ihre Hand und dann die Wand unseres Wohnzimmers großzügig kontaminiert hatte.

Nun, wie die Sache ausgegangen ist? Besagter Fleck ließ sich zwar mit Schwamm und Glasreiniger nicht entfernen, aber dafür sehr abstrakt auf weißer Wand verschmieren. Mein Einwand, dass überhaupt nur ich ganz allein Bestimmerin zu Hause bin, führte zu sofortigen Entfreundung mit mir, ließ aber die beiden Schwestern wieder näher zusammenrücken. Ach ja, und meine Arbeit? Ja, die mache ich auch noch. Irgendwann.


Wie lange hat Ihre letzte Geburt gedauert?
Zum Ergebnis
Können Sie sich vorstellen, Ihre Eizellen einfrieren zu lassen?
Zum Ergebnis