Autokindersitze: Was Sie wissen sollten

Welche Babyschalen sind am besten? Wo ist der sicherste Platz im Auto? Wie lange ist ein Kindersitz Pflicht? Wir klären wichtige Fragen
von Sabine Hoffmann, Madlen Ottenschläger, aktualisiert am 14.11.2016

Sicherheit an erster Stelle! Für den Kindersitzkauf sollten Sie sich Zeit nehmen

Strandperle/Photo Alto

Die Premiere, ein Aben­teuer: Meist geht es von der Klinik nach Hause, wenn Eltern ihr Neugeborenes zum ersten Mal in ­seine Autoschale legen. Winzig, fast verloren wirkt es darin. Am liebsten möchte man es gleich wieder herausnehmen und die ­ganze Zeit im Arm halten. Doch die Baby­schale ist gesetzlich vorgeschrieben, sie schützt die Kleinen bei einem Unfall. Nur so dürfen sie im Auto mitfahren.

Babyschalen: Was ist bei Neugeborenen zu beachten?

Am bes­ten besorgen Eltern die Babyschale rechtzeitig vor der Entbindung im Fachgeschäft und probieren sie gleich dort im ­eigenen Fahrzeug aus. "Baby­­schalen sind meist bis zu einem Körpergewicht von 13 Kilo­gramm zugelassen und werden immer entgegen der Fahrtrichtung montiert", sagt An­dreas Ratzek, der im ADAC-Technik-Zentrum in Landsberg am Lech Kindersitz-Tests durchführt. ­Einige Babyschalen besitzen speziell für Neugeborene oder auch Frühchen Sitzschalen-Verkleinerer. Sie schränken den seitlichen Spielraum von Kopf und Oberkörper ein. Wächst das Kind, entfernt man die Polster wieder. Mittler­weile gibt es auch Babywannen, mit denen zum Beispiel Frühge­borene liegend befördert werden können – jedoch nur auf der Rückbank quer zur Fahrtrichtung.

Andreas Ratzek testet Kindersitze im ADAC-Technik-Zentrum Landsberg

/ADAC/Robert Gongoll

Welcher Sitz ist sicher?

Die Auswahl an Babyauto­schalen ist groß. Wichtig: Der Wunschsitz muss mindestens die Norm ECE-R44/03 oder die seit Juli 2005 gültige ECE-R44/04 erfüllen. Seit 2013 gibt es noch eine weitere ECE-Zulassung, die ECE-R129, auch als ­i-Size bezeichnet. Bei diesen ­Sitzen ist ein Isofix-Befestigungssys­tem vorgeschrieben. Das heißt, sie werden mit einer simplen Klicktechnik auf einer Basis montiert, die über die Isofix-Verankerungspunkte mit dem ­Auto verbunden ist. Sie dürfen alternativ aber auch mit dem Drei-Punkt-Gurt des ­Autos befestigt werden.

"Ziel der neuen Zulassungsnorm ist, dass Kinder in Zukunft im Auto noch sicherer unterwegs sind", erklärt der ADAC-Ex­perte. Um eine Zulassung zu erlangen, muss neben dem bislang durch­geführten Frontalaufpralltest auch ein Seitenaufpralltest absolviert werden. "Ein Seitenaufprall ereignet sich zwar weniger häufig als ein Frontalaufprall, aber das Verletzungsrisiko ist deutlich höher", erklärt Ratzek.

Zudem sitzen Kinder in i-Size-Sitzen bis 15 Monate entgegen der Fahrtrichtung. Das soll verhindern, dass Eltern ihr Kind zu früh in den nächstgrößeren Kindersitz setzen. "Bei einem Frontalunfall werden Kopf und die gesamte Rücken­partie des ­Babys oder Kleinkindes von der Sitz­schale unterstützt", sagt Ratzek. "Das reduziert die Belas­tungen für Kopf und ­­Nacken."

Was Eltern wissen sollten: Die neuen Systeme ersetzen nicht die üblichen Babyschalen. Die bisher zugelassenen Normen bleiben paral­lel gültig. "Wenn man einen guten herkömmlichen Sitz kauft, sitzt das Kind auch sicher", sagt ­Ratzek. "Ein solcher Sitz sollte erst gewechselt werden, wenn die Kopfoberkante des Kindes nicht mehr in der festen ­Schale liegt." Eine zuverlässige Entscheidungshilfe beim Kauf bietet der ADAC-Kindersitztest, der zweimal im Jahr unter anderem mit der Stiftung Warentest durchgeführt wird. Am besten platziert ist die Baby­schale auf der Rückbank, hinter dem Beifahrersitz, sodass sich beim Ein- und Aussteigen die Tür zum Gehweg hin und nicht zur ­Straße öffnet. Die Befestigung auf dem vorderen Beifahrersitz ist nur zulässig, wenn ein dort vorhandener Front-Airbag abgeschaltet ist. ­­Eltern sollten den Kindersitz regelmäßig kontrollieren und dabei auch überprüfen, ob es an den Gurten Abnutzungserscheinungen gibt.

Nach einem Unfall muss der Kindersitz ausgetauscht ­werden – selbst wenn keine von außen sichtbaren Schäden zu erkennen sind. "Ein kleiner Parkrempler ist unproblema­tisch", sagt ­Ratzek. Bei einem spürbaren Stoß und sichtbaren Schäden am ­Auto rät der Experte im Zweifel zum Wechsel. Wer die Babyschale gebraucht kauft, muss sicher­stellen, dass sie keinen Unfall mitgemacht hat und die Bedienungsanleitung und alle Einlege­kissen dabei sind.

In welchem Alter brauchen Kinder welchen Kindersitz?

Kindersitze in der ­alten Norm ECE-R44 sind in fünf Gewichtsklassen unterteilt: 0+ meint klassische Baby­schalen und Reboard-­Systeme (siehe Kasten unten) für Kleinkinder. Sie sind bis 13 Kilogramm zugelassen. Babyschalen der ­­Gruppe 0 gibt es kaum noch, sie geht bis zehn Kilogramm. Sitze der Gruppe I reichen von 9 bis 18 ­Kilogramm, Gruppe-II-Sitze von 15 bis 25 Kilogramm und Gruppe-III-Sitze von 22 bis 36 Kilogramm.

Bei den neuen Systemen entscheidet nun die Körper­größe über den passenden Sitz. Jeder Hersteller legt selbst fest, bis zu welcher Körpergröße das Modell geeignet ist. Die ­neuen Sitze dürfen nur in Fahrzeugen verwendet werden, die eine Kennzeichnung ­"i-Size" aufweisen oder wenn in der Fahrzeugfrei­gabeliste am Kindersitz das jeweilige Auto­modell aufgeführt ist.

Welches Modell passt zu uns?

Das kommt auf das Auto, das Kind und die Lebensumstände an. ­Eltern sollten überlegen, was der Sitz leisten muss. Wird der Kindersitz nur in einem Auto montiert? Oder wird er häufig ein- und ausgebaut, weil auch Opa und Oma, Tante und Onkel den Nachwuchs darin durch die Gegend ­­fahren? Ist Letzteres der Fall, wäre ein Sitz, dessen Montage simpel ist, die bessere Wahl. Denn immer wieder werden Kinder bei Unfällen schwer verletzt, weil der Autositz falsch oder fehlerhaft montiert war. Bei Babyschalen kann das Gewicht die Kaufentscheidung beeinflussen: Wer im fünften Stock ­ohne Aufzug wohnt, wird über jedes Gramm weniger froh sein.

Worauf kommt es noch an?

Den Nachwuchs und das ­Auto unbedingt zum Kindersitz-Kauf mitnehmen. Sind die Gurte lang genug? Wie ist der Abstand zum Vordersitz? Wie kommt das Kind mit dem Sitz klar? Für Kinder, die leicht schwitzen, kann ein Fangkörper (siehe Kasten) im Sommer ungemütlich sein. An­dere Kinder lieben den Minitisch.

Reboarder, also rückwärtsgerich­tete Sitze, sind sehr sicher. Bei Kindern, die nicht rückwärts ­fahren können oder wollen oder ­ihrer ­Größe wegen mit den Füßen an die Rückbank stoßen, kann er aber problematisch sein. Schaut ein Kind während der Fahrt gern aus dem Fenster, sollten die Kopfstützen hoch genug für die Sicherheit und gleichzeitig so flach sein, dass ­Gucken auch noch möglich ist. Weil man Kinderautositze meist nur Probe sitzen aber nicht Probe fahren kann, sollte man, wenn möglich, die ­Modelle von Freunden testen. Falls diese ­einen Sitz haben, mit dem Sie selbst ­liebäugeln, bitten Sie doch einfach um eine Probefahrt.

Fachbegriffe rund um den Kindersitz

Isofix: ein besonders sicheres und einfach zu handhabendes Befestigungssystem. Der Kindersitz rastet in fest im Auto eingebaute Halterungen ein.

Reboard: bedeutet, dass ein Kindersitz entgegen der Fahrtrichtung­ montiert wird. Dies ist bei den meisten Babyschalen der Fall. Da bei einem Aufprall die Wirbelsäule der Kleinsten­ sehr viel besser­ geschützt ist, erhöhen Reboarder die Sicherheit.   
Fangkörper: eine Befestigung, die an einen Mini-Tisch erinnert und vor dem Bauch des Kindes verläuft. Bei einem Unfall verteilt er die Kraft eines Aufpralls auf den ganzen Oberkörper und schützt so die Wirbelsäule.

i-Size: eine Prüfnorm, die 2013 in Kraft getreten ist und das ­Kürzel ECE R 129 hat. Sie katego­risiert die ­Kinder-Sicherungssysteme nach der G­­röße des ­Kindes. Zudem ist ein Seitenaufprallschutz verpflichtend; Kinder bis 15 Monate müssen ­rückwärtsgerichtet ­fahren. Die bisher gültigen Normen ECE R 44/03 und 44/04 werden aber weiterhin mehrere Jahre parallel gültig bleiben.


Wie baut man den Sitz am besten ein?

Damit die Babyschale in ­puncto Sicherheit leisten kann, was sie verspricht, ist der korrekte Einbau entscheidend. Wird sie mit dem Dreipunktgurt befestigt, muss sie so kräftig wie möglich im ­Auto festgezogen werden. Je weniger Spielraum, umso sicherer. Auch die Gurte in der Schale müssen so straff angezogen werden, dass zwischen den Gurt und den Oberkörper des ­Kindes gerade noch die flache Hand hindurchpasst. Es sitzt dann in ­einer leicht geneigten Position in der Schale.

Wo ist der sicherste Platz für den Kindersitz?

Grundsätzlich gilt: Kinder gehören auf die Rückbank. Generell am sichersten ist der Sitz hinter dem Beifahrer. Die Position hat nichts mit dem Fahren selbst zu tun. Sondern damit, dass man beim Ein- und Aussteigen die Tür zum Gehweg hin und nicht zur Straße öffnet.

Ist man aller­dings allein mit einem Säugling im Auto unterwegs und hat eine längere Strecke vor sich, kann der Beifahrersitz von Vorteil sein. Dann muss man sich während der Fahrt nicht umdrehen. Niemals aber darf ein Reboard-System, zu dem auch alle Babyschalen gehören, auf dem Beifahrersitz montiert werden, wenn der Airbag dort noch aktiviert ist! Bei einem Crash bietet der Airbag dem Baby keinen zusätzlichen Schutz, sondern schleudert das Kleine mitsamt Schale nach hinten – im schlimms­ten Fall mit tödlichen Folgen. 

Wie lange müssen Kinder extra gesichert werden?

30 Prozent der Kinder ab sechs Jahren werden nur noch mit dem Erwachsenengurt angeschnallt, ergab eine aktuelle Studie der Bundesanstalt für Straßenwesen. Das ist nicht nur verboten, sondern auch lebensgefährlich für die Kleinen. Laut Gesetz müssen Kinder bis zum zwölften Geburtstag oder wenn sie kleiner als 150 Zentimeter sind, speziell gesichert werden. Experten schätzen: Etwa ein Drittel der Kinder, die bei einem Verkehrsunfall im Auto verletzt oder getötet werden, waren unterwegs gar nicht, unzureichend oder falsch gesichert.


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