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Alltag mit Zwillingen: Diese Tipps helfen

Schock, Freude, Stress: Wer Zwillinge bekommt, taucht ein in ein Wechselbad der Gefühle – und erlebt einen Alltag mit großen Herausforderungen. Zwei Expertinnen geben Tipps und machen Mut

von Barbara Weichs, aktualisiert am 26.11.2019

Schon seit Jahren steigt die Zahl der Zwillingsgeburten. Waren es vor fünf Jahren 12.977, so brachten im vergangenen Jahr 14.097 Frauen zwei Babys auf einmal zur Welt. Zwei Ursachen sehen Experten für die Zunahme: das steigende Alter der Mütter sowie die immer häufiger vorkommenden Hormonbehandlungen und künstlichen Befruchtungen bei Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch.

Zwischen Schock und Freude – so beschreiben viele Frauen den Moment, als sie erfuhren, dass in ihnen zwei befruchtete Eizellen heranwachsen. Dazu kommen Sorgen, wie zwei Kinder auf einmal das Leben durch­einanderwirbeln werden: die Angst vor Komplikationen in der Schwangerschaft zum Beispiel oder die Angst vor finanziellen Belastungen, weil die Wohnung vielleicht zu klein ist, oder man nicht wie geplant schnell zurück in den Job kann. "Ich versuche, die Eltern zu beruhigen und den Fokus auf die Herausforderungen des Alltags zu legen: Wie wuppen wir das als Familie? Darum geht es zunächst", sagt Kathrin Weber, die bei pro familia in München eine Schwangerenberatungsstelle leitet und dort Vorbereitungskurse für werdende Mehrlingseltern anbietet.

Die Sozialpädagogin ist selbst Mutter von mittlerweile erwachsenen Zwillingen und hat das Konzept eines speziellen Informationskurses für Zwillingseltern für pro familia entwickelt. Während ihrer Schwangerschaft gab es ein solches Angebot nicht. "Damals, in der Vor-Internetzeit, war es sehr schwer, Informationen zu bekommen und mich mit anderen werdenden Zwillingseltern zu vernetzen. Und in Kursen mit Frauen, die nur ein Kind erwarteten, fühlte ich mich mit meinen Fragen und Sorgen oft nicht ernst genommen und gut aufgehoben", sagt Weber. Dabei hilft der Austausch mit Eltern in derselben Situation schon in der Schwangerschaft aber auch nach der Geburt.

Expertin Kathrin Weber

Schon in der Schwangerschaft Hilfe organisieren

Routine in den Alltag kriegen – eine schwierige Aufgabe, gerade wenn die Zwillinge die ersten Kinder sind. Der Arbeitsaufwand ist höher, es vergeht mehr Zeit, bis man mit zwei Babys mobil ist. "Etwa drei bis vier Monate dauert es, bis man sich einigermaßen zurecht findet. Um den ersten Geburtstag herum haben dann viele Eltern das Gefühl, dass der Alltag einfach wird", sagt Kathrin Weber. Deshalb rät sie, sich anfangs Hilfe zu organisieren.

  • Können vielleicht die Großeltern unterstützen, für die Familie kochen oder einkaufen, zum Kinderarzt begleiten, wenn der Partner wieder arbeitet oder man alleinerziehend ist?
  • Kann eine Freundin vielleicht das ältere Geschwisterkind aus der Kita mitnehmen und zu Hause vorbeibringen, sodass man nicht mit zwei Neugeborenen aus dem Haus muss?
  • Lebt die Familie nicht vor Ort, gibt es vielleicht Hilfsangebote, die von der Stadt, den Kirchengemeinden oder Wohlfahrtsverbänden organisiert werden, wie zum Beispiel das Programm Wellcome, mit seinen bundesweiten Standorten: Ehrenamtliche Helfer kommen bis zum ersten Geburtstag der Kinder regelmäßig vorbei und begleiten etwa bei Behördengängen oder gehen mit den Kindern spazieren, damit die Mutter sich ausruhen kann. "Recherchieren Sie nach solchen Angeboten schon während der Schwangerschaft", rät Sozialpädagogin Weber. Und: "Sehen Sie es nicht als Defizit, dass Sie Hilfe brauchen! Zwillinge zu bekommen und zu versorgen, ist eine enorme Herausforderung!"

In besonderen Belastungssituationen übernimmt die Krankenkasse die Kosten für eine Haushaltshilfe. Dafür braucht es ein Attest – doch selbst dann ist es nicht immer leicht, den Anspruch durchzusetzen. "Informieren Sie sich bei Ihrem Hausarzt und rechnen Sie damit, dass der Weg zur Hilfe nicht leicht ist", sagt Kathrin Weber.

Prof. Meike Watzlawik

Beiden Kindern gerecht werden mit Exklusivzeit

Was tun, wenn beide Babys schreien? Wenn das eine Hunger hat und an die Brust muss, während gleichzeitig der Geruch aus der Windel des zweiten Babys verrät, dass dieses schnell gewickelt werden sollte? Ein klassisches Dilemma, vor dem werdende Zwillingseltern Angst haben, wie Kathrin Weber aus Erfahrung weiß. "Kinder brauchen meist nicht gleichzeitig das Gleiche", kann die Sozialpädagogin jedoch beruhigen. Niemand muss sich teilen, meist klappt es, ­eines nach dem anderen zu machen. "Stressen Sie sich nicht auch noch damit, dass Sie alles gerecht machen wollen. Die Kinder holen sich, was sie brauchen." Und: Auch die motorische Entwicklung von Zwillingen läuft individuell und meist nicht parallel. Während das eine Kind vielleicht schon auf zwei Beinen die Welt erkundet, ist das andere noch krabbelnd unterwegs. Die Sorge, nicht beiden Kindern hinterher zu kommen, wenn sie in unterschiedliche Richtungen davonlaufen, ist damit hinfällig.

Trotzdem kämpfen die meisten Zwillingseltern mit dem Gefühl, ihre Aufmerksamkeit aufspalten zu müssen – die Aufmerksamkeit, die durch Versorgungshektik und -stress sowieso schon schwer zu geben ist. "Das schlechte Gewissen, nicht jedes Kind einzeln wahrnehmen zu können, verfolgt einen das ganze Leben", sagt Kathrin Weber. Ihr Tipp: Sich immer wieder einzeln jedem Kind widmen. Das ist natürlich leichter zu organisieren, wenn man sich als Paar um Zwillinge kümmert. Alleinerziehenden rät die Expertin, die Kinder von Anfang an an weitere Vertrauenspersonen wie beispielsweise die Großeltern zu gewöhnen. Dann kann es auch in dieser Familiensituation klappen, Exklusivzeit mit jedem Kind zu verbringen.

Brauchen Zwillinge eine andere Erziehung?

Egal ob die Zwillinge eineiig oder zweieiig sind – die Versuchung, die beiden als Einheit wahrzunehmen, ist groß. Von "den Zwillingen" oder "den beiden" zu sprechen, sie mit "ihr" statt einzeln anzureden. Was das Ganze noch befördert: Wenn die Kinder gleich angezogen sind. Prof. Meike Watzlawik, Entwicklungspsychologin an der Sigmund Freund Privat Universität in Berlin, rät deshalb zu zwei Dingen: Die Kinder möglichst oft mit ihrem Namen ansprechen und den Doppelten-Lottchen-Effekt vermeiden, sie also nicht ständig identisch anziehen! "Dadurch wird die Selbsterkennung jedes Kindes betont." Außerdem können sie so auch von Außenstehenden besser unterschieden und gezielt angesprochen werden. Eine Studie, die das Verhältnis von Zwillingsgeschwistern untersucht und an der die Psychologin mitgearbeitet hat, zeigte allerdings, dass sich  Zwillinge in der Pubertät sehr ähnlich zu anderen Geschwistern entwickeln. Es tauchen lediglich Besonderheiten auf: "Seine eigene Nische zu finden und Individualität zu betonen, bedarf vor allem bei eineiigen Zwillingen oft kreativer Lösungen", erklärt Meike Watzlawik.

Eltern sollten deshalb genau darauf achten, welche Interessen und Neigungen die Kinder haben und sie individuell darin fördern, selbst wenn das mehr zeitlichen und logistischen Aufwand erfordert. Und: "Hat ein Kind etwas Tolles erreicht, loben Sie es am besten immer genau dafür und verzichten auf den Vergleich mit dem gleichaltrigen Geschwister."

Profitieren Zwillinge dann automatisch davon, wenn sie in getrennte Gruppen in einer  Betreuungseinrichtung gehen? "Nein, dafür gibt es keine Belege", sagt  Meike Watzlawik. Im Gegenteil: In der Regel ist es ihrer Entwicklung sogar zuträglicher, wenn sie zusammenbleiben. Gerade im Kleinkindalter sind die Geschwister oft eine Art "sicherer Hafen" füreinander, der Rückhalt bietet, wenn neue Umgebungen erobert werden wollen. Eltern müssen auch keine Sorge haben, dass ihre Kinder kein Interesse an anderen Kindern haben. "Zwillinge sind genau so neugierig auf andere Kinder wie Geschwister oder Einzelkinder." Eine Trennung, so die Entwicklungspsychologin, ist daher absolut kein Muss, um die Identitätsentwicklung der Kinder zu fördern. Dies sei nur in Ausnahmefällen wichtig, wenn beispielsweise ein Kind das andere dominiert und dem anderen keinen Raum zur Entfaltung lässt. Dann können Eltern immer noch über eine Unterbringung in zwei Gruppen nachdenken. "Wenn möglich würde ich die Kinder zudem in die Entscheidung miteinbeziehen", sagt Meike Watzlawik.

Sorgen um ältere Kinder? Unbegründet!

Eine große Sorge werdender Zwillingseltern begegnet Kathrin Weber in ihren Kursen immer wieder: Was tun wir unserem Erstgeborenen nur an, jetzt, wo wir Zwillinge bekommen? Ihre Antwort: "Ja, Sie tun ihm in der Tat etwas an. Etwas ganz Tolles!" Frustrationstoleranz oder Teilen – das lernen ältere Kindern nun ganz automatisch, ohne dass es großartig thematisiert werden muss. "Und das im geschützten Raum der Familie – das ist doch wunderbar!", sagt die Sozialpädagogin.

Und auf noch etwas können sich  Zwillingseltern freuen: "Nach dem anstrengenden Start bekommen Sie viel zurück: Die beiden Kinder haben sich und müssen nicht ständig von einem Erwachsenen bespaßt werden", sagt Meike Watzlawik.


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