Wie schüchterne Kinder selbstbewusster werden

Wenn der Nachwuchs schüchtern ist, machen sich Eltern oft Sorgen. Dabei braucht es manchmal nicht viel, um ihm mehr Selbstbewusstsein zu geben. Zum Beispiel Lob
von Sabine Hoffmann, aktualisiert am 12.10.2016

Lob und Unterstützung hilft schüchternen Kindern meist

iStock/ Imgorthand

Beim Bäcker trauen sie sich nicht, eine Brezel zu bestellen, und wenn Besuch kommt, reicht es manchmal nicht mal für ein "­Hallo": Manche Kinder sind ausgesprochen schüchtern – oft zum Kummer und manchmal auch zum Ärger ihrer Eltern. Denn in der allgemeinen ­Beliebtheitsskala rangieren – so scheint es – meist die ganz oben, die selbstbewusst und aufgeschlossen auftreten. Eine Reihe von Kindern ist aber nicht stark und mutig, sondern zurückhaltend und still.

"Grundsätzlich ist das nicht weiter bedenklich, denn wie auch bei uns Erwachsenen ist bei Kindern das Temperament unterschiedlich ausgeprägt", sagt ­Bodo Reuser, Diplom-Psychologe, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut und Leiter der Psycho­logischen Beratungsstelle für Erziehungs-, Ehe- und Lebens­fragen in Mannheim. "Schüchternheit kann unterschiedliche Gründe haben und ist teil­weise auch angeboren." Generell lässt sich sagen, dass nahezu die Hälfte der schüchternen Kinder ein eher zurückhaltendes Temperament besitzt. Aber auch eine Veränderung der Lebensumstände kann bewirken, dass Schüchternheit entsteht: der Eintritt in den Kindergarten, die Einschulung, der Schulwechsel, ein Umzug, Leis­­tungsdruck, Streit in der Familie, Geheimnisse und Tabus oder ein hektischer Alltag – all das kann dazu führen, dass das Kind plötzlich gehemmt ist.

Bodo Reuser ist Kinder- und Jugendpsychotherapeut und leitet die Psycho- logische Beratungsstelle für Erzie­hungs-, Ehe- und Le­bensfragen in Mannheim

W&B/Privat

Natürlich beeinflussen auch Erziehungsstil und Elternhaus, wie sich die Persönlichkeit eines Kindes entwickelt. Sind die Eltern selbst zurückhaltend und ängstlich, überträgt sich das oft auf das Kind. Sind sie hingegen zu dominant und leistungsorientiert, verunsichert das ohnehin gehemmte Kinder zusätzlich und sie haben das Gefühl, es ihren Eltern nicht recht machen zu können. Infolgedessen ziehen sie sich noch weiter in sich zurück.

"Um das Selbstvertrauen zu steigern, ist es wichtig, dass Eltern ihr Kind wertschätzen", sagt Reuser. "Die ­Eltern sollten ihm zeigen, dass sie es so ­­lieben wie es ist." Deshalb rät er, Bemerkungen zu vermeiden wie: "Ich wünschte, meine Tochter ­wäre ­offener und aufgeschlossener." Oder: "Mein Sohn soll mehr aus sich herausgehen, damit er erfolgreich wird." Solche Sätze sind kontra­produktiv und üben auf das Kind nur unnötigen, zusätzlichen Druck aus.

Dr. Doris Schüler ist Elterncoach, Autorin und psychologische Bera­terin in Darmstadt

W&B/Privat

Selbstvertrauen stärken

"Es ist für schüchterne Kinder nicht leicht, ihrem zurückhalten­den Temperament gemäß zu leben, wenn sie spüren, dass die ­Eltern sie lieber ganz anders hätten", sagt auch Dr. Doris Schüler, Elterncoach aus Darmstadt. Deshalb raten beide Experten, sich mit Mahnungen zurückzuhalten und stattdessen gelassen zu bleiben und das Kind zu stärken.

"Loben Sie es, wenn es eine Situation gut gemeis­tert hat", empfiehlt Reuser. "Ist ­etwas hingegen nicht so gut ge­laufen, schimpfen Sie nicht, sondern reden Sie mit dem Kind über die Gründe und suchen Sie mögliche Zusammenhänge. Das fördert die Selbstkompetenz und stärkt das Kind."

Gleichzeitig gibt es verschiedene Möglichkeiten, dem Nachwuchs zu helfen, etwas offener zu werden. Vor allem wenn es in den eigenen vier Wänden ausge­lassen und nur außerhalb schüchtern ist, kann es eine große ­Hilfe sein, wenn es Besuch von Spiel­kameraden bekommt. In vertrauter Umgebung kann das Kind entspannter spielen als in ­einer großen Gruppe ­außer Haus. So lernt es viele soziale Fertigkeiten und erfährt die Freude am Spiel mit anderen. "Insbeson­dere Kontakte mit Jüngeren sind für schüchterne Kinder wertvoll, weil sie es als die ­Älteren leichter haben und es genießen, als die ,Großen‘ bewundert zu werden", so Schüler.

Dem Kind beistehen

Wichtig ist auch, dem Kind in Situa­tionen beizustehen, die ihm unangenehm sind. Traut sich das Kind zum Beispiel nicht, jemandem etwas zu sagen, sollten die ­Eltern das Gespräch eröffnen und das Kind später einbinden. Gerade bei kleinen Kindern helfen auch Fantasiereisen, mehr Selbstvertrauen zu entwickeln: Eltern können dem Kind dabei von ­einer Situation erzählen, in der es besonders mutig war – selbst wenn das Kind sich lediglich getraut hat, die Nachbarin zu grüßen. Indem es die Situation in der Fantasie noch einmal positiv durchlebt, wird es für spätere ähnliche Situationen gestärkt.

Auch Übungen, die ein kraftvolles Auftreten und Durch­setzungsvermögen verlangen, trai­nie­ren das Selbstbewusstsein. Etwa ein Schrei- oder Grimassen-Duell: Es gewinnt, wer am lautesten brüllt oder die verrücktesten Grimassen schneiden kann.

Mit Rollenspiel üben

Schwierige Alltagssituationen können Kinder am besten vorab zu Hause im Rollenspiel üben. So lernen sie zum Beispiel mit dem Einkaufsladen, im Geschäft eine Bestellung aufzugeben. Das Kind schlüpft dabei unbefangen in unter­schiedliche Rollen und probiert diese aus. Das hilft, ­offener und mutiger zu werden. "Ob die Schüchternheit fast verschwindet", so Reuser, "hängt auch davon ab, welche Erfahrungen das Kind im Laufe der ­Jahre mit anderen Menschen macht und wie stark die Ängste sind, die zur Schüchternheit führen."

Aber selbst, wenn jemand auch als Erwachsener zurückhaltend bleibt, bedeutet das nicht auto­matisch, dass er etwa im Beruf weniger erfolgreich ist als extro­vertierte Kollegen. Eine Langzeitstudie von Münchner und Würzburger Forschern, die Kinder über 20 Jahre lang begleiteten, ergab: Letztendlich sind Schüchterne ebenso erfolgreich wie ­ihre offener auftretenden Wettstreiter. Im Berufs­leben machen eben nicht nur die laut Polternden das Rennen. Wer ruhig und besonnen auftritt, strahlt Kompetenz und Serio­sität aus.

Die Angst, zu versagen

Verbergen sich hinter der Schüchternheit Ängste, etwa zu versagen oder abgelehnt zu werden, kann das problematisch werden. Daraus können sich später starke und sich selbst verstärkende Beeinträchti­gungen entwickeln. Dann rät ­Psycho­therapeut ­Bodo Reuser: "Eltern sollten ihre Kinder unter­­stützen, über ­ihre Erfahrungen zu sprechen und in kleinen Schritten ­­alternative Verhaltens­weisen zu entwickeln." So könnten Kinder langsam lernen, ­ihre ­Ängste zu überwinden.

Wichtig dabei: gelassen bleiben, Ver­­trauen  haben und sich und dem Kind Zeit geben. Fühlen sich ­Eltern überfordert und geraten selbst ­unter Druck, sollten sie eine Erzie­hungs­­beratungs­stelle auf­suchen. "Mit­hilfe der Fachleute kann die Spirale aus Ängsten und empfundenem Versagen leichter verlassen werden", so Reuser. Trainings- oder Gruppenangebote für Kinder mit Ängsten finden Sie über den Bundesfach­verband aller Erziehungsberatungsstellen in Deutschland: www.bke.de



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