Wie Kinder lernen, was Zeit ist

Kinder haben ein völlig anderes Zeitgefühl als Erwachsene. Wie sich ihr Verständnis von Zeit entwickelt und wie Eltern ihrem Kleinen den Zeitbegriff am besten vermitteln können
von Andrea Schmidt-Forth, aktualisiert am 27.07.2016

Wann war gestern? Kinder haben ein anderes Zeitgefühl als Erwachsene

Fotolia/angiolina

Ein ganz normaler Morgen. Die Eltern müssen zur Arbeit, die Kinder ignorieren jede Aufforderung, sich die Jacken anzuziehen. Das eine muss noch unbedingt sein ­Puzzle beenden, das andere den Teddy suchen. Am ­­Ende werden die Gro­ßen laut, die Stimmung ist mies. Manchmal scheint es, als ob Eltern und Kinder auf unterschiedlichen Planeten mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten leben.

Kinder haben noch keine Vorstellung von Zeit

Da ist etwas Wahres dran: Kinder können sich in Zeitlupe anziehen, auf dem Weg zur Kita gefühlt jeden Stein am Wegesrand umdrehen, die Hausaufgaben im Schneckentempo erledigen und Mahlzeiten endlos hinauszögern. Die Tage vieler junger Eltern sind dagegen komplett durchgetaktet. Sie eilen von Termin zu Termin, hoffen, dass die Kinder Verständnis für ihre Lage haben und mitziehen. Doch das funktioniert nicht.

Elfriede Billmann-Mahecha, Psychologie-Professorin an der Universität Hannover, kennt den Grund: "Kinder denken nicht in der Kategorie Zeit. Sie leben im Hier und Jetzt, haben die Gabe, sich komplett in ihr Spiel oder eine andere Sache zu vertiefen." Selbst wenn ein Kind schon die Uhr ­lesen kann, heißt das nicht, dass es ein Bewusstsein für die Zeit hat. Zeitgefühl ist zudem etwas sehr Subjektives. Das geht auch Erwachsenen so: Während in ­einer unterhaltsamen Runde meh­rere Stunden vergehen wie im Flug, kann sich eine halbe Stunde Warten an der Bushaltestelle in die Länge ziehen wie Kaugummi.

Prof. Dr. Elfriede Billmann-Mahecha lehrt am Institut für Pädagogische Psychologie der Leibniz Univer­sität Hannover

W&B/Privat

Zeitgefühl bildet sich langsam aus

Das Gefühl für die Zeit lässt sich auch nicht trainieren. Es bildet sich mit den Alltagserfahrungen, die ­Kinder machen, und mit der kognitiven Reifung, sagt die Expertin. Erst zwischen dem siebten und zehnten Lebensjahr entwickeln sie eine Vorstellung vom Verhältnis zwischen Weg, Zeit und Geschwindigkeit. Sie lernen etwa abzuschätzen, wie lang sie zu Fuß für eine bestimmte Strecke brauchen. Für jüngere Kinder zwischen drei und sieben ist Zeit noch sehr an die konkrete Anschauung gebunden, also: Für einen längeren Weg braucht man länger (oder auch: Wer größer ist, ist älter).

So können Eltern ihr Kind bei der Entwicklung des Zeitgefühls unter­stützen:

  • Gliedern Sie den Tag mit festen Ritualen. Das macht Kindern Spaß und vermittelt ihnen das Gefühl von Stabilität, Sicherheit und rhythmischen Abläufen.
  • Verbinden Sie Zeitangaben mit konkreten Handlungsabläufen. "Wir gucken zusammen ein Buch an, dann ist Papa wieder da." Oder: "Noch zweimal schlafen, dann hat Oma Geburtstag!" Das kann ein Kind eher nachvollziehen, als vage Angaben wie "Mama ist gleich da".
  • Lassen Sie Ihr Kind in Ruhe am Nachmittag erzählen, was es tagsüber erlebt hat. Auch damit geben Sie ihm immer wieder Struktur.
  • Stellen Sie für bestimmte Aktivitäten, wie zum Beispiel Zähneputzen, einen Wecker. 
  • Freuen Sie sich mit Ihrem Kind, wenn es eine Aufgabe in der Zeit geschafft hat ("Prima, dass du dich beeilt hast!", "Das haben wir gut in der Zeit geschafft!").

Schimpfen oder bestrafen nützt wenig. Beides verunsichert und verwirrt das Kind, sodass es eher noch langsamer wird, so die Expertin. "Ein Kind will seine Eltern ja nicht ärgern, wenn es trödelt. Im Gegenteil: Manchmal ist das auch ein Symptom für ein tiefer liegendes Problem." Zum Beispiel, wenn das Kleine morgens trödelt, statt sich für den Kindergarten anzuziehen. Vielleicht liegt es daran, dass es gerade Ärger mit einem Spielkameraden hat und deshalb nicht so gerne in die Kita geht? Oder es fühlt sich nicht wohl, brütet einen Infekt aus. Im Zweifel lohnt es sich, noch einmal genau hinzusehen.

Problemfall Hausaufgaben

Ähnlich beim Thema Hausaufgaben: "Eine halbe Stunde am Tag ist in der ersten und zweiten Klasse eigentlich genug", so Elfriede Billman-Mahecha. Schafft das Kind das Pensum nicht innerhalb dieser Zeitspanne, könnte das diese Gründe haben:

  • Ungünstige Hausaufgabenzeit. Manche Kinder sind am späten Nachmittag (und nach dem Spielen) eher dazu in der Lage, sich zu konzentrieren, als direkt nach dem Mittagessen.
  • Das Pensum ist zu groß. Tauschen Sie sich mit anderen Eltern aus der Klasse aus, wie deren Kinder vorankommen. Sprechen Sie mit der Lehrerin, und treffen Sie mit ihr eine Vereinbarung, etwa dass das Kind nur die Aufgaben erledigt, die es in der vorgesehenen Zeit schafft.
  • Manchmal spürt das Kind, dass seine Eltern, die sonst sehr beschäftigt sind, bei den Hausauf­gaben ganz bei ihm sind. Das merkt es und möchte das Gefühl auskos­ten.

Da hilft vor allem eines: ehrlich zu sich selbst sein, Prioritäten setzen, das Telefon beiseitelegen und sich aufs Kind konzentrieren.

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