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Wie Eltern Geschwister gerecht behandeln

Geschwister, so sehr sie sich lieben, stehen sich oft auch als Konkurrenten gegenüber. Wie diese Rivalität entsteht und wie es uns gelingt, fair mit den Kindern umzugehen

von Tanja Eckes, 23.01.2020

Sobald es frische Blaubeeren gibt, werden meine Töchter (5 und 8 Jahre) zu Erbsen- ähm, besser gesagt zu Beerenzählerinnen. Mit Argusaugen überwachen beide, dass die Beeren genau abgezählt in zwei Schälchen landen. Bei einer Bekannten geht es noch pinge­liger zu: Da vergleichen drei halbwüchsige ­Söhne jedes Jahr an Heiligabend mit der Taschen­rechner-App, ob jemand insgesamt teu­rere Geschenke bekommen hat.

Rivalität steckt in den Genen

Der Psychologe Professor Dr. Rainer Riemann mit dem Fachgebiet Zwillings- und Persönlichkeitsforschung von der Universität Bielefeld kann solches Verhalten gut nachvollziehen: "Die geschwisterliche Rivalität um Ressourcen, sei es nun Nahrung, materieller Besitz oder Zuwendung der Eltern, scheint in unserer genetischen Ausstattung verankert zu sein. Vermutlich, weil es evolu­tionsgeschichtlich einen Überlebensvorteil bot, mehr einzufordern als die Brüder und Schwestern." So wie die Vögelchen im Nest, die am lautesten kreischen und den Hals am höchsten recken, am Ende die meisten Würmer bekommen. Zum Glück leben wir in ­einer Zeit und einer Gesellschaft, in der die ­meisten Geschwister keine Angst haben müssen, tatsächlich zu kurz zu kommen. Weder an Essen, noch an Spielsachen oder Zuwendung der Eltern mangelt es in der Regel. Trotzdem beklagen sich die Kleinen oft über Benachteiligungen.

Gleiches Recht für alle

In einer Befragung der US-amerikanischen Cornell University aus dem Jahr 2010 gaben nur rund 15 Prozent der Kinder mit Geschwistern an, dass die Mutter alle gleich behandele; die Mehrheit fühlte sich zurück­gesetzt. Gerade die Privile­gien der älteren oder jüngeren Ge­schwis­ter sorgen für Unmut. "Der darf so lange aufbleiben und ich nicht!" oder "Die trägst du noch so viel, und ich muss immer laufen!". Solche Beschwerden kennen vermutlich alle Mehrfach-­Eltern. "Kinder unterscheiden oft nicht zwischen gleich behandeln und gerecht behandeln", sagt Di­plom-Sozialpädagogin Cornelia Mack aus Filderstadt. "Die Großen fühlen sich gekränkt, weil nach­folgende Geschwister ihnen ihren Platz streitig machen. Und die Kleineren müssen damit klarkommen, dass der Entwicklungsvorsprung der Älteren erst mal nicht einzu­holen ist."

Vorwürfe ernst nehmen

Was als unfair empfunden wird, zählt zu den wichtigen Lektionen des Familienlebens: Eine völlige Gleichstellung aller Kinder ist ­allein durch die unterschiedlichen Altersstufen nicht möglich – und wäre selbst bei eineiigen Zwil­lingen nicht sinnvoll, findet Riemann. "Jedes Kind hat individuelle Bedürfnisse und Persönlichkeitsmerkmale. Eines will vielleicht stundenlang Fußball spielen, während das andere lieber im Zimmer bastelt. Wenn Eltern auf solche Vorlieben dem Alter angemessen ein­gehen, tun sie am meisten für ein Gefühl von gerecht verteilter Aufmerk­sam­keit und Zuwendung."

"Du hast meine Schwester lieber als mich!" – von diesem Klagelied fühlen sich ­Eltern besonders getroffen. "Dabei möchte ein Kind, das diesen Satz ­­äußert, einfach mal fest in den Arm genommen werden", sagt Expertin Cornelia Mack. "Es will sich der Liebe der Eltern rückversichern, die im Alltagstrubel manchmal in den Hintergrund tritt." Dann tun Kuscheln und eine Erwiderung wie "Ich habe euch alle lieb und bin so froh, dass es dich gibt" gut.

Anlass zum Reflektieren

Ein solcher Vorwurf ist aber immer auch ein Anlass, über die eigene Verfassung nachzudenken: Bin ich beruflich stärker eingespannt als sonst und daher den Kindern gegenüber insgesamt weniger aufmerksam? Braucht ein Kind wirklich gerade mehr Zuwendung als die Geschwister, weil es kränkelt, ständig Wutaus­brüche erlebt oder im Kindergarten aneckt? "Oft sind solche Klagen aus der Situation heraus zu erklären", so Rainer Riemann. Er rät, in ­einem zugewandten, respektvollen Gespräch zu klären, warum ein Gefühl von Vernachlässigtwerden entstanden ist. Häufig wirken schon verstärkte Schmuseeinheiten, jeden Tag zehn Minuten exklusive Vor­lesezeit oder ab und zu ein Solo-Ausflug mit Mama oder Papa ohne Geschwister kleine Wunder.

Aus Rangeleien lernen

Ob Blaubeer-Konkurrenz oder Gerangel um den schönsten Fensterblick beim Zugfahren – wenn meine Mädchen demnächst wieder ihr "Die hat aber"-Gezeter anstimmen, wird mich auf jeden Fall die folgende Studie trösten: Forscher der Universität von Cambridge stellten nämlich kürzlich fest, dass ausgiebiger Streit unter Brüdern und Schwestern zu einer positiven Persönlichkeitsentwicklung beiträgt. Vor allem die soziale Intelligenz wird gestärkt, Aggressionen können auf Dauer besser kontrolliert werden. "Und sogar das phasenweise Gefühl des Zurückgesetztseins, das auch außerhalb der Familie immer wieder mal im Leben auftreten wird, birgt großes Potenzial", schließt Cornelia Mack. "Denn in solchen Momenten lernen Kinder, ihre Bedürfnisse zu formulieren und einzufordern."


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