Was Kinder vor Missbrauch schützt

Präventionskurse werben damit, Kinder vor Missbrauch und Gewalt zu schützen. Aber nicht alle sind zu empfehlen. Worauf es ankommt und was Eltern ihrem Kind mitgeben können
von Peggy Elfmann, 13.07.2017

Kinder sollten lernen, sich gegen Grenzüberschreitungen zu wehren

Mauritius/Westend61/Sandra Rösch

Der US-Youtube-Star ­Jeremy Salads hatte leichtes Spiel. Bei seinem Experiment auf einem Spielplatz versuchte er – mit Erlaubnis der Mütter –, ihre Kinder zu entführen. Alle Mütter ­waren überzeugt, ihr Kind ­würde nicht einmal mit dem Fremden sprechen. Doch stattdessen: ­Alle drei Kinder wären Salads und seinem Hündchen gefolgt, ­ohne nur ­einen Blick zur Mutter zu werfen.

Das Video­ steht auf der ­Seite eines großen­ Anbieters für Präventions­­kurse, dazu das Versprechen: "Wir schützen Ihr Kind, damit es nicht Opfer­ von Gewalt, Missbrauch oder Übergriffen wird." In Ein-Tages-Schulungen üben schon Kinder­gartenkinder, wie sie sich be­freien, wenn sie von einem Fremden in ein Auto ge­zogen oder in ­einer Seiten­straße bedrängt werden. Nach dem Kurs, so der Anbieter, könne sich ein Kind im Notfall wehren.

Sandra Reith ist Diplom-Psychologin und arbeitet bei der Beratungsstelle Schattenriss in Bremen

W&B/Privat

Präventionskurse können Kindern Angst machen

Sandra Reith sieht das sehr skeptisch. Die Diplom-Psychologin von der Beratungsstelle Schattenriss in Bremen warnt sogar vor solchen Kursen. "Zum einen ist das die falsche Richtung, denn Fremd­täter machen nur einen kleinen Teil aus. Die Täter kommen fast immer aus dem Umfeld des Kindes", sagt Reith. "Und zum anderen können solche Rollenspiele Angst ­machen, besonders wenn Kinder gegen ­ihren Willen berührt werden."

Auch Dr. Inken Tremel, Präven­tions­expertin beim Deutschen Jugend­institut in München, bewertet solche Kurskonzepte negativ. "Da wird Kindern zu viel zuge­mutet. Ich finde es brisant zu sagen, wir machen die Kinder stark, und dann können sie sich selbst schützen", so Tremel. "Die Verantwortung liegt bei den ­Eltern und Erzieherinnen." Rollen­spiele könnten auch dazu führen, dass sich Kinder in falscher Sicherheit wiegen, weil sie denken, dass sie ­­einen Erwachsenen überwältigen können. "Aber kein Kind kann sich alleine schützen", sagt Psychologin Reith.

Dr. Inken Tremel ist Erziehungswissenschaftlerin und forscht in der Abteilung Familienhilfe und Kinderschutz am Deutschen Jugendinstitut in München

W&B/Privat

Trotzdem ist frühes Vorbeugen wichtig

Prävention sollte dennoch ab dem Kindergartenalter ein Thema sein. "Denn zu der Zeit erfolgt eine bewusste Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper – auch in Abgrenzung zu den Körpern der anderen Kinder", erklärt Inken Tremel. Die wichtigste Botschaft an die Kleinen sollte sein: "Dein Körper gehört dir, und nur du darfst über ihn bestimmen!" Eltern und Erziehende seien aufgefordert, Kindern diesen Schutzraum zu gewähren und sie zu unterstützen, ihn selbst einzufordern.

Grenzüberschreitungen thematisieren

Denn Grenzüberschreitungen er­leben auch schon Kindergartenkinder. Der Klassiker: Die Tante knutscht ­einen bei der Begrüßung ab und tätschelt dauernd über den Kopf. ­Manche Kinder haben schon anderes erlebt, etwa dass der eigentlich nette­ Nachbar beim Baumhaus­bauen komisch an den Po fasst oder ­Papas Freund einen beim Kitzeln so fest hält. "Kinder kennen das ­­blöde Gefühl, das sich dann einstellt. Sie sprechen aber selten darüber", sagt Reith. Bei größeren Grenzüberschreitungen erlegen Täter dem Kind oft ein Schweigegelübde auf.

Die Psychologin rät Eltern und Erziehern, mit Kindern zwischen drei und sechs Jahren immer wieder das Thema Gefühle zu behandeln und sie in ihrer Selbstwahrnehmung und -bestimmung zu stärken. "Kinder müssen ­wissen, dass es kein Petzen ist, wenn sie von ­doofen Gefühlen und ­blöden Geheimnissen erzählen", so Reith. Und sie sollten wissen, wo sie sich Hilfe holen können.

Kurse und Konzepte können gute Ergänzung sein

Gute Präventionskurse sehen ­beide Expertinnen als Ergänzung der vorbeugenden Erziehung (­siehe Kasten unten). Eltern und Erzieher sollten eingebunden werden. "Wichtig ist auch, dass die ­Kita ein Schutzkonzept entwickelt und verankert", sagt Inken Tremel. Das gelte ebenso für Sportvereine. "Überall, wo Kinder betreut werden, sollte der Schutz vor sexuellen­ Übergriffen konzeptionell ver­ankert sein, denn auch hier kommt Missbrauch vor", so Tremel.

Viel wichtiger sei es aber, das Thema im Alltag einzubeziehen. "Bei Kindergartenkindern stehen Bücher zum Thema Körper, Sexu­alität und Gefühle hoch im Kurs", sagt Reith. Sie ermutigt Eltern dazu, Vorbild zu sein, indem sie ihre ­eigenen Grenzen achten und vertreten. Durch einen respektvollen Umgang werden Kinder selbst­bewusst und haben den Mut, Nein zu sagen und sich Hilfe zu holen.

Checkliste: ein guter Kurs?

Es gibt keine verbindlichen Vorgaben zu Präventionskursen. Die Inhalte sind breit ge­fächert – von Aufklärung über Selbstbehauptung bis Selbstverteidigung. Mütter und Väter sollten deshalb kritisch hinsehen und nachfragen. Diese Punkte zeugen für gute Qualität:

  • qualifizierte Trainer, die über eine pädagogische Ausbildung und fundiertes Wissen über Missbrauch und Gewalt verfügen
  • Zusammenarbeit mit den Eltern durch Informations­abende und Gesprächs­­angebote, Kooperation und Schulung der Erzieher/Lehrer
  • Teilnahme am Kurs und an den Übungen ist freiwillig
  • seriöse Kursziele (keine Angstmache, keine falschen Versprechen, kein Verkauf von Produkten)
  • altersgerechter, respektvoller Umgang (Kinder werden nicht gegen ihren Willen berührt)
  • Fokussierung auf die ­Stärken. Das Selbst­bewusstsein sollte gefördert statt Kampf­techniken vermittelt werden
  • geschlechterdifferenziertes Konzept, Männer und Frauen als Schulungsteam
  • kein Crashkurs, sondern ein längerfristiges Angebot

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