Was Kinder vor Missbrauch schützt

Dass ihr Kind sexuell missbraucht wird, ist ein Horror-Gedanke für Eltern. Dennoch sollten sie sich mit dem Thema beschäftigen. Denn Prävention ist auch eine Erziehungsaufgabe

von Peggy Elfmann, aktualisiert am 21.08.2018
Sandra Reith

Kinder sollten lernen, sich gegen Grenzüberschreitungen zu wehren


Frau Noack, die Medien geben einem das ­Gefühl, dass es immer mehr Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch gibt. Stimmt das?

Nein, die Zahlen sind seit Jahren ziemlich gleich. Laut polizeilicher Kriminalstatistik waren es 2016 etwa 12 000 Fälle. Aber das sind nur die Fälle, die auch angezeigt wurden. Das Dunkelfeld ist ­jedoch deutlich größer. In Fachkreisen geht man davon aus, dass etwa jedes siebte Kind sexuelle Gewalt erlebt.

Hat sich also nichts geändert?

Doch, in den letzten 30 Jahren hat sich viel getan. Die gesellschaftliche Atmosphäre hat sich geändert. Kinder werden nicht mehr als Eigentum der Eltern gesehen, sondern als Personen mit eigenen Rechten. Menschen schauen genauer hin, was mit Kindern passiert, und trauen sich, sexuelle Gewalt zu sehen.

Silke Noack

Aber Fälle wie in Freiburg, wo Männer sich über das Internet verabreden und ein Kind schwer missbrauchen, gab es früher nicht.

Das ist ein extremer Fall. Aber ja, Missbrauch im Internet ist ein großes Problem. Über die digitalen Medien kann man schnell Fotos und Videos von Missbrauchshandlungen machen und für viel Geld verkaufen.

Sie leiten das Hilfetelefon Sexueller Missbrauch. Wer ruft bei Ihnen an?

In der Regel sind es Angehörige, denen etwas auffällt, und viele Menschen, die mit Kindern arbeiten, oder auch Erwachsene, die als Kind betroffen waren.

In Ihrem Flyer steht: "Rufen Sie an. Auch im Zweifelsfall." Ist der Zusatz wichtig?

Sehr, denn die meisten Anrufenden sind unsicher. Alle würden sich ja lieber etwas anderes vorstellen, als dass der nette Kollege, die Tante oder der Partner das eigene oder ein anderes Kind missbraucht. Die meisten Anrufenden haben ein komisches Bauchgefühl, weil sie etwas beobachtet haben, aber nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen.

Wie können Sie helfen?

Wir sortieren mit den Anrufenden, was sie beobachtet haben, fragen nach, warum sie ein komisches Gefühl haben, und arbeiten einen Plan aus. Es geht darum, dem Kind zu helfen, und nicht, jemanden vorschnell zu beschuldigen. Bei falschem Handeln zieht der Täter oder die Täterin vielleicht einfach um und macht woanders weiter. Sie haben ausgeklügelte Strategien. Der Missbrauch ist oft gut getarnt. Kindern fällt es schwer, darüber zu sprechen.

Hilfetelefon Sexueller Missbrauch

Tel. : 0800/22 55 530

Bundesweit, kostenfrei und anonym

Das Telefon ist ein Angebot des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs der Bundesregierung

Warum eigentlich?

Ja, also, Frau Elfmann, wo wir jetzt hier zusammensitzen, erzählen Sie mir doch mal von Ihrem schönsten sexuellen Erlebnis!

Äh … mhm …

Und das war jetzt die Frage nach dem schönsten sexuellen Erlebnis und nicht nach dem schrecklichsten. Kleine Kinder haben nicht einmal eine Sprache für das, was passiert ist. Sie können es nicht einordnen. Sie schämen sich.

Zudem werden sie häufiig unter Druck gesetzt, die Täter sagen etwa "Deine Mutter liebt dich nicht mehr, wenn du das erzählst" oder "Dann mache ich das Gleiche mit deinem kleinen Bruder". Viele Mädchen und Jungen halten dicht, weil sie denken, dass sie die Geschwister schützen. Täter arbeiten sehr perfide und manipulativ. Sie schaffen es, dass Kinder sich mitschuldig fühlen, etwa weil sie sagen: "Du hast doch gelächelt." Kein Kind kann sich gegen einen Erwachsenen wehren.

Aber ein Kind ist ja nicht allein. Was ist mit den anderen Erwachsenen? Fällt keinem etwas auf?

Es ist schon schwer zu erkennen, wenn ein Fremder ein Kind missbraucht – und das ist die Ausnahme. Sexuelle Gewalt findet meist in der Familie, im sozialen Umfeld und Bekanntenkreis statt. Je näher man dem Täter ist, umso schwerer fällt es, hinzuschauen.

Können Sie ein Beispiel geben?

Eine Mutter rief an einem Montag um neun Uhr an, gleich zu Beginn unserer Telefonzeit. Sie erzählte, dass sie schon länger ein komisches Gefühl hatte, wenn es um ihren Ex-Mann und die Tochter ging. Am Abend zuvor hatte die Vierjährige gesagt, dass der Papa ihr mit seinen Fingern wehtut.

Die Mutter hat ihre Tochter beruhigt, aber ist gleichzeitig in eine große Krise gefallen. Sie machte sich Vorwürfe, hatte Angst um ihre Tochter und wollte dem Mann das Kind am liebsten sofort wegnehmen, aber wusste nicht, wie sie vorgehen soll.

Was haben Sie ihr geraten?

Mein Motto ist: nichts überstürzen, aber auch nicht nichts tun. Wichtig ist, für die Mutter da zu sein. Denn nur eine starke Mutter kann ihr Kind schützen. Ich habe ihr geraten, mit der Erzieherin in der Kita zu sprechen. Ihr war tatsächlich auch etwas aufgefallen, aber sie war dem Verdacht nicht nachgegangen.

Mutter und Erzieherin tauschten sich aus, und ich habe eine Fachberaterin vor Ort vermittelt. Die größte Sorge der Mutter war, dass ihr Mann nach der Scheidung weiter Kontakt mit dem Kind haben darf.

Wissen Sie, wie es ausging?

Leider nicht. Das ist der kleine unbefriedigende Teil an meiner Arbeit. Wir begleiten die Anrufer nicht bis zum Ende, sondern geben einen Anstoß in die ­richtige Richtung und vermitteln Kontakte vor Ort. Manche melden sich später, um sich zu bedanken.

Was treibt Sie an?

Ich möchte, dass Menschen aufmerksam werden und sich trauen hinzuschauen, damit sexuelle Gewalt an Kindern aufgedeckt und schneller beendet wird. Es gibt den Spruch: Die Zeit heilt alle Wunden. Aber das stimmt nicht. Viele leiden ihr Leben lang, weil ihnen in der Kindheit sexuelle Gewalt angetan wurde.

Sie haben 30 Jahre Erfahrung. Bei welchen Schilderungen werden Sie sofort hellhörig?

Eindeutig ist es, wenn Anrufende von Verletzungen im Genitalbereich berichten. Oft sind die Zeichen nicht so klar. Ich werde hellhörig, wenn sich ein Kind von ­einem Tag auf den nächsten im Verhalten ändert, es stark sexualisiertes Verhalten zeigt, es anderen Kindern gegenüber übergriffig wird, zum Beispiel gegen deren Willen Geschlechtsverkehr nachahmt.

Und dann? Beenden können Sie den Missbrauch ja nicht.

Wir sind keine Polizei, die eingreift, und wir beraten anonym. Wenn etwa eine Erzieherin von einem Verdacht berichtet, hört der Missbrauch nicht gleich auf. Sie sollte auf jeden Fall dokumentieren, was sie gesehen hat, und das mit ihrem Team besprechen. Meistens haben mehrere Menschen einen Verdacht. Richtiges Vorgehen ist wichtig, denn das Öffentlichmachen allein hilft dem Kind nicht. Kinder wollen ja nicht weg aus ihrem Zuhause oder ihre Eltern ver­lieren. Sie wollen nur, dass der Missbrauch aufhört.

Was braucht das Kind in dem Fall?

Es ist elementar, dass jemand an der Seite des Kindes steht, es ernst nimmt, ihm glaubt, es nicht durch falschen Aktivismus in Loyalitätskonflikte bringt und fragt: "Was macht der Papa mit dir?" Man kann dem Kind sagen, dass einem aufgefallen ist, dass es traurig aussieht, und man da ist, falls es Hilfe braucht. Aber man sollte es nicht drängen. Ein Kind verliert durch den Missbrauch den Glauben an sich und das Vertrauen in Bindung. Die Folgen sind umso schwerer, je massiver und länger der Missbrauch war.

Wie können Eltern ihr Kind schützen?

Eltern sollten kritisch nachfragen, ob es in Kitas, Schulen und Vereinen ein Schutzkonzept zu sexueller Gewalt gibt. Prävention ist auch eine Erziehungsaufgabe: dass man einem Kind mit Respekt begegnet, seine Gefühle und Grenzen achtet und es ermutigt, es selbst zu sein. Dazu gehört auch, dass man das Kind nicht überredet, die Tante zu küssen. Oder man es unterbindet, wenn der Onkel ihm jovial auf den Po klatscht. Kinder sollten wissen, dass niemand sie anfassen darf, wenn sie das nicht möchen.

Wie haben Sie das gemeistert?

Ich bilde mir ein, dass ich es sofort mitbekommen hätte, wenn meiner Tochter etwas passiert wäre. Aber es gibt keinen absoluten Schutz. In der Erziehung habe ich von Anfang an darauf geachtet, sie und ihre Gefühle ernst zu nehmen. Und wir Eltern gehen respektvoll miteinander um.

Was sollte man Kindern erzählen?

Kinder sollten eine Sprache für ihren Körper haben. Wenn meine Tochter Fragen hatte, habe ich sie ­altersgemäß beantwortet. Nur zu warnen "Geh nie mit einem Fremden mit" ist Unsinn, besonders da die meisten Übergriffe im sozialen Nahraum stattfinden. Zur zusätzlichen Sicherheit haben wir in meiner Familie ein Codewort ausgemacht für den Fall, dass meine Tochter angesprochen wird mit: "Deine Mutter hatte einen Unfall und hat mich geschickt, um dich zu ihr zu bringen." Kann die Person das Codewort nicht sagen, weiß mein Kind, dass es eine Lüge ist.

Können Sie abends überhaupt abschalten?

Manchmal ist das schwer, vor allem, wenn ich an meine Tochter denke. Es gibt immer wieder Fälle, da komme ich an meine Grenzen, und die beschäftigen mich nach Feierabend. Häufig tauschen wir uns als Team darüber aus, wie man vorgeht und helfen kann.

Und wenn Sie mit Ihrem Kind unterwegs sind?

Wenn wir im Tierpark oder auf dem Campingplatz sind, checke ich unweigerlich erst einmal alle Personen ab. Wenn man weiß, was Kindern alles angetan wird, lässt einen das nicht los.


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