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Stresstest: Mit Kindern Zug fahren

Wer Kinder hat, reist am besten mit der Bahn bequem ans Ziel. So weit die Theorie. Unsere Autorin Sina Stutzke hat den Praxistest gemacht

von Sina Stutzke, aktualisiert am 02.07.2015
Stress bei Zugfahrten

Ist eine Zugfahrt mit kleinen Kindern wirklich stressfrei? Hier sieht es nicht so aus


Die klimatischen Bedingungen sind günstig – eingefrorene Schienen um diese Jahreszeit selten, das aktuelle Tiefdruckgebiet minimiert die Gesundheitsrisiken, sollten die Klimaanlagen ausfallen. Die Lokführer streiken auch nicht. Wann, wenn nicht jetzt? Wir fahren mit der Bahn zu den Großeltern nach Würzburg! "Mit echtem Dampf?", fragt Luis, vier. "Mit Bordbistro und Kinderabteil", schwärme ich. Emma, zehn Monate, versteht nur Bahnhof, lächelt aber zufrieden. Kinder, das wird toll.

Die Gepäckfrage bereitet mir dann doch etwas Kopfzerbrechen. Ich verzichte auf Dritt-, Viert- und Fünftschuhe, Luis muss Ritter, Ross und Drachen zurücklassen. In Emmas Wickeltasche ist nur Platz für drei Wechselwindeln und eine Minipackung Feuchttücher. Ein Fehler, wie sich bald herausstellen wird. Doch noch scheint die Planung perfekt. Mein Mann bringt mich, die Kinder, einen großen, einen kleinen Rucksack und einen Kinderwagen in Hamburg direkt an den Bahnsteig. Die Lautsprecherdurchsage verkündet Stellwerkprobleme, Luis muss Pipi, die Anzeigetafel prognostiziert 30 Minuten Verspätung. Ich bin die Ruhe selbst.

Zugfahren: Was zuerst rein – Gepäck oder Kinder?

Mein Mann hat einen dringenden Termin im Büro und kann nicht länger auf den ICE warten. "Geh ruhig", sage ich. "Wenn wir erst mal im Zug sind, ist eh alles ganz entspannt." Als mein Mann zum Abschied winkt, denke ich an eine Geschichte, die vor Kurzem in der Zeitung stand. Ein Regionalbahnhof irgendwo in Brandenburg. Der Kinderwagen mit der Zweijährigen war wohlbehalten im Zug, nur die gepäckraffende Mutter schaffte es nicht mehr rechtzeitig. Die Türen gingen zu, das Mädchen reiste alleine weiter. Die gute Nachricht: Der Zug war pünktlich. Der einfahrende ICE konfrontiert auch mich mit der Frage: Was zuerst rein? Gepäck oder Kinder?

In den Gängen stapeln sich Koffer und Reisende, leider ist auch die Reihenfolge der Waggons anders als erwartet. Unser reserviertes Kleinkindabteil befindet sich am anderen Zugende. Egal, nichts wie rein! Zuerst wuchte ich die Rucksäcke in den Gang, setze Luis zur Bewachung obendrauf, quetsche mich an Mitreisenden vorbei wieder nach draußen. Ein netter Herr will mir helfen, Emma samt Kinderwagen in den Zug zu heben. So weit die Theorie. Denn leider ist vor lauter Koffern und Reisenden kein Platz für Emmas Gefährt. Jetzt ist keine Zeit für Höflichkeit. Ich fahre die Ellbogen aus und schiebe ein älteres Ehepaar aus dem Weg. Drinnen!

Reservierungsfehler: Kann ja mal passieren...

Notdürftig verstaue ich Rucksack und Kinderwagen und bahne mir samt Nachwuchs den Weg zu unserem Abteil. Das letzte Mal, als ich körperlich so aktiv war, bin ich einen Halbmarathon gelaufen. Aber da – das Eltern-Kind-Abteil, endlich hinsetzen, ausruhen! Doch hier lerne ich Familie Kandler mit ihren Zwillingen kennen, die – welch ein Zufall – die gleichen Plätze wie ich reserviert haben. Irrtum ausgeschlossen! Mit aufkeimender Hys­terie klammere ich mich an den erstbesten Schaffner. Er ist sehr hilfsbereit, als Wiedergutmachung dürfen Luis, Emma und ich ins Ers­te-Klasse-Abteil.

Ein Platz zum Wickeln? Fehlanzeige!

Erschöpft sinke ich in die breiten Ledersessel, die mitreisenden Anzugträger beäugen uns skeptisch über ihre Laptops und Wirtschaftszeitungen hinweg. Luis hat Hunger und will malen, doch wir haben ein dringenderes Problem. Und das stinkt zum Himmel! Die erste Toilette ist dauerbesetzt, die zweite defekt! Meine lieben Mitreisenden – ich würde Ihnen das gerne ersparen, aber es gibt keine Alternative. Auf dem Boden kniend befreie ich Emma von der überquellenden Windel. Die Aufregung vor der ersten Bahnfahrt hatte offensichtlich durchschlagende Wirkung auf ihre Verdauung, was den Herrschaften neben mir bedauerlicherweise nicht entgeht. Ich bin zu erschöpft für Schamgefühle.

Mit der gesäuberten Emma auf dem Arm und dem malenden Luis neben mir, breitet sich eine große Ruhe in mir aus. Ich bin kurz davor, einzunicken, da höre ich die Stimme aus dem Lautsprecher. "Nächs­ter Halt Würzburg, wir danken allen Reisenden, die hier aussteigen, dass sie sich für eine Reise mit der Deutschen Bahn entschieden haben." Im Zeitraffer Kinder anziehen, Spielsachen zusammensuchen, Gepäck und Kinderwagen aufspüren. Die Türen gehen auf. Ich sehe meinen Vater, der auf dem Bahnsteig auf mich wartet. Ich ­falle ihm in die Arme. "Hattet ihr eine gute Reise?", fragt er. "Klar, alles super, total entspannt."

Zugfahren mit Baby: So reisen Sie entspannter

  • Entspannt reisen be­ginnt mit der Planung. Machen Sie sich eine Liste mit allen Dingen, die Sie benötigen.
  • Nervenschonend: Das Gepäck vor der Reise von einem Kurierdienst der Bahn abholen und an den Bestimmungsort bringen lassen.
  • Geht es öfter mit der Bahn zu Oma und Opa, lohnt es sich, dort einen Autokindersitz zu deponieren. Dann müssen Sie das sperrige Teil nicht ständig mitschleppen.
  • Kann das Baby sitzen, ist ein Buggy leichter und platzsparender als ein Sportwagen.

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