Streit unter Geschwistern: Wann eingreifen?

Einmischen oder raushalten? Wenn Kinder sich zoffen, gehen Eltern oft zu früh dazwischen, findet unsere Expertin. Ein Vier-Stufen-Programm hilft Geschwistern, Konflikte selbst zu lösen

von Barbara Weichs, aktualisiert am 23.05.2017

Kinder wissen oft noch nicht, wie man Konflikte löst


Wenn im Kinderzimmer die Fetzen fliegen, liegen bei Eltern nicht selten die Nerven blank. Denn Streitereien zwischen Geschwistern sind an der Tagesordnung. Auch wenn Eltern dann der Sinn nach einem Machtwort steht: Die Kleinen brauchen die Aus­einandersetzungen, um fit fürs Leben zu werden. "Nur wenn man Konflikte lösen und Angriffe abwehren kann, gelingt es einem, seine Integrität zu schützen", sagt Ulrike Rether, Familiencoach und Erziehungsberaterin in Freiburg. Wer das als Kind beim Streiten mit Bruder oder Schwester erprobt, erlebt, dass man eine Situation selbst verändern kann. Eine wichtige Erfahrung, die später im Erwachsenenleben hilft, souverän mit Widrigkeiten umzugehen.

Kinder müssen Streiten erst lernen

Dass laute Schimpftiraden und wildes Aufeinanderlosgehen dabei nichts bringen, müssen die Kleinen erst lernen. Je jünger sie sind, umso mehr brauchen sie dabei die Hilfe der Eltern. "Ein Zweijähriger ist seiner fünfjährigen Schwester nicht gewachsen. Kein Wunder, wenn er unter Körpereinsatz versuchen wird, sein Ziel zu erreichen", erklärt die Erziehungsberaterin. Deshalb werden oft auch die jüngeren Geschwister rabiat und hauen die älteren oder machen ihnen etwas kaputt – einfach weil sie es noch nicht besser wissen. Um ihr Verhaltensrepertoire zu erweitern, müssen Eltern sie deshalb anleiten, so wie sie das auch zum Beispiel beim Zähneputzen tun.

Doch sollen sich Eltern tatsächlich in alle Streitigkeiten des Nachwuchses sofort einmischen? "Nein, es sei denn, Sie wollen das fortführen, bis die Kinder erwachsen sind", gibt die Expertin zu bedenken. Sie rät Müttern und Vätern, genau zu beobachten, welche Intensität der Konflikt hat, und dann dosiert auf die Geschwisterstreitigkeiten zu reagieren. Wie das geht, zeigt der Vier-Stufen-Plan, den Ulrike Rether entwickelt hat:

Streit unter Kindern lösen: Vier-Stufen-Plan

Stufe 1: Normales Geplänkel Gerade noch steckten die beiden Kinder einträchtig die Köpfe über der Ritterburg zusammen, doch auf einmal passt etwas nicht mehr. Der eine will vielleicht nicht der Angreifer sein, der andere besteht aber darauf. Es geht hin und her, die Stimmung kippt. "Ignorieren Sie es, auch wenn es schwerfällt", sagt Rether. Eine Strategie, die Eltern starke Nerven abverlangt. Sie gibt Kindern allerdings die Chance auszuprobieren, ob sie selbst noch die Kurve kriegen.

Stufe 2: Verschärfter Tonfall Schimpfworte fliegen hin und her, Tränen fließen. Eine Lösung scheinen die beiden nicht mehr zu finden. "Gehen Sie zu Ihren Kindern, und benennen Sie die Gefühle, die Sie beobachten, etwa in der Art: Na, hier sind aber zwei richtig sauer." Genauso wichtig ist dann die Frage nach dem Anlass des Konflikts. Denn in 99,9 Prozent der Fälle wissen Eltern nicht, wie der Streit entstanden ist. "Drücken Sie nun Verständnis für die beiden Standpunkte aus", sagt Rether. Die Kinder erfahren dadurch Empathie, sie registrieren: Mama oder Papa verstehen mich. Einen Gang runterzuschalten klappt dann gleich besser – ein guter Ausgangspunkt, um nach einer Lösung für den Konflikt zu suchen. "Machen Sie Kompromissvorschläge, aber ermutigen Sie die Streitenden, sich selbst etwas zu überlegen. Verlassen Sie dann das Zimmer, und lassen Sie die beiden alleine miteinander verhandeln", sagt die Erziehungsberaterin.

Stufe 3: Die beiden rangeln miteinander Auch jetzt kommt es darauf an, die Kontrahenten von ihrer Auseinandersetzung und den negativen Emotionen wegzubringen. "Sagen Sie zum Beispiel: Ich glaube, hier tun sich zwei weh. Ist das noch Spaß oder ein Kampf?" Das bringt die beiden zum Nachdenken, sie spüren, was bei ihnen gerade los ist. "Machen Sie dann klar, dass eine Rangelei nur in Ordnung ist, wenn beide damit einverstanden sind und sie auf Augenhöhe stattfindet", so Rether. Denn: Negative Gefühle körperlich zu zeigen ist erlaubt, es muss dabei aber fair zugehen.

Stufe 4: Die Situation verschärft sich weiter In dem Moment, in dem sich Kinder richtig wehtun und es gefährlich wird, müssen Eltern intervenieren. Am besten so: die Streithähne trennen und dabei beschreiben, was man sieht. "Hier tun sich zwei richtig weh, ihr braucht jetzt eine Pause", wäre eine Möglichkeit. Ein Dilemma, vor dem Eltern oft stehen: Beide Kinder möchten Mama oder Papa nun exklusiv für sich zum Trösten. Ulrike Rether rät zu Ehrlichkeit: "Sagen Sie den beiden, dass Sie sich nicht teilen können. Sie können sich entweder alle zusammen aufs Sofa setzen, oder Sie widmen sich ihnen nacheinander." Mit dieser klaren Ansage können Kinder umgehen.

Diese Streit-Fallen drohen Eltern

Brüllen, drohen oder ein Machtwort sprechen – wenn Eltern damit auf Streit zwischen ihren Kindern reagieren, setzen sie ein falsches Signal. Denn die Kleinen lernen lediglich: Wer schreit, gewinnt. Um der Situation gerecht zu werden, müssen Eltern vielmehr den Streitanlass herausfinden.

Besondere ­Aufmerksamkeit braucht oft das Kind, das sein Geschwister haut, beißt oder kratzt. "Nehmen Sie es nicht einfach aus der Situation, das signalisiert ihm nur, wie hilflos es ist", rät Ulrike Rether. Besser: Fragen Sie es, warum es so wütend ist, und suchen Sie dann gemeinsam nach einer Lösung.


Lassen Sie Ihr Kind entsprechend der Empfehlungen impfen?
Zum Ergebnis
Wie lange waren Sie in Elternzeit?
Zum Ergebnis