Streit über die Erziehung – wie einigen?

Unterschiedliche Meinungen zu haben ist gar nicht so schlecht. Weil es die Selbstständigkeit der Kleinen fördert. Allerdings kommt es dabei auch darauf an, in welchen Punkten man uneins ist

von Christian Andrae, aktualisiert am 25.10.2018
Kind mit Zuckerwatte

"Aber Mama hat erlaubt, dass ich Zuckerwatte bekomme" – solche Sätze können in Erziehungsfragen schnell zum Streit führen


"Aber Mama hat doch Ja gesagt." Sobald man als Vater diesen Satz hört, befindet man sich unmittelbar in einem großen Schlamassel: nachgeben oder hart bleiben? Und während man selber noch mit einer Entscheidung hadert, zeichnet sich beim Nachwuchs schon ein siegessicheres Lächeln ins Gesicht.

Und das ist auch gut so. Denn wenn Mama und Papa mal uneins sind, kann das für das Kind durchaus von Vorteil sein – nicht nur, weil es dann vielleicht das bekommt, was es will. "Nur wenn es grundsätzliche Unterschiede in der Erziehung beider Elternteile gibt, ist das ein Problem", sagt Psychologin Julia Berkic, Wissenschaftliche Referentin am Staats­institut für Frühpädagogik in München und Autorin. Aber der Reihe nach.

Warum sind Eltern bei Kleinigkeiten so leicht uneins?

Das liegt laut Julia Berkic vor allem an den unterschiedlichen Erfahrungen, die jeder selbst als Kind gemacht hat. So gesehen ist es ohnehin schier unmöglich, sich als Paar bei der Erziehung des eigenen Kindes immer und in jedem Punkt wirklich einig zu sein.

Wie wirkt sich die Uneinigkeit der Eltern auf das Kind aus?

"Solange es nicht um grundsätzlich unterschiedliche Werte und Anschauungen geht wie 'den Schwächeren muss man helfen' oder 'die Schwächeren sind selber schuld', sind Unterschiede zwischen Mama und Papa bei der Erziehung gar nicht schlimm. Im Gegenteil", sagt Psychologin Berkic. "Denn je mehr unterschiedliche Modelle ein Kind zur Auswahl hat, umso besser wird seine Autonomie, also die Selbstständigkeit, gefördert." Zum Beispiel: Wenn die Mutter gerne Fast Food isst, aber der Vater sich lieber vegetarisch ernährt. Da bekommt das Kind zwei verschiedene Ernährungsweisen vorgelebt. Und wenn dann mal mehr oder weniger heimlich ein Burger verputzt wird, ist das überhaupt nicht tragisch.

"Die Kinder können solche Unterschiede durchaus zuordnen", ist Berkic überzeugt. "Es ist so ähnlich wie bei den Großeltern, bei denen die Kinder ja oft Dinge machen dürfen, die bei den Eltern nicht durch­gehen. "Das bringt Kinder aber noch lange nicht durcheinander. Sie machen eben nur viele Erfahrungen", sagt Berkic.

Wie vermeiden Eltern Krach wegen der Erziehung?

Nachspeise ja, Nachspeise nein. Kurze Hose, lange Hose. Fernseher ja, Fernseher nein. Limo ja, Limo nein. Pizza bestellen oder selber machen? Das Konfliktpotenzial im Familienalltag ist unendlich. Und aus einer unbedachten Leichtigkeit heraus sind Dinge nun mal schnell gesagt. Und damit ist Streit fast schon vorprogrammiert. "Aber man sollte über solche Sachen besser nicht vor dem Kind streiten", sagt Berkic. Über grundsätzliche Dinge könne man Vereinbarungen treffen. Wenn es für das Kind zum Beispiel unter keinen Umständen Cola geben soll. "Es darf und kann auch Tabus geben", sagt Berkic. "Und da dürfen sich die Eltern nicht in den Rücken fallen."

Auch die Sache mit dem schnell gesagten Ja kann man vorab regeln. Zum Beispiel indem man vereinbart: Die erste Entscheidung gilt. Zur Not ballt der andere Elternteil halt kurz die Faust in der Hosentasche. Und bespricht hinterher in Ruhe, ob man das Thema künftig gemeinsam anders hand­­haben möchte.


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