So lernen Kinder, Streit zu lösen

Kinder geraten ständig aneinander und führen ihren Streit auch mal mit Treten, Zwicken oder Hauen. Welche Strategien aus kleinen Streithähnen friedliche Konfliktlöser machen
von Annett Zündorf und Beatrice Sobeck, aktualisiert am 09.11.2017

Manchmal kommt es bei Kindern im Streit zu handfesten Raufereien

Imago stock & people GmbH/Frank Sorge

Das fünfjährige Mädchen buddelt im Sandkasten, der ­Junge neben ihr auch. Sie greift nach einer Schaufel und zack, boxt der Junge ihr in den Bauch. "Wenn er das noch mal macht, haust du zurück", will ihre Mutter sagen, verkneift es aber in letzter Sekunde. Gehauen wird nicht, predigt sie doch immer. Zugleich soll sich das Mädchen aber auch nicht alles gefallen lassen und für sich einstehen.

Dr. Meike Sauerhering ist Erziehungswissen­schaftlerin am Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung in Osnabrück

W&B/Privat

Streit ist für Kinder wichtig

Gründe fürs Streiten gibt es viele, doch der Mechanismus, der dahintersteckt ist immer der gleiche: Frust entsteht und will sich entladen. "Das können kleine Kinder nur schwer, oft auch noch gar nicht aushalten", sagt Dr. Meike Sauerhering, Erziehungswissenschaftlerin vom Niedersächsischen Ins­titut für frühkindliche Bildung und Entwicklung in Osnabrück. Sie wollen die Schaufel nicht teilen, in der Kita­ nicht in der Schlange warten, bis sie die ­Jacke anziehen können. Sie wollen als Erste ihr Essen auf dem Teller haben. Jetzt. Sofort. Nicht später. "Dass das nicht immer geht, müssen sie erst lernen", so Sauer­hering. Je jünger die Kinder, ­desto eher reagieren sie impulsiv. Fühlen sie sich bedrängt oder um ein Spielzeug betrogen, ­hauen sie dann schon mal zu oder schubsen.

Eltern dienen als Vorbild

Doch wie bringen Eltern und Erzieher Kindern bei, Frust zu ertragen und im Streit friedlich zu reagieren? "Wie so oft steht hier die Vorbildfunktion an erster Stelle", erklärt Sauer­hering. Und meint damit, zu hinterfragen, wie man selbst als Erwachsener in Konfliktsituationen ­reagiert: Besonnen? Impulsiv? Es lohnt sich, genau hinzuschauen, wie Streitigkeiten zwischen ­Eltern und Kind gelöst werden. Haben Mama und ­Papa – die Großen – immer recht, weil sie schlicht am längeren Hebel sitzen?

"Familien könnten Alltags­regeln aufstellen, an die sich auch die Eltern halten müssen. Das stärkt bei Kindern das Selbstwert­gefühl. Sie spüren, auch ihre Meinung ist wichtig", so Sauerhering.

Kristin Stefanidis ist Erzieherin in der Kindertagesstätte Seidelhaus in Jena

W&B/Privat

Konstruktives Denken erleichtert die Konfliktlösung

Im Kindergarten Seidelhaus in Jena gibt es solche Regeln. Ein Beispiel: "Früher gab es ständig Streit darüber, wer mit dem grünen Dreirad fahren darf. Jetzt gibt es ein Haltestellenschild: Immer wenn ein Kind  wieder dort ankommt, wird gewechselt", erklärt Erzieherin Kristin Stefanidis. Gibt es dennoch Streit, kommen die Erzieher unparteiisch als Vermittler dazu. "Wir gehen in die Hocke, sodass wir mit den Kleinen auf Augen­höhe sind. Dann lassen wir die Kids erklären, was los ist, spiegeln ­ihre Gefühle und finden gemeinsam eine Lösung ohne Strafen", erklärt Stefanidis.

Stark macht auch, Kindern Herausforderungen zuzumuten und ihnen nicht jede­ Hürde wie selbstverständlich aus dem Weg zu räumen. Wer lernt, selbst Lösungen zu finden, geht auch im Streit eher einen friedlichen Weg.

Natürlich gibt es Situationen, die kleine Streithähne­ nicht selbst lösen können. Dann ist Unterstützung der Erwachsenen gefragt. Die Kinder sollten wissen: Wenn ich Hilfe brauche, kann ich zur Erzieherin, zu Mama oder Papa kommen. "Dann ist Feingefühl wichtig, denn in so einem Fall, sollte das Um-Hilfe-Bitten nicht als Petzen abgetan werden", sagt Sauerhering.

Dr. Andreas Schick ist Diplom-Psychologe und „Faustlos“-Trainer am Heidelberger Präventionszentrum

/Alexander Ginter

Platz für Empathie

Zum nötigen Rüstzeug gehört auch Empathie. "Das bedeutet, dass die Kinder sich in andere hineinfühlen können. Aller­dings gelingt ihnen das erst in einem Alter ab drei Jahren", sagt Dr. Andreas Schick vom Heidelberger Präventions­zentrum. Genau das lernen Kinder in dem Programm "Faustlos", das er mit seinen Kollegen anbietet. Im Familienalltag sollte ebenso Platz für Gefühle sein. "Am Abend beim Zubettgehen könnten Eltern und Kind noch einmal darüber sprechen, was sie am Tag toll fanden, wie sie sich gefühlt haben oder aber, ob sie sich über etwas geärgert haben", ergänzt Sauerhering.

Raufen erlaubt

Dürfen Kinder denn gar nicht mehr rangeln oder raufen? "Doch", sagt die Erziehungswissenschaftlerin. "Ein Kräftemessen untereinander, etwa bei Rangelspielen, macht Spaß. Und die Kinder lernen dabei die eigenen Grenzen und die von anderen kennen und einzuschätzen."


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