Patchworkfamilie: Wenn Eltern neue Partner finden

Wenig Kinder, viele Elternteile: Wie kann das funktionieren? Überraschende Tipps für moderne Familien-Konstellationen
von Anne-Bärbel Köhle, aktualisiert am 28.04.2017

Eine klassische Familie? Heute reden bei der Erziehung oft die Ex-Partner mit

Fotolia/Patrizia Tilly

Patchworkfamilie klingt fröhlich. So wie ein bunter Flickenteppich, vielleicht nicht perfekt aufeinander abgestimmt, aber lustig. Und allemal weniger spießig als ein langweiliger Perser. Darin schwingt mit: einmal Familie, neu zusammengewürfelt, mit einem Riesenstrauß an Überraschungen und Chancen. Stimmt ja auch: Wenn Eltern sich trennen und wieder neue Partner finden, kommt es heutzutage zu allen möglichen interessanten Konstellationen.

Früher zum Beispiel waren im traditionellen Vater-Mutter-Kinder-Konzept Familien tendenziell eher kinderreich. Heute, zu Zeiten, in denen rund ein Drittel der Ehen geschieden werden, sind Familien tendenziell eher elternreich. Mama, ihr neuer Freund, Papa und seine Frau, zwei Sprösslinge aus den jeweiligen früheren Beziehungen: Das macht vier Erwachsene und zwei Kinder.

Familientherapeut Jesper Juul

Jesper Juul ist Familientherapeut und Buchautor in Dänemark

Privat

Patchwork: Kinder werden oft aufgeteilt

"Für Kinder getrennt lebender Eltern heißt es heute oft, dass sie sich mit vielen Elternteilen auseinandersetzen müssen", erklärt der dänische Autor und Familientherapeut Jesper Juul. Der Familienexperte analysierte das moderne Phänomen der Mehreltern-Familie. Sein Schluss: "Immer mehr Kleine erleben, dass sie aufgeteilt werden, während die Erwachsenen sich in gewisser Hinsicht als Teilzeiteltern empfinden."

Das klingt erst mal interessant, spannend und entlastend. Viele Eltern können sich schließlich auch die Last der Erziehung teilen, können vielleicht dafür sorgen, dass jeder mehr Zeit für sich hat – und die Kinder vielfältige soziale Bindungen erfahren. Kinder, im Gegenzug, erleben ein breiteres Angebot an Freizeitaktivitäten, an Kultur, an Ideen. Tatsächlich bergen elternreiche Familien jede Menge Chancen – aber auch ein paar Risiken. Denn in Patchworkfamilien werden nicht nur Menschen neu zusammengewürfelt, sondern auch verschiedene Vorstellungen von Glück, Liebe und Erziehung.

Tipps: So kommen Patchwork-Eltern klar

Patentrezepte, wie Erwachsene und Kinder in der neuen Kombination glücklich miteinander werden, gibt es nicht. Und auch für die Großen lassen sich keine klaren Handlungsanweisungen liefern, wie sie ihren erzieherischen Alltag bewältigen. Aber ein paar Tipps machen’s leichter:

Optimismus: Stiefeltern klingt fürchterlich. Dem Begriff allein haftet der Ruch der Hinterhältigkeit an. Solche Menschen drängen sich in andere Beziehungen, versuchen, an ihren Nicht-Kindern unberechtigterweise herumzuerziehen. Juul plädiert deshalb dafür, den Begriff ab- und einen neuen einzuführen: Bonuseltern. Heißt ja nicht gleich, dass alles stets idyllisch sein muss – aber zumindest eine konstruktive Richtung einnimmt.

Geduld: Eine neue Beziehung bedeutet: ein neuer Erzieher, eine neue Bezugsperson, vielleicht sogar eine neue Umgebung für das Kind. Und für die Erwachsenen heißt es, wenn sie sich entschließen, zusammenzuleben: Abschied von der trauten Zweisamkeit – und voll hinein ins Familienleben. So viel Veränderung braucht vor allem eins: Zeit. "Auch wenn die Scheidung der Eltern in gegenseitigem Einvernehmen und relativ undramatisch verläuft, hinterlässt sie bei den Kindern oft tiefe Wunden, die nur langsam verheilen", sagt Familientherapeut Jesper Juul. Seiner Erfahrung nach brauchen Kinder drei bis vier Jahre, um über eine Trennung völlig hinwegzukommen.

Wann also den neuen Partner dem Kind vorstellen, wann gar zusammenziehen? Schwierige Fragen, die viel Fingerspitzengefühl verlangen. Und die Gelassenheit, auch mal längere Zeiträume abzuwarten. Bevor Patchworkpaare zusammenziehen, sollten idealerweise etwa zwei Jahre nach der Trennung vergehen, rät der Familientherapeut.

Beobachtungsgabe: Kindern ist oft nur schwer anzusehen, wie sehr sie mit Wut und Hoffnung kämpfen – weil sie anders trauern als Erwachsene. Ob das Kind nun schmollt, an seinem Vater oder seiner Mutter klebt, ständig Aufmerksamkeit beansprucht oder den neuen Eltern die kalte Schulter zeigt. Dahinter steckt immer dieselbe Botschaft: "Ich habe die Trauer über den Verlust meiner Familie noch nicht überwunden und hoffe die ganze Zeit, dass meine Eltern wieder zusammenfinden. Die Vorstellung eines neuen Erwachsenen und einer neuen Familie überfordert mich einfach."

Einfühlungsvermögen: Dass Kleine am Anfang auf ihre neuen erwachsenen Begleiter eher genervt und manchmal auch frech reagieren, ist in der Regel kein Zeichen von Ablehnung oder Aufsässigkeit, sondern vielmehr ein Signal dafür, dass sich die Kinder noch nicht an die neue Situation gewöhnt haben. Wichtig ist, dass die Erwachsenen dem Kind zeigen, dass sie seine Gefühle und Gedanken akzeptieren. Und dass sich das Kleine nicht schlecht fühlen muss, wenn es mit negativen Gefühlen kämpft. Zum Beispiel mit diesem Satz: "Ich weiß, die Situation ist schwierig für dich. Es ist völlig in Ordnung, dass du nicht froh darüber bist."

Altersfrage: Welche Rolle spielen die neuen Eltern für die Kinder? Eine schwierige Frage, die vor allem von einem Faktor abhängt: Wie alt ist das Kind? Psychologen sind sich einig: Je jünger der Nachwuchs, umso problemloser gelingen neue Familienkonstellationen. Spätestens ab drei Jahren aber, schätzt Jesper Juul, braucht die neue Familienplanung viel Sorgfalt. Kinder im Kindergarten- und Vorschulalter reagieren nämlich gelegentlich mit Wut, Zorn und Eifersucht auf neue Partner, weil sie sich häufig an der Scheidung – und ergo auch an der neuen Familiensituation – mitschuldig fühlen.

Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren haben es am schwersten, sich an die neuen Erwachsenen zu gewöhnen. Sie haben zu ihren leiblichen Eltern bereits eine lange Bindung aufgebaut und sind jetzt in der Patchworkfamilie mit einem Ersatzpapa oder einer Ersatzmama konfrontiert. Das stürzt die Kleinen häufig in Loyalitätskonflikte. Kommen sie gut mit dem neuen Partner aus, fühlen sie sich als Verräter gegenüber dem anderen Elterteil. Klappt der Kontakt nicht, entwickeln sie ebenfalls ein schlechtes Gewissen. Ältere Kinder können dagegen häufig die Beweggründe ihrer Eltern, sich zu trennen, verstehen – und reagieren nicht ganz so ablehnend auf die neuen Eltern.

Rollendefinition: Vier Erwachsene – vier Miterzieher? Schwierig. Denn jede Mutter und jeder Vater hat einen eigenen Stil. Kommt ein neuer Erwachsener ins Spiel, muss also zwischen den Großen ausführlich besprochen werden, welche Verhaltensweisen gelten, welche Gewohnheiten in der Familie herrschen, welches Verhalten von den Kindern akzeptiert wird – und welches nicht. Dass dabei die jeweiligen Elternpaare unterschiedliche Vorstellungen haben, hält Jesper Juul für kein Problem – dann gelten eben in jeder Familie eigene Regeln.

Zurückhaltung: Der größte Fehler, den neue Partner machen können: Sie versuchen, den Vater oder die Mutter zu ersetzen. "Es ist sinnlos, um den ersten Platz zu konkurrieren", erklärt Familienexperte Juul. Dafür sind Ursprungseltern und -kinder einfach zu wichtig füreinander – egal, unter welchen Bedingungen die Familien zerbrochen sind. Der Expartner, auch wenn man ihn nie trifft, ist und bleibt ein aktiver und einflussreicher Teil des Lebens und der Familie. Juul rät: "Bringen Sie sich als erwachsenen Freund in die Familie ein, nicht als Erzieher." Das gilt vor allem für ältere Kinder – die häufig auf zuviel erzieherischen Ehrgeiz der Extra-Erwachsenen allergisch reagieren: "Du hast mir gar nichts zu sagen!"

Realitätssinn: Vielelternfamilien bergen Konfliktstoff. Und damit muss man sich abfinden. Deshalb ist es wichtig, sich von romantischen Idealvorstellungen zu verabschieden. Elternreiche Familien können aber auch eine wunderbare Chance sein, wenn alle bewusst mit der Situation umgehen. Juul rät, dass sich die neu geformten Familien zweimal im Monat zusammensetzen, um darüber zu sprechen, wie sie sich in der neuen Konstellation fühlen. "Packen Sie für diese Reise", sagt Jesper Juul, "nicht nur Liebe und Verantwortungsgefühl ein, sondern auch den Willen zur persönlichen Entwicklung, Ihren Verstand und Ihre Konfliktfähigkeit."


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