Mein Kind benimmt sich wie ein Baby, was tun?

Wenn Kinder plötzlich wieder Schnuller oder Windel brauchen, helfen Zuneignung und extra Kuscheleinheiten, rät eine Expertin
von Anne-Bärbel Köhle, aktualisiert am 17.10.2016

Daumenlutschen: Kinder drücken ihre Ängste und Sorgen über den Körper aus

Your Photo Today/Phanie

Bitte nicht schon wieder! Nicht schon wieder eine Windel anlegen müssen – das Thema war doch schon längst abgehakt! Gelegentlich könnten Eltern verzweifeln. Anstatt weiter voranzuschreiten, scheint ihr Kind in seiner Entwicklung eine Riesenrolle rückwärts zu machen. Plötzlich muss also wieder die Windel her, der Schnuller oder das Schmuse­­tuch. Ein Kind, das eigentlich schon selbstständig war, entwickelt sich scheinbar über Nacht zurück zum anhänglichen Dauer-Schoßsitzer mit Daumen im Mund. Als Regredieren bezeichnen Experten dieses Phänomen.

Hilferuf: Die Kinder suchen Schutz

"Ein Hilferuf" – so nennt es Professorin Fabienne Becker-Stoll, Leiterin des Staatsinstituts für Frühpädagogik in München. Wenn Kinder wieder zu Babys werden, dann teilen sie mit, "dass ­ihre ­Seele in Not ist", erklärt die Dip­lom-Psychologin. Sie machen sich klein, suchen Schutz. Und können auch gar nicht anders: "Bis Kinder etwa zwölf Jahre alt sind, sind sie von ihrer Entwicklung her nicht in der Lage, mit Worten auszudrücken, was ihnen fehlt", erklärt Becker-­Stoll.

Prof. Dr. Fabienne Becker-Stoll leitet das Staatsinstitut für Frühpädgogik in München

W&B/Privat

Auch wenn es für ­Eltern schwierig ist, den Rückschritt ihrer Kleinen auszuhalten, steckt ­eine wichtige Botschaft dahinter: Das Kind zeigt, dass es momentan ­eine seelische Belastung gibt, mit der es nicht zurechtkommt. Vielleicht streiten die Eltern gerade häufig, oder ein Geschwisterkind ist zur Welt gekommen. Womöglich gibt es mit dem besten Kumpel in der Kita Zoff, oder die schulischen Anforderungen zerren an den Nerven des Kindes. "Kinder leben Ängste und Stress ganz unmittelbar über ihren Körper aus", erklärt Becker-Stoll. Deshalb haben sie in solchen Phasen auch oft unspezifisches Bauchweh, meist um den Nabel herum.

Das beste Heilmittel: Zuwendung

Dabei ist das Heilmittel, was Kinder jetzt brauchen, ganz einfach – Liebe. "Sie wollen Zuwendung, sehr viel Kontakt, der sie tröstet", sagt Fabienne Becker-Stoll. Sie jedenfalls, selbst Mutter von zwei Kindern, würde in einer solchen Situation "verwöhnen und verhätscheln, sie bemuttern, ständig auf dem Schoß sitzen oder im Bett schlafen lassen". Hauptsache, der Kummer lässt dadurch nach.

Und das tut er – laut wissenschaftlichen Studien sogar ziemlich schnell. "Forschungen in verschiedenen Ländern zeigen, dass regredierendes Verhalten rasch wieder aufhört, wenn man sich dem Kind zuwendet", erklärt die Expertin. Nach wenigen Tagen, spätestens nach ein oder zwei Wochen, ist man das Problem in der Regel wieder los. Entscheidend dabei: Eltern sollen kein Drama daraus machen. Natürlich ist es nicht toll, wenn ein Kleines wieder in die Hosen macht oder am Daumen lutscht. Aber je gelassener und zugewandter die Großen jetzt rea­gieren, umso besser.

Eltern sollten sich keine Vorwürfe machen

Eltern können nicht alle Ursachen abwenden: Ein Geschwister­baby kann man nun mal nicht zurückgeben. Und dass Mama oder Papa nach einer längeren Elternzeit wieder zum Arbeiten gehen, lässt sich eben nicht verhindern. Manchmal können Eltern auch nicht ermitteln, was hinter dem regredierenden Verhalten steckt. Extra-­Kuscheleinheiten beruhigen den Nachwuchs auch dann.

Besonders stressig für Eltern und Kinder: wenn ein Kleines nachts wieder in die Hose macht. Für nasse Nächte emp­fiehlt Fabienne Becker-Stoll, "keinen Terror zu machen". Dann gibt es eben wieder ein Windel­höschen, bis der Kummer überwunden ist. Beim Kinderarzt kann man abklären lassen, ob etwas Körperliches, etwa eine Blasenentzündung, hinter dem Ein­nässen steckt. Lässt sich das Problem nicht binnen weniger Wochen ­lösen, rät Becker-Stoll dazu, sich Hilfe zu holen: "Sprechen Sie mit den Erzieherinnen oder mit dem Kinderarzt", rät die Psychologin. "Ich halte es auch für gut, sich in so einem Fall an ­eine Erziehungsberatungsstelle zu ­­wenden." Und vor allem: "Machen Sie sich selbst keine Vorwürfe", sagt die Expertin. "Eltern sind nicht an allem schuld."

Auch Erwachsene regredieren

Aber es fällt ihnen schwer, die Situation auszuhalten, verständ­licherweise. Große sehen es nun einmal viel lieber, wenn sich ein Kind nach ­vorne entwickelt anstatt zurück. Vielleicht hilft es dann, sich daran zu erinnern, wie Erwach­sene reagieren, wenn sie gestresst oder traurig sind: Dann rollen sich auch die Großen in Embryonalstellung auf dem Sofa ein, mit einer ­Tafel Schokolade in der Hand. Sie telefonieren stundenlang mit der ­besten Freundin oder dem Kumpel und haben ein starkes Anlehnungs­bedürfnis. Mit einem Satz: Sie ­regredieren.


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