Mama, wer ist dein Lieblingskind?

Fast alle Eltern glauben, dass sie ihre Kinder gleich lieb haben. Doch stimmt das? Manchmal stehen Eltern tatsächlich einem Kind näher als dem anderen. Ein Erfahrungsbericht einer Mutter
von Anna Katharina Eber, aktualisiert am 28.08.2017

Lieblingskind: Wie gerecht ist die Zuneigung der Eltern verteilt?

W&B/Forster und Martin

Emma (5) und ich puzzeln, als sie beiläufig fragt: "Mama, hast du mich lieber als Leon?" Ich schlucke den Kloß runter und sage, ohne groß nachzudenken: "Ich habe euch beide gleich lieb." Emma gibt sich damit zufrieden. Nur mich lässt die Frage – und meine Antwort – nicht mehr in Ruhe. Habe ich richtig geantwortet?

"Die Antwort mag diplomatisch klingen, doch die Gefühle des Kindes werden nicht ernst genommen", erklärt mir Professorin ­Fabienne Becker-Stoll, Entwick­lungspsychologin und Direktorin des Staatsinstituts für Frühpädagogik in München. Noch schlimmer wäre ein "Ja" gewesen. Zwar wäre ­Emma für den Moment selig gewesen, und Leon hätte meine Antwort noch nicht verstanden. "Doch so etwas kann noch Jahre später ausgepackt werden. Wer will dann schon sagen, dass man gelogen hat, weil man zu müde war oder keine Lust auf eine Diskussion hatte?", so Becker-Stoll.

Prof. Fabienne Becker-Stoll ist Ent­wick­lungs­psychologin und Direktorin des Staatsinstituts für Frühpädagogik in München

W&B/Privat

Kinder fragen selten grundlos

Das leuchtet ein, aber wie reagiert man nun richtig? Indem sich ­Eltern ehrlich dafür interessieren, warum ihr Kind die Liebesfrage stellt. "Sie ist eine Selbstvergewisserung und selten anlasslos", präzisiert die ­­Entwicklungspsychologin. Tatsächlich bekommt Leon (1) momentan viel meiner Aufmerksamkeit; seine Krippen-Eingewöhnung kostet Kraft. Geht es Emma darum? Ich frage nach: "Hast du das Gefühl, dass ich mich nur noch um Leon kümmere?" Emma ist dankbar, dass ich für sie Worte ­finde. Selbst so ein Gefühl formulieren können Kinder frühestens ab dem Grundschulalter. Emma fordert mehr Zeit allein zu zweit.

"Exklusiv-Zeit ist bei Geschwister-Rivalität tatsächlich ein wirksames Rezept", sagt Holger Simonszent, der als Kinder- und Jugendlichenpsycho­­therapeut in Gauting bei München arbeitet. Die gibt es bei uns zwar schon. Wobei ich zugeben muss, dass ich sie ein bisschen schleifen ließ. (Das wird ab jetzt wieder anders, ­Emma, versprochen!)

Holger Simonszent arbeitet als Kinder- und Jugend­lichen­psychotherapeut in Gauting bei München

W&B/Privat

Habe ich ein Lieblingskind?

Die Frage meiner Tochter treibt mich weiter um. Stimmt es wirklich, dass ich beide Kinder gleich mag? Und was, wenn ich ein Kind tatsächlich lieber habe? Phasenweise ­kenne ich dieses Gefühl durchaus. Wobei ich eher von Nähe als von Liebe sprechen würde, meine Liebe gegenüber beiden Kindern sehe ich als ein Fundament, auf dem beide bequem Platz haben. Liebe ist nicht messbar.

Holger Simonszent beruhigt mich: "Ich erlebe es als Regel und nicht als Ausnahme, dass Eltern sich einem Kind stärker verbunden fühlen." Er macht aber auch klar: Gemeint ist kein Für-Immer. Es handelt sich um Phasen. So spüren die meis­ten etwa mehr Nähe zu dem Kind, das gerade krank ist. Oder weniger zu einem gefühlt anstrengen­den Kind, das zum Beispiel im Super­­markt Grenzen testet. Manchmal schafft aber genau das Nähe, weil wir so stark gebraucht werden. Auch ­Situationen können verbinden, ­etwa wenn zwei Menschen das, was sie gerade gemeinsam machen, gern tun, also die Begeisterung des anderen teilen; egal ob sie radeln, planschen oder Lego­­türme bauen. Genauso spielt der Charakter ­eine Rolle. Vielleicht fühlt man sich dem Kind zu­gehöriger, das einem selbst ähnlich ist. Oder vielleicht gerade deshalb nicht.

Nähe aufbauen ist Elternaufgabe

Dass es völlig normal ist, dass meine Gefühle auch mal pendeln, entlastet ungemein. "Es gibt aber eine rote Linie", erklärt Entwicklungspsychologin Becker-Stoll. "Empfinden Eltern für ein Kind keine Liebe oder haben sie ihm gegenüber häufig negative Gefühle, schadet das dem Kind massiv – und auch den geliebten Geschwis­tern." Eltern neigen mitunter dazu, dem ungeliebten Kind die Schuld zu geben: Es provoziert mit seinem Verhalten meine fiesen Gefühle. "Es ist aber Elternaufgabe, eine tragfähige Beziehung aufzubauen", erklärt Becker-Stoll.

Allein diesen Kreis zu durchbrechen ist kaum möglich. Hilfe leisten ­etwa Erziehungsberatungsstellen, Psychologen oder Psycho­­therapeuten. Auch bei der empfundenen Nähe stellen beide Experten noch einen Aspekt heraus: "Es ist für Kinder nicht gut, wenn Eltern sich auf diesem Gefühl ausruhen", sagt Simonszent. Motto: Der ­Kleine kann halt nur mit Papa, also ziehe ich mich raus. Becker-Stoll ergänzt: "Ich sehe es als Kernaufgabe der Eltern, Nähe zu all ihren Kindern aufzubauen." Ist diese nicht von selbst stark, sollten Eltern aktiv nach Gemeinsamkeiten suchen und diese fördern.

Die Bedürfnisse des Kindes erkennen

Bleibt für mich noch eine Frage: Muss ich verhindern, dass meine Kinder merken, wenn ich mich – phasenweise – einem von ihnen näher fühle? "Das können Sie kaum", sagt Becker-Stoll. "Ihre Tochter hatte da ja auch ganz feine Antennen." Sie rät, nicht von Liebe oder Nähe zu sprechen – eher von Aufmerksamkeit, etwa: "Leon braucht mich gerade sehr." Bei Erstgeborenen lässt sich das oft mit Erzählungen verknüpfen. Wie war es, als du in die Krippe kamst? Als ich dich stillte, du gezahnt ­hast? "Entscheidend ist, dass die Bedürfnisse des anderen Kindes gehört und gesehen werden", ergänzt Therapeut Simonszent. Dass es sich nicht ungesehen fühlt. Ich habe verstanden. Und genieße deshalb jetzt die Sonne, mit einem großen Becher Erdbeereis, den Emma und ich uns teilen. Ohne Leon.


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