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Leine für Kinder: praktisch oder entwürdigend?

Mein Kind ist doch kein Hund, sagen die einen. Sicherheit geht vor, meinen andere. Laufleinen sorgen unter Eltern für Diskussionen

von Michael Risel, aktualisiert am 31.07.2018
Kind an der Leine geht über Zebrastreifen

Im Straßenverkehr das Kind an die Leine nehmen? Das ist eher nicht ratsam


Als seine fünfjährige Tochter das Skifahren lernen wollte, hatte Klaus Neumann ein Problem: "Sie bretterte die Piste runter, ist uns fast entwischt. Wir konnten sie gerade noch einfangen, mit angsterfüllten Augen." Fortan nahmen die besorgten Eltern ihre Tochter, sobald sie auf den Skiern stand, an eine Leine. Ein schlechtes Gewissen hatte der Münchner Diplom-Psychologe dabei nicht. Im Gegenteil. "Eine tolle Einrichtung fürs Skifahren. Kinder fühlen sich mit einer Leine­ sicher. Sie wissen, es kann ihnen nichts passieren. Notfalls halten die Eltern sie fest."

Viele Eltern lehnen Kinderleinen ab

Neumann ist Beauftragter für Kindeswohl und Kinderrechte im Berufsverband Deutscher Psychologen. Eine Kinderleine lehnt er nicht grundsätzlich ab – anders als viele aufgebrachte Kommentare­schreiber im Internet. "Ab­artig" und "entwürdigend" sei es, so kann man in Elternforen lesen, wenn Erwachsene ein Kind in der Öffentlichkeit an die ­Leine nehmen würden. Regelmäßig fällt der Satz: "Mein Kind ist doch kein Hund!" Und die Frage drängt sich auf: Schadet es dem Kind? Darf ich es überhaupt anleinen?

Leine kann vor Gefahren schützen

"Es kommt auf die Situation an", sagt Psychologe Neumann. Wie verbreitet die Kinderleine in Deutschland ist, kann auch er nur schwer einschätzen. Online-Versandhändler haben entsprechende Artikel als "Sicherheitsgeschirr" oder "Laufleine" im Angebot.

Wichtig ist in jedem Fall, so Neumann, dass die Leine das Kind vor Gefahren schützt, wie zum Beispiel beim Skifahren oder beim Wandern im Gebirge. "Wenn es dagegen nur der Bequemlichkeit oder der Stressentlastung der Eltern dient, wird’s kritisch." Außer­dem müsse sich das Kind an der Leine wohlfühlen. "Wenn die L­eine vom Kind als Einengung empfunden und nicht akzeptiert wird, dann würde ich das lassen."

Anbinden spielerisch vermitteln

Eltern, die glauben, nicht auf die Leine verzichten zu können, rät der Psychologe, ihrem Kind das Anbinden auf spielerische Weise zu vermitteln. Zum Beispiel, indem man gemeinsam in die Rolle von Bergsteigern schlüpft. "Ich kann zu meinem Kind sagen: Wir zwei sind Bergsteiger, und wir besteigen jetzt den Mount Everest. ­Deine Aufgabe ist es, immer vorauszugehen und aufzupassen, wo es langgeht, und ich komme an der ­­Leine hinterher." Solange dem Kind das Laufen an der Leine Spaß mache und nicht als Einschränkung seiner Bewegungsfreiheit empfinde, sei das unproblematisch, so Neumann. Und fügt hinzu: "Die Frage ist nur, wie oft das Kind Bergsteiger spielen mag."

Kinderleine birgt auch Gefahren

Ein Trugschluss ist, zu glauben, dass durch eine Kinderleine Gefahren nur vermieden werden. Es können auch neue entstehen. Zum Beispiel, wenn die Leine zu lang ist. "Das Kind kann sich mit der Schnur irgendwo verwickeln, sich selbst strangulieren oder auch für andere eine Gefahr darstellen, ­etwa Radfahrer", sagt Inke ­Ruhe von der Bundesarbeitsgemeinschaft Mehr Sicherheit für Kinder e.V. in Bonn. Länger als ­einen Meter sollte die Leine deshalb nicht sein. Wirklich erforderlich ist sie aber aus Sicht der Sicherheits­­expertin nicht. "Es gibt genügend an­dere Möglichkeiten, ein Kind sicher aufwachsen zu lassen."

Im Straßenverkehr ungünstig

Das gilt auch für den Straßenverkehr. Vielen Eltern macht die Vorstellung Angst, ihr kleines Kind ­könne plötzlich unkontrolliert auf die Straße rennen. Da aber, so Ruhe­, sei es besser, das Kind an der Hand statt an der Leine zu halten. "Der Vorteil der Hand: Ich habe das Kind direkt im Griff. Wenn ich dagegen eine Leine habe, dann gebe ich ihm etwas mehr Spielraum, der natürlich auch mit mehr Unsicherheit verbunden ist."

Was aber, wenn man mit mehreren kleinen Kindern, Zwillingen zum Beispiel, unterwegs ist? "In so einem Fall würde ich mir lieber ­einen Bollerwagen nehmen, in dem die Kinder wirklich drinsitzen." Wichtig sei es, so Inke ­Ruhe, dass sich die Eltern immer auch über Alternativen Gedanken machen. "Die Frage ist doch: Muss ich mich wirklich in diese Situa­tion begeben, in der ich mich nur mit Kinderleine sicher fühle? Oder kann ich sie verschieben oder organisatorisch anders lösen? Darüber sollten ­Eltern zumindest mal nachdenken."


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