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Lasst Kinder popeln!

Kaum ein Kind, das nicht in der Nase bohrt. Das kann man eklig und peinlich finden – oder einfach locker sehen. Ein Plädoyer für einen entspannten Umgang

von Marian Schäfer, aktualisiert am 30.11.2018
Kind popelt in der Nase

Gebohrt, gefunden: Popel faszinieren Kleinkinder


Die ganz trockenen Brocken schmecken ihr nicht. "Notta", sagt Merle dann und reicht sie an uns weiter. Im Auto, auf der Couch, im dunklen Zimmer.  "Notta" bedeutet "Schnotter" und steht eigentlich für die Popel, die unsere bald zweieinhalbjährige Tochter regelmäßig zutage fördert. "Notta" war eines ihrer ersten Wörter, gefühlt kam es gleich nach "Mama" und "Papa".

Merle war etwa eineinhalb Jahre alt, als sie zu einem kleinen Bohrturm mutierte. Davor fehlte es noch an Koordination, auch hätten ihre Speckfingerchen nicht in die zierlichen Nasenlöcher gepasst. Zudem konnte sie nicht ahnen, was sich für Schätze würden bergen lassen. Auf die ersten glibbrigen Funde re­agierte sie entsprechend fasziniert. "Das ist Schnotter", erklärten meine Frau und ich ihr damals fälschlicherweise. Seitdem sagt Merle "Notta", wenn sie einen Popel auf ihrem ausgestreckten Zeigefinger begutachtet. Dabei dreht und wendet sie ihn und wägt ab, ob sie ihren Fund weiter­reicht oder aufisst. Das kann man eklig und peinlich finden – oder einfach locker nehmen.

Darum popeln wir

Wir sehen die Popelei entspannt – und sind damit auf einer Linie mit den meisten Kinderärzten: dem Finger in der Nase nicht zu viel Aufmerksamkeit schenken – und bei Gelegenheit den richtigen Umgang erklären und zeigen. Freilich fiel auch uns das anfangs schwer. Eltern neigen dazu, ihre Kleinen zu idealisieren. Die ers­ten Pupse sind noch niedlich, beim ersten Popel aber bekommt das Bild des perfekten Kindes langsam Risse. Zumal die Fingerchen bevorzugt dann in der Nase verschwinden, wenn man die Kleinen gerade zu Genies erhebt. Dann sitzen sie da mit leerem Blick, sprichwörtlich in sich versunken. Popelnd lässt sich kaum mehr leugnen, dass der Mensch vom Affen abstammt.

Genau genommen gehören Menschen übrigens zur Untergruppe der Trockennasenaffen, weshalb es die Popel-Problematik überhaupt nur gibt. Würden wir zu den Feuchtnasenaffen gehören, hätte Merle einen Nasen­­spiegel. Das sind nasskalte Schleimhäute, die sich um die Nasenlöcher legen. Katzen und Schweine zum Beispiel haben so einen. Er hält auch den vorderen Teil der Nase feucht, wodurch Popel es schwer haben. Die störenden Klumpen sind ja nichts anderes als getrocknetes Sekret, das in der Nase die Atemluft befeuchtet, sie von Staub reinigt und größtenteils nach hinten in den Rachenraum abfließt. Dass das Essen von Popeln krank macht, scheint so auch nur ein Mythos zu sein. Ein kanadischer Professor für Biochemie behauptete zudem das Gegenteil. Er sah in dem Verzehr eine Art Schluckimpfung für Allerweltskrankheiten. Be­weise für seine These blieb er bislang schuldig.

Genuss-, Langeweile- oder Stressbohrer?

Die Menge der publizierten Popel-Studien ist insgesamt überschaubar – was in starkem Kontrast zur Zahl der Nasenbohrer stehen dürfte. Und zwar nicht nur unter Kindern, sondern auch unter Erwachsenen: Als Forscher der Dean Foundation of Health im US-amerikanischen Wisconsin dazu 1000 Erwachsene befragten, antworteten zwar nur 254. Davon outeten sich aber 91 Prozent als regelmäßige Popler. Wenn Eltern also naserümpfend mit ihren popelnden Kindern schimpfen oder ihnen auf die Finger klopfen, werden einige das mit einer gewissen Scheinheiligkeit tun. Zumal sich schon an der nächsten Straßenkreuzung feststellen lässt, dass es die Faszination Popeln nicht nur bei den Kleinen gibt. Dort ist der weitverbreitete Ampelbohrer zu beobachten, der je nach Verkehrslage eine der drei Großgruppen unter den Poplern repräsentiert: den Genuss-, den Lange­weile- oder den Stressbohrer.

Merle ist ein Genussbohrer – und ziemlich verantwortungsvoll. Verzehrt sie ihre Funde nicht, kommen sie zu uns ins Taschentuch. Mittlerweile greift sie manchmal sogar selbst zum Rotzlappen. Wir glauben, dass das viel mit unserer laissez-fairen Haltung zu tun hat. Nur wenn man die Popelei nicht kriminalisiert, erleben Kinder selbst Taschentücher als reizvoll. Anders läuft man Gefahr, aus friedlichen Genussbohrern offen-­aggressive Trotzbohrer oder arglistige Schmierbohrer zu machen. Manche Kinder werden unkontrollierbar.

Wir erleben das gerade bei befreundeten Eltern. Als wir sie zuletzt besuchten, konnte ich ihren Dreieinhalbjährigen beobachten. Obwohl verboten, bohrte er natürlich – und ließ seinen Fund dann an der Unterseite des Esstisches verschwinden. Auch seinen Vater, ein überzeugter Popel-Gegner, habe ich übrigens schon mit dem Finger in der Nase gesehen. Danach rollte er das Ergebnis zwischen Daumen und Zeigefinger – und schnippte es in den Raum.


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