Kita: Wie funktioniert die Eingewöhnung?

Mama ist weg, stattdessen überall fremde Menschen: Für Kinder bedeutet eine neue Kita Stress. Sanftes Eingewöhnen ist wichtig

von Sandra Schmid, aktualisiert am 24.09.2015

Neu in der Kita: Oft dauert es, bis das Kind sich richtig wohl fühlt


Die erste Zeit in einer neuen Betreuungseinrichtung bedeutet für jedes Kind eine große Veränderung: Egal, ob in der Krippe, bei der Tagesmutter oder im Kindergarten – überall sind unbekannte Kinder, andere Spielsachen, neue Bezugspersonen. Und das alles ohne Mama und Papa? Natürlich geht das nicht von heute auf morgen. Um dem Kleinen den Trennungsschmerz zu erleichtern, gibt es die sogenannte Eingewöhnungsphase. Innerhalb einiger Wochen kann sich das Kind mit den neuen Bezugspersonen vertraut machen und die zahlreichen Eindrücke verarbeiten. Anfangs sind Mama oder Papa ständig dabei, nach und nach ziehen sie sich zurück.

Kita-Start: Trennung ruft Verlustängste hervor

"Die Trennung bedeutet für das Kind in erster Linie einen starken, plötzlichen Bindungsverlust", sagt der Wissenschaftsdozent für Entwicklungspsychologie Armin Krenz vom Institut für Psychologie und Pädagogik in Kiel. Eine angemessene Eingewöhnungszeit fängt Verlustängste beim Kleinen auf und trägt dazu bei, dass es sich in der neuen Umgebung bald sicher fühlt. Dazu ist Geduld und Teamwork gefragt: Eltern und Erzieherinnen müssen eng zusammenarbeiten.

Für die meisten Kinder ist ihre Mutter die wichtigste Bezugsperson. "Wenn kleine Kinder erschrecken und in der Folge Ängste entwickeln, schauen sie als erstes zur Mama", erklärt Krenz. Sie beobachten genau: Wie verhält sie sich? Ist sie auch erschrocken? Oder strahlt sie Ruhe aus? Dann reagieren sie wie im Spiegelbild: "Ist der Bindungspartner entspannt und gelassen, dann geht es auch dem Kind gut", so Krenz.

Darum plädiert der Pädagoge dafür, dass die Eltern am Eingewöhnungsprozess aktiv teilnehmen. "Bei guten Programmen kümmert sich die Erzieherin in erster Linie um die Mutter," sagt Krenz. Die Erzieherin tauscht sich intensiv mit ihr aus und gibt ihr dadurch ein sicheres Gefühl. "Das Kind beobachtet die Mutter und unternimmt dann aus einem Gefühl der inneren Sicherheit von sich aus erste Schritte", so Krenz.

Eingewöhnung: Eltern werden intensiv eingebunden

Diese Strategie verfolgt auch das Eingewöhnungsmodell des inzwischen verstorbenen Entwicklungspsychologen Kuno Beller, das in Münchner Krippen erprobt und evaluiert wurde. "Die Eingewöhnung darf sich nicht nur auf das Kind beziehen", schreibt Beller. "Denn man hilft ihm wenig, wenn man nur auf seine Bedürfnisse eingeht, an die beteiligten Erwachsenen aber lediglich Forderungen stellt und ihnen über ein Eingewöhnungsprogramm Anweisungen für ihr Verhalten gibt."

Seine Frau, Dr. Simone Beller, Diplom-Pädagogin mit Schwerpunkt Kleinkinderpädagogik in Berlin, unterstreicht die entscheidende Rolle der Eltern in diesem Prozess. "Je mehr sich eine Situation verändert, umso größer ist der Stress für die Kleinen", sagt sie. Denn oft gehen mit dem Wechsel in eine neue Betreuungseinrichtung weitere Veränderungen einher: Die Mutter beginnt wieder zu arbeiten oder das ältere Geschwisterkind kommt in die Schule. Das alles sollte das Kind schrittweise verarbeiten können.

Trennung in kleinen Schritten

"Eltern haben sich unbedingt darauf einzulassen, bei der Eingewöhnungsphase aktiv mitzumachen," sagt Krenz. Anfangs sind Mama oder Papa die ganze Zeit mit dem Kind in der Einrichtung. Im nächsten Schritt gehen sie für ein paar Minuten an die Tür, wo das Kind sie – als Rückversicherung – immer noch sehen kann. "Bei strukturierten Programmen wie etwa dem Berliner Eingewöhnungsmodell erhöht sich die Minutenzahl pro Tag, an denen dann die Bindungspersonen den Raum verlassen", so Krenz.

Trotzdem kommt es im Kita-Alltag immer wieder zu dramatischen Trennungsszenarien. In solchen Fällen sind warmherzige und gelassene Erzieherinnen gefragt, "die nicht nur kognitive, sondern vor allem auch einfühlende Empathie zeigen und sich dem Kind achtsam und auf Augenhöhe zuwenden", so Krenz. Damit sich die Betreuer entsprechend auf die Kinder einlassen können, sollten nicht alle Kinder gleichzeitig die Eingewöhnung machen, sondern am besten mit etwas Abstand voneinander beginnen.

Ausreichend Zeit nehmen

Wie lange die Eingewöhnung dauert, ist von Kind zu Kind verschieden. Oft dauert es jedoch bis zu sieben Wochen, bis das Kleine die Erzieherin als neue Bezugsperson angenommen hat. "Das hängt auch von der individuellen Erfahrung des Kindes ab", so Beller. War es zum Beispiel vor der Kita schon bei einer Tagesmutter oder in einer Spielgruppe, wirkt die neue Situation nicht so fremd. Auch Kindern über drei Jahren fällt die Eingewöhnung oft etwas leichter, weil sie in der Regel schon selbstständiger sind. "Außerdem sind sie in dieser Altersgruppe schon interessierter an anderen Kindern und suchen die Anregung", so Beller.

Alle Modelle plädieren dafür, sich unbedingt ausreichend Zeit für die Eingewöhnung zu nehmen. "Die Studie meines Mannes zeigt, dass Kinder, die abrupt eingewöhnt werden, anfangs viel weniger Unmut ausdrücken und weinen, aber 15 Monate später dafür in verstärkter Form", so Beller. Wird das Kind langsam eingewöhnt, passiere genau das Gegenteil: Die Kinder weinen anfangs mehr, gehen aber im Laufe der Zeit besser mit der vorübergehenden Trennung von den Eltern um und bauen eine stabilere Bindung zur Erzieherin auf.


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