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Kindern die Angst vor dem Arzt nehmen

Ein Besuch beim Kinderarzt löst bei manchen kleinen Patienten große Ängste aus. Woher diese Furcht kommen kann und was sie lindert

von Tanja Eckes, 15.04.2019
Mädchen versteckt ihr Gesicht hinter einem Kuscheltier

"Neeeiiin! Ich will nicht!" Manche Kinder haben beim Arzt große Angst


Steht bei Lisa Abel* ein Kinderarzt­besuch mit ihrer 16 Monate alten Tochter Mia im Terminkalender, ist die Anspannung schon Tage vorher groß. "Es fing bereits im Säuglingsalter mit etwa fünf Monaten an, dass sie schrie und strampelte, sobald die Ärztin sie anfasste", erinnert sich die 24-jährige Mutter. "Und seit dem ersten Geburtstag ist es ganz schlimm. Sie weint schon, wenn wir die Praxis betreten, und will sofort nach Hause. Während der Behandlung klammert sie sich an mich, schnappt nach Luft und wird panisch. Erst hinterher im Auto beruhigt sie sich langsam wieder."

Bei übermäßiger Angst tätig werden

Zum Arzt geht niemand gern. Selbst die Großen fühlen sich beim Impfen, Blutabnehmen oder Rachenabstrich nicht besonders wohl. "Es ist völlig normal, vor einem Arztbesuch aufgeregt zu sein", bestätigt Dr. Stefanie Märzheuser, Oberärztin der Kinderchirurgie an der Berliner Charité, die zum Beispiel in einer Kuscheltier-­Ambulanz kleine Patienten auf Operationen vorbereitet. "Das hat mit der Angst vor dem Unbekannten, vor Schmerzen und vor dem Ausge­liefertsein zu tun. Niemand mag es, die Kontrolle in einer Situation zu verlieren."

Laut einer aktuellen Studie der University of Michigan, in der über 700 Elternpaare mit Kindern zwischen zwei und fünf Jahren befragt wurden, haben vier Prozent der Mütter und Väter schon Termine wegen akuter Angstanfälle der Kleinen verschoben oder ganz abgesagt. Und 22 Prozent der Eltern waren während der Sprechstunde nur mit dem Beruhigen des Kindes beschäftigt, konnten sich kaum auf die Anweisungen des Arztes konzentrieren. Nimmt die Furcht solche Ausmaße an, dass wichtige Untersuchungen oder Behandlungen nicht mehr möglich sind, ist Nachforschen angesagt, rät Dr. Silvia Schneider, Professorin für Klinische Kinder- und Jugendpsychologie an der Ruhr-Universität Bochum.

"Natürlich spielt auch das Temperament des Kindes eine Rolle. Einige Kinder spüren von Geburt an in potenziell bedrohlichen Situationen starke Erregung, reagieren schnell mit Vermeidung, während andere gelassen bleiben." Auch unangenehme medizinische Erlebnisse in der Vergangenheit, etwa eine schmerzhafte Platzwunde oder auch die schwere Erkrankung eines Familienmitglieds, können Arztängste auslösen. Bei Mia kamen die Eltern der Ursache noch nicht auf die Spur. "Allerdings tut sie sich generell schwer im Umgang mit Fremden und lässt sich nicht gerne an­fassen", so Lisa Abel.

Spiel und Vorbilder helfen gegen Ängste

Angst darf sein. "Mutig ist, wer die Angst auszuhalten lernt und sich ihr stellt", sagt die Kinderchirurgin. Das kann man üben. Märzheuser empfiehlt, schon den Kleinsten einen Spielzeug-­Arztkoffer zu schenken und Arztsituationen wie Mund aufmachen, Lunge abhören oder in die Ohren schauen im Spiel zu üben. "Größere Kliniken bieten auch Veranstaltungen wie ,Teddy­klinik‘ an. Da schlüpfen die Kinder in die Rolle der Eltern und kommen mit ihrem kranken Plüschtier oder einer Puppe zur Untersuchung, werden beraten und die "Patienten" versorgt. Das wirkt Ängsten meist gut entgegen", so die Kinderchirurgin.

Psycho­login Silvia Schneider ergänzt, dass auch das Auftreten der Eltern ängstliche Kinder beeinflusst. "Empfinden Mutter oder Vater beim Termin ein Unbehagen, überträgt sich das auf die Kleinen. Die Eltern sagen zwar: ‚Das ist nicht schlimm!‘, machen aber ein sorgenvolles Gesicht. Diese Anspannung registrieren Kinder und übernehmen sie." Ihr Tipp: den nächsten Arztbesuch in Begleitung des entspannteren Elternteils oder auch mit Oma, Opa, Tante oder Onkel planen, wenn ein Vertrauensverhältnis besteht.

Dem Kind Zuversicht vermitteln

Kleine Belohnungen nach ausgestandenen Ängsten halten beide Expertinnen für legitim, etwa ein neues Buch, das man zusammen liest. Und sie plädieren zu Gelassenheit im Alltag. "Wird aus jedem Kratzer oder jeder Beule eine große Sache gemacht, schürt das unnötig Aufregung", sagt Schneider. Drohungen in der akuten Arzt-­Situation wie "Wenn du jetzt nicht mitmachst, geht die Mama raus!" lösen dagegen zusätzlich Stress aus. Kommt dann die Furcht, kann das Kind nicht mehr willentlich dagegen angehen. Besser: "Vermitteln Sie ihm vorab Zuversicht und Stärke", so die Psychologin. "Nehmen Sie Befürchtungen immer ernst, sagen Sie etwa: Ich weiß, dass du dich kribbelig im Bauch fühlst. Aber wir atmen zusammen tief durch und werden die Unter­suchung prima hinkriegen. Du schaffst das!" Offenheit erzeugt Vertrauen. Kündigen Sie einen Arzttermin daher immer vorher klar an, dann kann sich das Kind darauf einstellen.

Bei Mia hat sich die Panik bereits verfestigt. Sie geht mit niemandem freiwillig ins Warte- oder Behandlungszimmer, musste kürzlich zur notwendigen Impfung von vier Leuten festgehalten werden. Beruhigende Worte oder versprochene Belohnungen zeigen keine Wirkung. "Hier könnte ein Kinderpsycho­therapeut helfen", empfiehlt Schneider. "Ängste lassen sich verhaltensthera­peutisch gut behandeln, die Krankenkasse übernimmt in der Regel die Kosten." Oft stellen die Kassen auf Nachfrage eine Adressenliste mit Psychotherapeuten zur Verfügung, in manchen größeren Kliniken gibt es Spezialambulanzen für Ängste, zu denen man mit dem Kind gehen kann.


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