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Kindern Alzheimer erklären

Oma oder Opa sind dement – damit kommen die Eltern oft selbst nur schwer klar. Wie aber bringen sie es ihren Kindern näher? Baby-und-Familie-Autorin und Bloggerin Peggy Elfmann schildert ihre Erfahrungen

von Nadja Katzenberger, 21.09.2020

Alzheimer Mutter

Peggy Elfmann, stellvertretende Chefredakteurin bei Baby und Familie, schreibt auf ihrem Blog "Alzheimer und wir" über die Alzheimer-Diagnose ihrer Mutter, das Familienleben und den Alltag mit der Krankheit. Offen berichtet sie auch davon, wie ihre drei Töchter (vier, acht und elf Jahre alt) ihre Oma erleben. Im Interview erzählt sie uns, wie sie ihren Kindern die Krankheit der Oma erklärt, wie sie neue Formen finden, mit der Oma zu kommunizieren und ihr nahe sein können.

Die Oma hat Alzheimer - sie vergisst immer mehr, findet sich nicht mehr zurecht, verändert sich. Wie erklärt man Kindern am besten, was mit ihr los ist?

Das ist natürlich eine Typsache, vor allem aber auch vom Alter abhängig. Als bei meiner Mutter Alzheimer diagnostiziert wurde, war meine älteste Tochter gerade mal drei Jahre. Da habe ich ihr nicht viel erklärt, sie konnte mit den Begriffen Alzheimer und Demenz ja nicht viel anfangen. Mit der Zeit habe ich aber erkannt: Kinder beobachten genau. Gerade meine jüngste Tochter, jetzt vier, sieht genau, dass mit ihrer Oma etwas anders ist. Sie fragt auch häufiger nach als die beiden Großen. Warum macht die Oma das? Warum zieht sie ihre Schuhe nicht selber aus?

Wie reagierst du auf diese Fragen?

Ich kann ihr direkt in der Situation erklären, dass die Oma das nicht mehr kann, dass sie Hilfe braucht. Das ist der Unterschied zwischen der Kleinen, vier Jahre alt, und den Großen, acht und elf: Mit der Kleinen führe ich keine großen erklärenden Gespräche. Sie interessiert sich vor allem für praktische Themen und fragt offen nach, wenn sie etwas wissen möchte. Den beiden Älteren erkläre ich viel mehr. Sie wissen schon, was Krankheit ist, was Tod und Sterben bedeutet. Sie reagieren viel vorsichtiger und emotionaler mit der Oma, weil sie die Krankheit schon besser einordnen können. Aber alle drei Mädchen möchten der Oma gerne helfen und freuen sich, wenn sie ihr etwas Gutes tun können.

Im Blog schreibst du darüber, auch mit Kindern offen und ehrlich über die Krankheit zu sprechen.

Hundertprozentig offen bin ich nicht. Ich kenne aus Berichten, Filmen und Interviews die weiteren Stadien dieser Krankheit. Was kommen könnte und wie es der Oma vielleicht mal gehen wird, das kommuniziere ich nicht.

Wichtig ist mir jedoch, offen und ehrlich auszusprechen: Die Oma hat Alzheimer und diese Krankheit geht nicht mehr weg. Das ist echt deprimierend, für einen selber und für das Kind auch. Aber Kinder merken sowieso, dass sich Omas Zustand verschlechtert. Das sollen sie einordnen können und eine Erklärung bekommen. Eine Zeitlang hat meine Mama zum Beispiel viel geweint. Oder wenn sie jetzt mal abwesend wirkt. Ich wollte und will auf keinen Fall, dass meine Kinder das auf sich beziehen und denken, sie hätten etwas falsch gemacht. Wenn ich offen umgehe, dann wissen sie, dass es an der Krankheit liegt und nicht an ihnen.

Du sagst, deine Kinder möchten sich einbringen, der Oma helfen – wie gelingt ihnen das?

Wir sprechen viel miteinander: Was können wir tun, was gefällt der Oma? Da sind alle drei Kinder sehr sensibel. Sie beobachten viel, sie sehen, wenn die Oma lächelt und wenn ihr etwas guttut. Darin möchte ich sie bestärken - ihnen aber gleichzeitig nicht so viel Verantwortung aufbürden. Sie machen sich ihre Gedanken, probieren aus, haben schöne Ideen. So wie neulich, als meine Achtjährige erzählte: Wir haben Musik angemacht und mit der Oma getanzt, das fand sie so schön!

Nicht alle Kinder fragen offen nach - welche Erfahrungen hast du mit den unausgesprochenen Fragen gemacht?

Das ist Typsache. Meine mittlere Tochter fragt und erzählt viel, die Älteste eher nicht. Ich spüre aber, dass sie sich viele Gedanken macht und dass es ihr guttut, wenn ich das Thema aktiv anschneide. Oder wenn ich einfach sage: Hast du eine Frage, willst du etwas wissen? Dem Kind zeigen: ich bin da, wir können reden. Ich finde es wichtig, das aktiv anzubieten und nicht zu warten, bis das Kind von alleine kommt.

Hast du aktiv nach Büchern oder Filmen gesucht, um das Thema deinen Kindern nahe zu bringen?

Ja, weil es mir wichtig war, die Sichtweise der Kinder auch im Blog aufzugreifen. Das hat mir an anderen Stellen gefehlt. Dabei gibt es viele Menschen wie mich mit betroffenen Eltern oder Großeltern, die auch Kinder haben. Dann habe ich gemerkt, wie viele Bücher es gibt, die ganz unterschiedlich an das Thema Alzheimer herangehen, unterschiedliche Teilbereiche herausgreifen. Zu unseren Lieblingsbüchern gehört ein eher unscheinbares kleines Pixie-Buch: In dem nimmt eine Familie die Oma mit Demenz zu Hause auf und klebt überall Zettel an die Türen, damit die sich zurechtfindet. Das fanden meine Töchter toll. Sie haben gesehen: Sie sind nicht die einzigen, es gibt auch andere Kinder, denen es so geht. In ihrem Umfeld kennen sie keine anderen Kinder, deren Oma oder Opa Alzheimer haben.

Wie geht es deiner Mama, wenn sie ihre Enkelinnen sieht?

Man weiß ja nie, was sie noch erkennt und denkt. Aber so, wie sie reagiert, wie ihre Augen leuchten und strahlen, wenn sie uns sieht – da bin ich überzeugt, dass sie uns erkennt und sie glücklich ist, wenn sie uns sieht.

Peggy Elfmann hat zusammen mit der Lese-Lounge und der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft eine digitale Vorlese-Aktion für Kinder und Jugendliche ins Leben gerufen: sie startet am 21. September und läuft in der ganzen "Woche der Demenz" bis zum 27. September. Im digitalen Wohnzimmer der Lese-Lounge finden täglich von 14 bis 18 Uhr Live-Lesungen statt.


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