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Freundebücher schon im Kindergarten?

Früher gingen in der Schule Poesiealben rum. Heute fängt der Verewigungswahn schon im Kindergarten an. Und bringt so seine Probleme mit sich

von Anna Katharina Eber, 15.09.2016
Freundschaftsbücher

Lieblingsessen, -tier und -farbe: Kindergartenkinder sind da oft noch nicht festgelegt


Bei uns ging es am vierten Geburtstag unserer Tochter los. Auf Emmas Geschenketisch lag ein Freundschaftsbuch, Covergirl: Conni. Luis, der Schenker, hatte auch gleich sein Freundebuch mitgebracht, Coverboy: Käpt’n ­Sharky. "Da darfst du reinschreiben", erklärte Luis’ Mama. "Ich kann nicht schreiben", sagte Emma, und sprach damit aus, was ich in der Sekunde dachte.

Kinderwahrheiten: Lieblingsfarbe? Bunt!

Inzwischen weiß ich: Das ist das kleinste Problem. Einen Tag nach Emmas Geburtstag saßen wir am Esstisch. Vor uns Luis’ Freundschaftsbuch, neben uns zehn Stifte in zehn Farben. Name, Anschrift, Geburtstag: Ich hatte ­alles in meiner schönsten Schrift und – nach strikter Anweisung meiner Tochter – pro Wort in einer anderen Farbe notiert ("Jetzt Rosa! Jetzt Grün! Jetzt Rot!"). Das war der ­leichte Teil.

Dann versuchte ich, meiner Tochter Antworten zu ent­locken: "Okay, Emma, was ist dein Lieblingsessen?" – "Weiß nicht." – "Dein Lieblingstier?" – "Weiß nicht." – "Deine Lieblings­farbe?" – "Ich mag nicht mehr." Emma rauschte ab. Das konnte ja heiter werden.

Am nächsten Tag zog ich das ganze Register einer Kinder­garten-Mutter mit Herauskitzel-Diplom. "Emma, als wir Antons Konfirmation gefeiert haben, was hat dir denn da besonders gut gefallen?" – "Dass ich VIER Kuchen essen durfte." – "Hm, ich meinte jetzt eher draußen, als ihr …" – "Als Opa Anton gefoult hat und dann selber umgefallen ist!" – "Hm, welche Tiere habt ihr denn gefüttert?" – "Kaninchen!" – "Und die magst du doch so gern? Soll ich das bei Lieblingstier schreiben?" – "Ja! Und Pferde!" Auf diese Weise verriet sie mir auch noch ihre Lieblings­farbe (bunt) und wohin ­ihre schönste Reise ging (in den Zoo, mit Oma).

Leider wollte das Buch dann wissen, was Emma nicht mag. Sie sagte: "Wenn ich in eine Kiste gesperrt werde." Ich: "???" Sämtliche Alarmglocken in mir schrillten! War etwas im Kindergarten passiert, von dem ich nichts ­wusste? Oder bei ihrem Freund ­Luis? Ich hakte nach: "Emma, das ist jetzt wirklich sehr, sehr wichtig: Hat dich jemand in eine ­Kiste gesperrt?" Sie: "Nö. Aber das würde mir überhaupt nicht gefallen." Ich malte mir drei Sekunden lang aus, wie Luis’ Eltern beim Lesen auf die Kisten-Antwort reagieren würden. Im bes­ten Fall bekämen mein Mann und ich wohl die Telefonnummer der nächsten Erziehungsberatungs­stelle gemailt. Ich schrieb "streiten".

Elterntricks: "Entschärfen durch ergänzen"

Mit dieser Schönfärberei bin ich nicht allein, wie ich mittler­weile aus vertraulichen Müttergesprächen weiß. Luis antwortete auf die "Das-mache-ich-am-liebsten"-­Frage in Wirklichkeit mit "­einen Unfall machen, bis die Feuerwehr kommt", Carla mit "Bier trinken", Cem mit "youtube" – in den Büchern sucht man diese Antworten vergebens.

Aber Vorsicht beim Tricksen! Emma musste ich nach dem Schreiben, vor dem Einschlafen und dann nochmals am nächs­ten Morgen ihre Antworten und dann das gesamte Freunde­buch vorlesen. Wer also aus pädagogischen Gewissens- oder aus Gedächtnisgründen nicht schönfärben ­möchte, dem empfehle ich die Taktik "entschärfen durch ergänzen": "Dein Lieblingsessen?" – "Nutella, Paula und Schokolade!" – "Und Spinat, oder?"

Nach fünf Tagen hatten wir tatsächlich die letzte Frage im Buch beantwortet. Fehlte nur noch das selbst gemalte Bild. Emma machte sich sofort ans Werk. 30 Sekunden später glotzte mich aus Luis’ Freunde­buch ein einäugiges Mons­ter an, neben ihm ein Kind in ­einer Kiste. Vor meinem inneren Auge erschien das entsetzte Gesicht von Luis’ Mutter, wie sie das Monsterbild betrachtet und dabei fieberhaft überlegt, wie sie unsere bereits vereinbarten Verabredungen wieder absagen kann: Auf den Spielplatz mit Monster-Emma gehen? Die ist doch kein Umgang für meinen kleinen Luis!

Emma aber strahlte mich übers ganze Gesicht an: "Schau, Mama, da wird Luis von seiner Mama ins Bett gebracht! ­Habe ich das nicht schön gemalt?"


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