Digital Natives: Neue Medien ändern das Lernen

Digitale Medien gehören für uns zum Alltag. Was bedeutet das für unsere Kinder? Vier Experten beantworten die wichtigsten Fragen

von Anne-Bärbel Köhle & Barbara Weichs, 16.10.2015
Kind am Tablet-PC

Tippen und Wischen: Lernen am Tablet macht Spaß


Frau Professor Stern, wirken sich die neuen Medien auf die Gehirnentwicklung von Kindern aus?

"Natürlich wirken sich neue Medien aufs Gehirn aus – alles, was wir erleben, wirkt sich darauf aus. Neulich war einer meiner Kollegen mit seinem dreijährigen Kind im Tierpark und guckte Hirsche an. Plötzlich wischte der kleine Kerl über den Zaun – er hatte genug gesehen und wollte ein anderes Tier betrachten, so wie auf dem Handy. Das zeigt: Gerade kleine Kinder können noch nicht gut zwi­schen Realität und digitalen Medien unterscheiden.

Diplompsychologin Prof. Elsbeth Stern

Viele Kinder kennen heute Dinge in der Realität nicht oder nicht mehr – und das wirkt sich auf ihr Lernen aus. Für mich ein eindrückliches Beispiel: Wenn Eltern mit Kindern im ­Babyalter ständig ins Telefon sprechen. Wir wissen, dass Babys schon mit zwei Wochen ihre Umgebungssprache von einer fremden Sprache unterscheiden können. Sie haben einen angeborenen Mechanismus, der sie dazu bringt, Sprache spannend zu finden und in Kontakt zu gehen, um sie zu erlernen. Diese Mechanismen springen nicht an, wenn die Eltern einseitig in einen kleinen Kasten quatschen.

Mit dem Handy zu telefonieren ist eine unnatürliche Situation, und alle Sprachforscher sind sich einig, dass sich das ungünstig auf das Lernen der Sprache und damit letztlich auf die Gehirnentwicklung auswirkt. Kinder brauchen, um zu lernen, eine natürliche Person, brauchen Ansprache. Ein Bilderbuch von einer App vorlesen zu lassen bringt deshalb gar nichts. Digitale Medien und digitales Lernen finde ich dabei nichts Schlechtes. Lernen am Computer macht manch­mal mehr Spaß und motiviert, weil man, beispielsweise beim Spielen damit, seine Fortschritte mitverfolgen kann. Allerdings muss ein Kind erst einmal ein Konzept von der ihn umgebenden Umwelt haben, muss sich bestimmte Fähig­keiten angeeignet haben, zum Beispiel sprechen können, in Kontakt gehen können, Mengen kennen.

Das funktioniert nur in der wahren Welt. Lernen muss man sich so vorstellen: Unser Hirn legt Bahnen an, die es leicht machen, Geübtes abzurufen. Da verkümmern wegen der neuen Medien natürlicherweise bestimmte Fähigkeiten. Ist das grundsätzlich schlimm? Ich denke, Nein: Früher konnten die Leute ja auch besser reiten als heute. Manche Fähig­keiten braucht man eben nicht mehr dringend, zum Beispiel Landkartenlesen. Das kann ich übrigens richtig gut – und weil ich persönlich diese Fähigkeit nicht verlieren will, verwende ich kein Navi und keine Karten-App."

 

Frau Professor Marci-Boehncke, zu viel Technik, zu wenig ­­Technik – was ist richtig für mein Kind?

"Die Frage ist schwer zu beantworten, da es hier ganz entscheidend auf die Rahmenbedingungen ankommt: auf das Alter des Kindes etwa, auf die Inhalte, die die Technik liefert, aber auch darauf, ob sie in einen größeren Erziehungskomplex eingebettet ist.

Prof. Dr. Gudrun Marci-Boehncke

Ganz klar ist hingegen, dass die digitalen Medien unglaublich faszinierend auf Kinder wirken. Mit nur einem Gerät können sie etwas anhören, schreiben oder Bilder und Filmchen gucken. Sie machen, ganz im Gegensatz zu Geräten älterer Technik wie etwa einem Schallplattenspieler, Dinge intuitiv erfahrbar. So kommen Kinder einer Art des Lernens sehr nahe, mit der sich gerade sehr Kleine ihre Umwelt aneignen: trial and error.

Ich sehe in den digitalen Medien daher viele Potenziale, die sich fürs Lernen nutzen lassen – wenn es nicht nur darum geht, mit ihrer Hilfe Inhalte zu konsumieren, sondern sie kreativ in ihren Möglichkeiten einzusetzen. Nehmen wir als Beispiel das Lesenlernen mithilfe eines Tablets. Ein Schüler kann sich darüber nicht nur einen Text anzeigen lassen, er kann sich beim Vorlesen auch aufnehmen und anschließend selbst analysieren, wie weit er schon fortgeschritten ist. Um die Möglichkeiten der digitialen Medien sinnvoll zu nutzen,­ dürfen Kinder nicht mit ihnen alleine gelassen werden. Sie brauchen eine konstruktive Begleitung.

Hiervon sind wir in Deutschland allerdings noch weit entfernt, wie viele Studien eindrücklich zeigen. Eltern halten nämlich immer noch einen möglichst späten Umgang mit digitalen Medien für wünschenswert. Ein Heranführen im Kindergarten lehnen die meisten ab. Das läuft jedoch völlig an der Realität vorbei, denn wir wissen, dass bis zu 30 Prozent der Vier- bis Sechsjährigen aktiv im Internet unterwegs sind. Außerdem nutzt die heutige Elterngeneration Smartphone und Tablet selbst intensiv. Da sie jedoch nicht wissen, wie sie den Umgang damit für ihren Nachwuchs konstruktiv gestalten können, bleibt vielen als Ausweg nur ein Verbot. Folgendes können Eltern begleitend tun:

1. Sich über das eigene Verhalten klar sein, denn die Kleinen schauen es sich von den Großen ab. Führen Sie Regeln ein, die für alle gelten.

2. Stellen Sie Ihren Kindern ein umfangreiches Medien­repertoire wie Bücher, Stifte, Papier etc. zur Verfügung. Nur wenn digitale Medien auf der Basis anderer Medien genutzt werden, entfalten sie einen Mehrwert.

3. Informieren Sie sich und treffen Sie entprechende Vorkehrungen dafür, dass Ihr Nachwuchs zum Beispiel sicher im Internet surft.

4. Haben Sie Vertrauen in Ihr Kind.

Und natürlich brauchen Kinder vielfältige Erfahrungen – in der Natur, mit Freunden. Soziale Aktivitäten würde ich immer wichtiger bewerten als Zeit mit dem Tablet. Trotzdem: Werden digitale Medien kreativ genutzt und für soziale Zwecke eingesetzt, zum Beispiel um mit der Oma zu skypen, würde ich das schon bei Kleinkindern unterstützen."

 

Herr Professor Hasselhorn, wie sieht das Lernen in der Schule in Zukunft aus?

"Ganz klar lässt sich sagen, dass Lernen auch in Zukunft in der Schule stattfinden wird. Schule als Lernort ist überhaupt nicht wegzudenken. Ich halte auch die Vision, dass in einer digitalen Welt weniger Grundbildung in der jetzigen Art notwendig ist, für eine Fehleinschätzung.

Prof. Marcus Hasselhorn

Die grundlegenden Kompetenzen wie Lesen, Schreiben, Rechnen sind elementare Voraussetzung zur Teilnahme an der Gesellschaft. Wer sie nicht beherrscht, wird in der digitalen Welt völlig auf das Verlierergleis abgeschoben. Vielleicht ist es künftig nicht mehr bedeutend, ob jemand in Rechtschreibung gut ist oder nicht. Für die Grundschule sehe ich auch keinen flächendeckenden Einsatz von digitalen Medien und Whiteboards (= eine Weißwandtafel, die in Verbindung mit einem Beamer läuft; Anmerkung der Red.), das ist in der Sekundarstufe wahrscheinlicher.

Der Lehrer wird weiterhin eine sehr wichtige Rolle und Funktion in der Wissensvermittlung spielen. Vielleicht werden in Zukunft sogar zwei Lehrer unsere Schüler unterrichten. Denn ein Bereich, der die nächsten Jahre bestimmen wird, ist die Umsetzung der Forderung nach Inklusion. Das heißt, auch Kinder mit besonderem Förderbedarf sollen in der Regelschule unterrichtet werden. Ein Blick in Länder, in denen schon inklusiv gearbeitet wird, zeigt, dass dies eine Möglichkeit ist, allen Schülern gerecht zu werden. Kinder werden im Zuge dessen noch viel stärker individuell auf sie zugeschnittene Aufgaben und Lernmaterialien bekommen.

In der Diskussion ist ein weiterer Punkt, der sich zwar mit dem Kindergarten beschäftigt, aber direkte Auswirkungen auf das Lernen in der Schule hat: Viele Fachleute sind der Meinung, dass im Kindergarten die Schulbereitschaft der Kinder besser gefördert werden müsste. Ein Modellprojekt in Baden-Württemberg vor einigen Jahren hat gezeigt, dass dies langfristige Effekte hat. Und zwar hat man für das Projekt die Schuleingangsuntersuchung bereits im vorletzten Kindergartenjahr durchgeführt, um Kinder herauszufiltern, die schulrelevante Entwicklungsrückstände haben. Sie wurden dann entsprechend gefördert. Mehr als die Hälfte der auffälligen Kinder erreichten so die Bildungsstandards in Lesen, Schreiben und Rechnen. Diese Chance sollten künftig alle Kinder bekommen."

 

Frau Fleischmann, müssen Kinder in Zeiten von Wikipedia noch Fakten pauken?

"Ohne Faktenwissen wird es nie gehen. Natürlich kann man alles nachgoogeln. Aber ein gewisses Maß an grundlegenden Kompetenzen macht den Menschen ja auch aus. Zu wissen, wann der Erste Weltkrieg stattgefunden hat und wer die aktuelle Bundeskanzlerin ist, gehört einfach zur Alltagskultur. Solches Wissen braucht jeder, um politische und soziale Vorgänge einordnen zu können. Gedichte wie "Die Glocke" von Schiller müssen Kinder aber nicht mehr auswendig lernen.

Frau Fleischmann

Dennoch ist das Lernen heute anders und wird es auch in Zukunft sein. Darüber bin ich froh. Früher hat man Kinder dazu gezwungen, sich möglichst viel ins Hirn zu prügeln, um es dann auf Knopfdruck zu reproduzieren. Ich nenne das "bulimisches Lernen": reinfressen, rauskotzen, aber nicht zunehmen. Ich bin das beste Beispiel dafür: Ich hatte Chemie-Leistungskurs und konnte das Periodensystem auswendig. Heute habe ich keinen Schimmer mehr davon. Das bringt letztlich nichts. Heute und auch in Zukunft geht es um kompetenzorientiertes Lernen. Wir wissen mittlerweile: Kinder verstehen und behalten dann Lerninhalte, wenn sie selbsttätig und ganzheitlich ein Themengebiet erarbeiten.

Das funktionert, indem sie in Gruppen lernen, alleine, am Computer und mit dem Lehrer.
Entscheidend ist, das Wissen wirklich anwenden zu können. Unser Schulsystem hebt leider immer noch stark auf bulimisches Lernen ab. Das finde ich schade. Statt Noten zu verteilen, wäre es viel wichtiger, dass Eltern, Lehrer und Mitschüler dem Kind Feedback geben, ihm genau sagen, was es gut macht und wo es noch etwas lernen könnte. Das wäre ein besserer Lernansporn."


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