Erste Hilfe bei Badeunfällen

Planschen im Wasser macht Kindern meist riesigen Spaß – birgt aber auch Gefahren. Expertin Dr. Lilli Ahrendt erklärt, wie Eltern bei Badeunfällen und drohendem Ertrinken richtig reagieren

von Vanessa von Blumenstein-Langer, aktualisiert am 23.05.2017
Schwimmen im See

Gefahr des Ertrinkens: Lassen Sie Ihr Kind im und am Wasser nie unbeaufsichtigt


In der warmen Jahreszeit sind sie wieder rappelvoll: Freibäder und Badeseen. Besonders Familien suchen dort an heißen Tagen gerne eine Abkühlung. Und so tummeln sich in den Becken und Gewässern Scharen von Kindern – ausgerüstet mit Schwimmflügeln, Poolnudeln und Taucherbrillen. Doch gerade Wasser birgt für den Nachwuchs auch Gefahren: Kinder können sich daran verschlucken oder – in einem unbeobachteten Moment – sogar untergehen und drohen zu ertrinken. Auch, wenn sie schon einen Schwimmkurs besucht haben. Dr. Lilli Ahrendt, Sportwissenschaftlerin und Lehrbeauftragte für Säuglings- und Kleinkindschwimmen an der Deutschen Sporthochschule in Köln, erklärt, wie Sie in solchen Situationen richtig handeln.

Wenn das Kind Wasser schluckt

Ihr Kleines plantscht mit Schwimmflügeln im Wasser, ein anderes Kind springt neben ihm ins Becken und die Welle schwappt Ihrem Nachwuchs ins Gesicht – schon ist es passiert: Ihr Kind hat Wasser geschluckt, es hustet und niest. "Nehmen Sie Ihr Kind auf den Arm, beruhigen Sie es, halten Sie Blickkontakt und klopfen ihm auf den Rücken zwischen die Schulterblätter", rät Ahrendt. Das fördert den Hustenreiz. Achtung: "Halten Sie Ihr Kind bitte nicht kopfüber, damit das Wasser besser herausfließt", mahnt die Expertin. "Das Kind bekommt so nur Panik und hebt den Kopf in den Nacken, was das notwendige Atmen und Husten behindert."

Hat der Nachwuchs größere Mengen an Wasser und Luft verschluckt, klagt er über Bauchschmerzen, verspürt einen Würgereiz und muss sich vielleicht sogar erbrechen. Kleinkinder fassen sich dann häufig an den Mund. Verlassen Sie am besten schnell mit Ihrem Kind das Becken, damit es sich erholen kann.

Wenn das Kleine ins Wasser fällt

Ein typischer Fall: Das Kind ist schon angezogen, will seinen Ball aus dem Becken holen und fällt kopfüber ins Wasser. "Ziehen die Eltern ihr Kind schnell aus dem Wasser, schreit es nicht sofort, da es allein durch den Schreck die Luft anhält", erklärt Ahrendt. Nach einer kurzen Schrecksekunde holt das Kleine jedoch meist wieder von selbst Luft. Hat das Kind sich allerdings stark erschreckt, droht seine Stimmritze zu verkrampfen, sodass es nicht mehr ausreichend Luft bekommt. Nun sollten die Eltern aktiv werden: "Beruhigen Sie Ihr Kind, klopfen Sie ihm auf den Rücken, sprechen Sie es an und pusten Sie ihm kräftig ins Gesicht", rät die Expertin. Oft löst sich der Krampf durch diesen Reiz ganz von alleine und das Kind fängt spontan wieder an zu atmen.

Falls das Kind nicht wieder zu atmen beginnt, rufen Sie sofort die Badeaufsicht und den Notarzt (Notruf 112). Das Kind muss in Rückenlage gebracht, die Atemwege müssen freigemacht und das Kind sofort beatmet werden – Atemspende fünfmal von Mund zu Mund: Heben Sie das Kinn des Kindes an, verschließen Sie seine Nase mit Zeigefinger und Daumen, und blasen Sie die Luft in seinen Mund, bis der Brustkorb sich hebt. Atmet das Kind wieder, sehen Sie dies an den Bewegungen des Brustkorbs oder Bauches, Sie hören seine Atemgeräusche und fühlen die Luftbewegung an Ihrer Wange. Falls das Kind, obwohl es atmet, noch nicht ansprechbar ist, bringen Sie es in die stabile Seitenlage, siehe unten.

Wenn das Kind untergeht

Das Kind fällt ins Wasser und bekommt vor Schreck einen Stimmritzenkrampf. Dabei verkrampft sich die Stimmritze des Kehlkopfes so sehr, dass die Atemwege blockiert werden. Weil es nicht gesehen und sofort herausgezogen wird, wird es nach kurzer Zeit bewusstlos. "Die Bewusstlosigkeit sorgt dafür, dass alle Reserven mobilisiert werden, um die Herz- und Lungenfunktion aufrecht zu erhalten", sagt Ahrendt. Noch treibt das Kind an der Wasseroberfläche. Bleibt es jedoch länger unentdeckt, entkrampft sich durch die Erschöpfung seine Stimmritze wieder: Die Lunge läuft mit Wasser voll und das Kind sinkt auf den Boden.

Holen Sie das Kind sofort aus dem Wasser, sorgen Sie dafür, dass jemand die 112 alarmiert, und legen das Kind auf den Rücken. "Machen Sie die Atemwege des Kindes frei, heben Sie dazu sein Kinn an, öffnen Sie den Mund des Kindes, wobei das Kinn weiter angehoben bleibt, verschließen Sie die Nase und beatmen Sie es fünfmal von Mund zu Mund, so dass sich der Brustkorb hebt", erklärt die Expertin. Atmet es sofort wieder, bringen Sie es in die stabile Seitenlage, halten es warm und beruhigen Sie es, bis der Notarzt eintrifft.

Zeigt das Kleine keine Lebenszeichen, so hat es einen Herz-Kreislauf-Stillstand erlitten. Jetzt ist zusätzlich zur Beatmung eine Herzdruckmassage erforderlich: Drücken Sie dazu 30-mal mit dem Handballen auf das Brustbein des Kindes, das mittig zwischen beiden Brustwarzen liegt: zweimal pro Sekunde. "Der Brustkorb muss deutlich eingedrückt werden, damit der Sauerstoff gut durch den Körper transportiert werden kann und das Gehirn versorgt wird", betont die Expertin. Nachfolgend beatmen Sie das Kind zweimal. Führen Sie die Beatmung und Herzdruckmassage solange im Wechsel fort, bis der Notarzt kommt.

Reanimation am besten durch Fachkräfte

Ahrendt empfiehlt, dass – wenn ohne Zeitverlust möglich – das Aufsichtspersonal des Schwimmbads oder des bewachten Badestrands die Reanimationsmaßnahmen ergreifen: "Denn die Eltern des verunglückten Kindes stehen oft unter Schock und bedürfen womöglich selbst der Ersten Hilfe".

Wichtig zu wissen: All diese Informationen ersetzen keine praktischen Übungen! Erste-Hilfe-Maßnahmen lernen Sie am besten in einem Erste-Hilfe-Kurs. Das Gelernte sollten Sie außerdem regelmäßig auffrischen.

Nach Badeunfällen stets zum Arzt

Auch wenn es Ihrem Kleinen schon längst wieder gut geht: "Fahren Sie nach jedem Badeunfall mit Ihrem Kleinen in eine Klinik und lassen Sie überprüfen, ob seine Lunge voll funktionsfähig ist", rät Ahrendt.

Trainieren für den Ernstfall

An heißen Sommertagen ist es in Schwimmbädern proppenvoll. Das eigene Kind da jederzeit im Auge zu behalten, gestaltet sich äußerst schwierig. Expertin Ahrendt empfiehlt daher, gewisse Situationen mit den Kleinen zu üben, etwa das Reinfallen vom Beckenrand – sofern Ihr Kind bereits schwimmen kann. "Bringen Sie Ihrem Kind bei, danach sofort in der Form eines U zurück zum Beckenrand zu schwimmen". Der U-Bogen ist nötig, da beim Sprung ins Wasser eine Strömung entsteht, die das Kind weiter vom Beckenrand weg zieht. Indem das Kleine ein U schwimmt, kommt es aus der Strömung der Sprungwelle heraus.

Eine andere Übung ist das Sich-Hochziehen: Spielen Sie mit Ihrem Kind im Wasser "1-2-3-4, so tauchen wir". Heben Sie Ihr Kind im Wasser ein wenig hoch. Vereinbaren Sie, dass Sie bis vier zählen und es dann loslassen, so dass es ins Wasser zurückgleitet. Ihr Kind darf sich dabei natürlich nicht erschrecken. Es sollte möglichst auch schon "Tauch-Erfahrung" haben. Bei dieser Übung soll es sich unter Wasser orientieren – es soll sich an die Wasseroberfläche auftreiben lassen und sich an Ihrem Körper, einem Seil oder einer Poolnudel selbst hochziehen und festhalten.

Und noch ein Tipp der Expertin: "Wählen Sie eine möglichst auffällige Kopfbedeckung für Ihr Kleines. So können Sie es leichter im Auge behalten und im Getümmel schneller wieder finden."


Wann hat Ihr Kind das erste Mal Smartphone oder Tablet benutzt?
Zum Ergebnis
Haben Sie in der Stillzeit Alkohol getrunken?
Zum Ergebnis