Ist es eine Grippe oder Erkältung?

Schon wieder Grippe! Den Seufzer hört man von Eltern öfter. Meist hat das Kind aber nur eine Erkältung. Was ist der Unterschied?
von Julia Schulters, aktualisiert am 18.09.2017

Erkältet sind die meisten Kinder häufig, eine Grippe haben sie eher selten

W&B/Forster und Martin

Ganz ohne Schnupfnase und Kratzen im Hals geht bei den meisten kein Winter vorüber. Zehn bis 15 Infekte machen Kinder im Jahr durch. Kein Grund zur Sorge also, wenn der Nachwuchs mal wieder hustet. Wenn aber hohes Fieber dazukommt, ist die Sache nicht mehr so eindeutig. Hat das Kind vielleicht doch die Grippe erwischt?

"Das kann natürlich sein, ist aber sehr unwahrscheinlich", sagt der Kinder- und Jugendarzt Dr. med. Klaus Rodens aus Langenau bei Ulm. Die gute Nachricht ist nämlich: Eine Grippe kommt verhältnismäßig selten vor. Zwar heißt es gerade im Winter oft, jemand habe­ die Grippe, "meistens steckt aber ein grippaler Infekt hinter Beschwerden wie Schnupfen, Husten und Fieber", erklärt der Mediziner.

Dr. med. Klaus Rodens ist Landesvorsitzender des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte Baden-Württemberg

W&B/Privat

Erkältung ist häufiger und verläuft milder

In beiden Fällen sind Viren die Verursacher. Bei grippalen Infekten kommt eine Reihe von Erregern infrage, zum Beispiel ­Rhino- oder Adenoviren. Wenn sie die Schleimhäute befallen, kratzt es häufig zuerst im Hals. Ein paar Tage später treten schließlich die typischen Erkältungsbeschwerden auf, manchmal begleitet von leichtem Fieber. Nach wenigen Tagen klingen die Symptome wieder ab. Anders bei der Grippe, die durch ­sogenannte Influenza-Viren verursacht wird. "Die Kinder fühlen sich dann sehr schnell ziemlich krank", sagt Rodens.

Claudia Schwalbe ist Pharmazeutin und hat eine Apotheke in Mettingen

W&B/Privat

Heißt: Innerhalb von wenigen Stunden steigt das Fieber stark an, die kleinen Patienten sind müde,­ matt, haben starke Kopf- und Gliederschmerzen. Dieser ­Zustand kann Tage andauern. "Natürlich gibt es auch schwer verlaufende grippale Infekte und sehr milde Grippen", sagt Klaus Rodens. "Meist sind die Beschwerden einer Influenza-Infek­tion aber wesentlich intensiver und gut von einem Erkältungsinfekt abzugrenzen."

Meist nur Symptome behandelbar

Schon anhand der Symptome und einer Untersuchung kann der Arzt oft einschätzen, ob es sich tatsächlich um eine ­Grippe handelt. Besteht der Verdacht auf eine bakterielle Infektion, nimmt er dem Kind Blut ab. Mit einem Nasen-Rachen-Abstrich lässt sich das Influenza-Virus im Labor nachweisen. Steht fest, dass das Kind eine Virusgrippe hat, kann es sinnvoll sein, dass der Arzt ein anti­virales Mittel verschreibt. Es soll verhindern, dass sich die Erreger im Körper vermehren. "Das Medikament wirkt allerdings nur in den ersten 48 Stunden", sagt Rodens. Außerdem ist die Datenlage zu Wirksamkeit und zu Nebenwirkungen nicht eindeutig.

Eine andere Therapie, die die Ursache der Erkrankung bekämpft, gibt es bei Virusinfekten wie der Grippe nicht. "Man kann letztlich nur versuchen, die Symptome zu lindern, genau wie bei einem grippalen Infekt auch", sagt Rodens. Hat das Kind Fieber, dann senken Säfte oder Zäpfchen mit Ibuprofen oder Paracetamol die Körpertemperatur und schwächen die Gliederschmerzen ab. Aber Vorsicht: Zu früh sollten Eltern ihren Kindern die Mittel nicht geben. "Das Fieber ist eine natürliche Abwehrreaktion des Körpers", erklärt Rodens. Dazu kommt: Kinder vertragen Fieber häufig besser als Erwachsene. Der Pädiater ­empfiehlt, die Kleinen deshalb gut zu be­­obachten: "Solange sie spielen und herumrennen, ist meistens alles in Ordnung", sagt er. Sind sie dagegen sehr schlapp und erschöpft, sollte man das Fieber senken. Gleiches gilt, wenn die Temperatur auf über ­39 Grad steigt. Dauert das Fieber länger als drei Tage an, will das Kind nichts trinken oder sind Eltern beunruhigt, sollte der Kinderarzt die Ursache abklären. Säuglinge mit Fieber gehören immer zum Arzt.

Bei Grippe und Erkältung: Viel Ruhe gönnen

Besonders lästig bei einer ­Grippe oder einem grippalen Infekt: der Husten. Schmerzt der Brustkorb sehr vom vielen Husten und ist der Rachen rot und gereizt, kann es sinnvoll sein, den Kindern einen Hustenblocker zu geben. "Das sollte man aber am besten mit dem Arzt besprechen", sagt Apothekerin Claudia Schwalbe aus Mettingen. Bei einem produktiven Husten ist es nämlich wichtig, den Schleim abzuhus­ten. Dabei helfen zum Beispiel Säfte mit Thymian oder Efeu oder Präparate, die Wirkstoffe aus beiden Pflanzen enthalten. Sie wirken schleim­lösend und entkrampfen die Atemwege.­ Warme Getränke wie Tee mit Anis und Fenchel können­ das Abhusten unterstützen. Einen reizlindernden Effekt haben Hustensäfte mit ­Eibisch. "Der Pflanzenextrakt bildet­ einen wohltuenden Film um die Bronchien", erklärt Claudia Schwalbe. Einreibungen mit Latschenkiefer- oder Kiefernnadel­öl machen die Nase frei. Wichtig: Für Säuglinge und Kinder mit ­Asthma bron­­chiale, Keuchhusten oder Pseudokrupp sind die Balsame nicht geeignet. Deshalb unbedingt die Altersangaben und Gegenanzeigen beachten! Gleiches gilt für Inhalationen mit ätherischen Ölen.

"Es ist vor allem entscheidend, dass man den Kindern ­Ruhe gönnt", sagt Klaus Rodens. Weil das Immunsystem bei einer Grippe­ sehr geschwächt ist, besteht immer die Gefahr, dass die Infektion mit Komplikationen wie etwa­ einer Lungenentzündung einhergeht. Insbesondere chronisch kranke Kinder sind gefährdet. Aber auch alle anderen sollten sich schonen. Das gilt ebenso bei einem eigentlich harmlosen grippalen­ Infekt: "Sonst kann es passieren, dass sich noch eine bakterielle Infek­tion dazugesellt, wie etwa ­eine Mittelohrentzündung", erklärt der Kinderarzt. Er rät, die Kinder erst wieder in den Kindergarten oder die Krippe zu schicken, wenn sie mindestens zwei Tage fieberfrei sind und sich einigermaßen wohlfühlen. "Das kann bei einer Grippe durchaus mal ein, zwei Wochen dauern", sagt er.

Grippe: Impfen oder nicht?

Soll man alle Kinder gegen Grippe immunisieren? Nötig ist das nicht unbedingt. Die Ständige Impfkommission (­STIKO) am Robert Koch-Institut in Berlin ­empfiehlt derzeit die Impfung nur für chronisch kranke Kinder ab sechs Monaten. Seit einiger Zeit gibt es die Impfung in Form eines Nasensprays. Er ist für Kinder ab zwei Jahren geeignet.



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