Windelfrei: Geht's auch ohne Windeln?

Schon Neugeborene signalisieren, wann sie mal müssen: Sie meckern, quengeln oder werden ruhig. Manche Eltern nutzen das – und verzichten auf Windeln. Was bringt das?

von Nadja Katzenberger, 23.05.2016
Mutter mit Baby auf dem Arm

Muss mein Baby mal? "Windelfrei-Eltern" meinen, das erkennen zu können


Die Kinder vieler Naturvölker haben noch nie eine Windel auf der Haut gespürt. Als Babys verbringen sie die meiste Zeit auf dem Rücken oder der Hüfte ihrer Mutter im Tragetuch. Merkt sie, dass das Kind mal muss – seine Bauchmuskeln ziehen sich zusammen – hält sie es zur Seite, damit es sich erleichtern kann, wischt es ab und trägt es weiter. Auch in Lateinamerika oder Asien sind Windeln weniger verbreitet als bei uns, die Kinder tragen oft Hosen mit Schlitz im Schritt, damit sie sich schnell entleeren können.

Warum sollte das in einer normalen mitteleuropäischen Familie mit Familienkutsche, Kinderwagen und Stadtwohnung nicht auch funktionieren? Genau hier setzt das Konzept "Windelfrei" an.

Wissen Babys, wann sie müssen?

Denn, so sagen Befürworter: Babys kommen mit einem natürlichen Instinkt für ihre Ausscheidungen zur Welt. "Ob Babys wissen, wann Sie müssen, wissen wir noch nicht", sagt Dr. Gabriele Haug-Schnabel, Leiterin der Forschungsgruppe Verhaltensbiologie des Menschen in Kandern (Baden-Württemberg). "Aber sicher ist, dass viele Kinder schon früh merken, wenn die ersten Urintropfen abgehen oder die Stuhlabgabe beginnt, vermutlich weil sie an den Schleimhäuten am Harnröhrenausgang und After Veränderungen bemerken."

Dass sie etwas spüren, signalisieren viele auch, wie die Expertin erklärt: Manche durchläuft ein kleines Zittern, sie grimassieren kurz oder halten plötzlich in ihrer Aktivität inne und schauen in die Ferne. Andere geben einen speziellen und für die Eltern schnell wiedererkennbaren Laut von sich.

Windelfrei-Befürworter nutzen Signale der Babys

"Durch das Wickeln verliert das Kind diesen natürlichen Instinkt", sagt Franziska Karagür, gelernte Erzieherin und Windelfrei-Beraterin aus Berlin. "Seine Signale werden nicht beantwortet und es hat keine andere Möglichkeit, als sich in die Windel zu entleeren." Als sie während ihrer ersten Schwangerschaft las, dass Babys von Anfang an ohne Windeln auskommen könnten, war sie skeptisch – aber interessiert genug, um es auszuprobieren. Ihre ältere Tochter hat sie von Geburt an "abgehalten", wie es im Windelfrei-Jargon heißt, wenn das Kind auf seine Signale hin über Toilette oder Töpfchen gehalten wird. "Dabei haben wir einen bestimmten Schlüssellaut gemacht", erzählt Karagür. Dieser Laut – zum Beispiel ein Pfeifen, Schnalzen oder Zischen – sollte immer gleich sein, damit das Kind weiß: Jetzt geht es los.

Methode ist aufwändig für Eltern

Wer auf Windeln verzichten möchte, muss aber nicht nur das Töpfchen immer griffbereit haben. "Es verlangt von den Eltern sehr viel Zeit und Präsenz, das kann nicht jeder leisten und es passt auch nicht zu jeder Familie", sagt Verhaltensbiologin Haug-Schnabel. Denn das Baby muss vor allem in den ersten Wochen genau beobachtet werden: "Elimination Communication" oder "Ausscheidungskommunikation" heißt das auch. In der Praxis lernen Eltern schnell, wie das Baby sich verhält, bevor es Blase oder Darm entleert. Am besten funktioniert das, wenn das Kind mit nackten Beinen strampeln darf. Dann entfällt umständliches Ausziehen, bevor es übers Töpfchen gehalten wird.

Ist das nicht stressig? Franziska Karagür hat es nicht so empfunden. "Am Anfang achtet man sowieso auf jedes Geräusch und weiß schnell, wann das Kind muss. Und auf meiner Checkliste, was mein Baby brauchen könnte, wenn es unruhig ist, hatte ich noch einen Punkt mehr." Auch nachts habe dies meistens funktioniert.

Vorteile bisher nicht nachgewiesen

Befürwortern des Konzepts geht es nicht nur darum, durch den Verzicht auf Windeln die Umwelt zu schonen. Kinder, die ohne Windeln aufwachsen, seien zufriedener, fühlten sich besser verstanden, sagen sie auch. Empirische Untersuchungen dazu gibt es noch nicht. "Als Verhaltensbiologin sehe ich diesen sehr engen Bezug zum Ausscheidungsbereich des Kindes kritisch", sagt Gabriele Haug-Schnabel. "Ein Kind sollte auch mal ohne Beobachtung agieren können, ohne dass es immer im Zentrum der Aufmerksamkeit steht."

Franziska Karagür rät, die Sache entspannt angehen zu lassen. Es werde ab und zu mal was daneben gehen. "Windelfrei heißt für mich auch, ich kann mich frei entscheiden, ob ich dem Kind eine Windel anziehe oder nicht." Das kann bedeuten: zuhause ohne Windel, unterwegs mit. "Im Bus oder in der Bahn hätte mich der Gedanke, mein Kind könnte mich vollpieseln, nur gestresst", erzählt Karagür. Auch in der Kita oder bei der Tagesmutter gab es dann eine Windel. "Mit etwa einem Jahr können viele Kinder aber auch der Betreuungsperson schon gut klar machen, dass sie mal müssen", sagt Karagür.

Kinder werden nicht unbedingt früher sauber

Ob die Kinder so früher sauber werden, ist nicht untersucht. "Die meisten Kinder in Europa und Nordamerika werden im Alter zwischen eineinhalb und zweieinhalb Jahren trocken", sagt Haug-Schnabel. "Wachsen sie ohne Windeln auf, kann hier ein extrem früher Lernprozess ansetzen, der sehr individuell ist und auch mit viel Körperkontakt zusammenhängt." Franziska Karagür betont: "Frühes Sauberwerden sollte keinesfalls das Ziel sein, damit baut man nur unnötigen Druck auf. Das ist kontraproduktiv." Irgendwann gehen sowieso alle Kinder alleine aufs Klo – ob sie vorher gewickelt oder abgehalten wurden.


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