Wie riskant ist Babyschwimmen?

Viele Eltern gehen mit ihren Babys zum Schwimmen. Welche Risiken es für die Kinder gibt und worauf man achten sollte
von Marian Schäfer, aktualisiert am 15.05.2017

Tauchen sollte nicht Teil des Babyschwimmens sein – es ist zu riskant

W&B/Bernhard Huber

Es ist 9 Uhr, als im Münchner Süden die ersten Babyzehen ins warme Wasser tauchen. Die Reaktionen sind gemischt: Manche der drei bis sechs Monate alten Kinder genießen es, von Mama und Papa gestützt durchs Wasser zu gleiten. Andere Kinder brüllen oder treiben stumm und starr wie Treibholz im elterlichen Arm durchs Wasser.

Risiken beim Babyschwimmen

Säuglingsschwimmen steht hoch im Kurs. Der nationalen Kohorten­studie LISAplus­ des Helmholtz-Zentrums München zufolge besuchte bereits Ende der 90er-­Jahre ein Drittel der befragten Eltern mit ihren Kleinen einen Schwimmkurs. Für viele Eltern gehört das Planschen zur Frühförderung dazu. Das gilt auch heute­ noch. Anbieter ziehen Parallelen zwischen dem Schwimm- und dem Frucht­wasser – und betonen, wie positiv Babyschwimmen die geis­tige und motorische Entwicklung der Kleinen beeinflusst.

Experten wie der Kinder- und Jugendarzt Karsten Theiß aus Sankt Ingbert sehen das kritisch. Er hat sich mit zwei Kollegen für seinen Berufsverband näher mit dem Thema befasst. "Keine Frage: Babyschwimmen­ kann Spaß machen und bietet ­Eltern und Kindern eine große körperliche Nähe, was positiv für deren Bindung sein kann", sagt Theiß, der auch Taucherarzt in der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) ist. "Messen lässt sich das aber genauso schwer wie Effekte auf die Entwicklung der Kinder. Vermutlich ist der Nutzen nicht größer als bei anderen Bewegungsanreizen." Theiß geht es um ein realistisches Bild.

Unsicherer Tauchreflex

Denn anders als etwa beim Spiel in Krabbelgruppen gebe es beim Baby­schwimmen Risiken, die gut unter­sucht seien und die ­Eltern beachten sollten:

In vielen Kursen gehört das Baby­tauchen zum Programm. Die Kleinen werden dabei kurz unter Wasser getaucht. "Befürworter argumentieren zum Beispiel, dass die Kinder sich wie im Mutterleib fühlen sollen", so Theiß. "Oder dass es Angst reduziert und die Selbstrettungsfähigkeit steigert. Ein stichhaltiges Konzept aber kenne ich nicht, auch gibt es keinerlei Belege für ­einen positiven Nutzen." Der Kinderarzt warnt: "Es wird unterstellt, dass die Babys durch den Atemanhalte-Reflex geschützt sind, mit dem sie auf die Welt kommen. Es ist aber individuell sehr unterschiedlich, wie lange er vorhanden ist.

Bei manchen Kindern findet sich der Reflex schon nach vier Wochen nicht mehr." Dann ­droht­en Ertrinkungsunfälle wie zum Beispiel im Jahr 2011 in Ulm. Bedenklich findet Karsten Theiß daher, dass Babyschwimmen nicht reglementiert ist. Kursleiter müssen über keine besonderen Qualifikationen oder Fortbildungen verfügen. "Es gibt zwar Anbieter, die von ihren Leitern so etwas verlangen. Aber wenn Sie wollten, könnten Sie schon morgen zu einem Kurs im Schwimmbad einladen", erklärt Kinderarzt Theiß.

Mehr ­Magen-Darm-Infekte

"Kinder, die am Babyschwimmen teilnehmen, leiden Studien zufolge im ersten Lebensjahr etwas häufiger an Infektionen als Nicht-Babyschwimmer", sagt Karsten Theiß. Die Unterschiede seien bei den Atemwegserkrankungen nicht signifikant, bei Magen-Darm-Infekten jedoch deutlich.

Als Grund vermuten Forscher, dass Säuglinge während des Babyschwimmens größere Mengen Wasser schlucken und damit Viren und Bakterien aufnehmen. Der Experte rät Eltern, vor Kursbeginn auf jeden Fall die Rotaviren-Impfung ihres Kindes vollständig abzuschließen. Weil in den 14 Tagen nach der Impfung noch bis zu 50 Prozent der Kinder Impfviren ausscheiden, sollten sie in dieser Zeit nicht zum Babyschwimmen.

Steigendes Allergierisiko

Familien mit einem hohen Allergierisiko sollten sich von ihrem Kinderarzt beraten lassen und vom Babyschwimmen eher Abstand nehmen. Wann ein hohes Allergierisiko besteht, ist jedoch nicht genau­ definiert. "Ich würde ­­sagen, dass die Schwelle in jedem Fall ­erreicht ist, wenn mindestens ein Elternteil aller­gisches Asthma hat oder beide­ auch nur an einem leichten Heuschnupfen leiden", sagt Karsten Theiß. "Studien haben den Verdacht erhärtet, dass durch das Babyschwimmen das Risiko für ­Asthma bronchiale bei Kindern mit einem ohnehin erhöhten Allergie­risiko steigt", erklärt der Experte.

Verantwortlich dafür scheint der Stoff Trichloramin zu sein, der sich in der Hallenbadluft anreichert. Er entsteht, wenn das zur Desinfektion eingesetzte Chlor im Wasser zum Beispiel mit Urin, Schweiß, Hautschuppen oder auch Kosmetik­resten reagiert. "Trichloramin verursacht den typischen Chlorgeruch. Dabei entspricht die Wahrnehmungsschwelle des Geruchs in etwa dem empfohlenen Trichloramin-Grenzwert von 0,2 Milligramm pro Kubikmeter Luft", sagt Theiß. Weil es für Trichloramin bislang keinen gesetzlichen Grenzwert gibt und die Bäder nicht verpflichtet sind, ihn zu messen und auszuweisen, müssen sich Eltern auf ihre Nase verlassen. Wenn sie im Schwimmbad starken Chlorgeruch wahrnehmen, sollten sie vorsichtig sein.

Gründliches Abduschen vor und nach dem Schwimmen

"Gute Raumluftsysteme können das Problem lindern. In modernen Hallenbädern sind sie oft schon ins­talliert. Dort nimmt man diesen typischen Geruch kaum mehr wahr", erklärt Tauchmediziner Theiß. Und er macht darauf aufmerksam: "Ähnlich negativ scheint Ozon zu wirken, mit dem Wasser desinfiziert werden kann. Auch ­Solebäder werden in Deutschland mit Chlor oder Ozon behandelt." Um ­möglichst wenige Stoffe ins Wasser zu tragen, mit denen das Chlor re­agieren kann, sollten Eltern sich und ihre Kinder daher vor dem Baden gründlich abduschen.


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