Wie Kinder von Freundschaften profitieren

Freunde helfen Kindern, die Welt zu verstehen, andere Perspektiven einzunehmen und Konflikte zu bewältigen. Eltern sollten vor allem eines tun: sich so wenig wie möglich einmischen
von Nadja Katzenberger, 15.07.2015

Beste Freundinnen! Manche Kinderfreundschaften halten bis ins Erwaschenenalter

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Wer ein Kind bekommt, holt sich damit auch ganz viele andere Kinder in sein Leben. Nicht sofort natürlich, aber mit der Zeit kommen immer mehr dazu. Bekanntschaften aus der Krabbelgruppe, erste Spielgefährten in der Kita oder bei der Tagesmutter, bis hin zur besten Freundin im Kindergarten.

Erste Freundschaftsversuche

Anfangs ist das natürlich gesteuert von den Eltern und die Kleinen scheinen wenig interessiert aneinander. Gerade Ein- bis Zweijährige spielen eher neben- als miteinander. Das ist normal: "Zur Interaktion gehören bestimmte kognitive Fähigkeiten, die kleinere Kinder erst entwickeln müssen", sagt der Psychologe und Freundschaftsforscher Dr. Horst Heidbrink von der Fernuniversität Hagen.

Die Kleinen finden vor allem ältere Kinder bereits ungemein interessant. "Sie beobachten genau, was größere Kinder tun und es ist für sie ein großer Ansporn, es ihnen nachzumachen", erklärt Heidbrink. Sie spüren: Mit anderen Kindern zusammen zu sein, ist anders als mit Erwachsenen, den Eltern zum Beispiel.

Kinder lernen viel von Freundschaften

Zwischen zwei und drei Jahren sind Kinder dann in der Lage, besondere Beziehungen zu anderen Kindern zu pflegen. Spätestens im Kindergarten entwickeln sich Freundschaften ganz ohne Vermittlung der Großen. Und das ist wichtig! Natürlich können die Eltern ihr Kind mit anderen zusammenbringen, zum Beispiel im Sportverein oder in einer Spielgruppe. Mama oder Papa sollten aber nicht enttäuscht sein, wenn der von ihnen auserkorene Freund nicht passt. Genau wie Erwachsene haben Kinder Präferenzen, finden sich unsympathisch oder haben keinen Draht zueinander.

"Es ist in jedem Fall positiv, wenn Kinder ihre Freundschaften selbst regulieren", so Heidbrink. "Die Kinder lernen andere einzuschätzen. Sie erfahren, mit wem sie gut auskommen, mit wem nicht – das ist eine wichtige Erfahrung, die man immer wieder im Leben braucht."

Wann Eltern eingreifen dürfen

In den ersten Lebensjahren sind Kinder sehr egozentrisch und gehen davon aus, die Welt drehe sich hauptsächlich um sie. Durch Freundschaften lernen sie, andere Perspektiven einzunehmen, sich in andere hineinzuversetzen und ihre Bedürfnisse und Wünsche wahrzunehmen. Ein wichtiger Entwicklungsschritt, um die Welt zu verstehen und sich in ihr zurecht zu finden. Schon für Kindergartenkinder ist ein Freund nicht nur ein Spielkamerad, sondern ein besonderer Mensch: Jemand, dem ich vertrauen kann, der sich nicht gemein verhält oder meine Sachen kaputt macht.

Ob das aus Sicht der Eltern der ideale Partner ist, ist eine andere Frage – sie sollten sich aber so wenig wie möglich einmischen. Das gilt auch für Konflikte und Auseinandersetzungen. Es ist wichtig, dass Kinder einen Streit miteinander regeln, Eltern oder Erzieher können dann aber anbieten, zu vermitteln. "Intervenieren sollten sie auf jeden Fall, wenn die Auseinandersetzung aggressiv oder körperlich wird, aber das passiert eher selten", sagt der Freundschaftsforscher Heidbrink. Er rät: "Erwachsene spüren, wann sie eingreifen sollten, lassen Sie sich von Ihrer Intuition leiten." Oft bedeutet so ein Streit auch das Ende der Freundschaft – auch das ist normal. "So schnell wie Kinder Freundschaften schließen, können sie sie auch beenden", sagt Heidbrink.

Wie lange Freundschaften halten

Auch kurze Phasen ohne Freunde sind normal, gerade bei Schüchternen, die vielleicht etwas länger brauchen, um Freundschaften zu schließen. "Manche finden zum Beispiel in der Schule keinen Anschluss, weil die Klassenkameraden andere Interessen haben oder entwicklungsmäßig auf einem anderen Stand sind", sagt Horst Heidbrink. Dann sollten Eltern ihre Kinder ermutigen, woanders Freunde zu finden – zum Beispiel im Sportverein oder über ein Hobby, das dem Kind besonders Spaß macht. Manche Freundschaften aus der Kindheit halten sogar über die Jugend hinaus bis ins Erwachsenenalter.

Unheimlich oder unheimlich wichtig? Der imaginäre Freund

Mal ist er riesig, mal winzig klein, mal vergeht keine Minute ohne ihn, mal scheint er tagelang verschwunden: Viele Kinder haben einen imaginären oder unsichtbaren Freund, manche sogar mehrere. "Eltern sollten sich keine Sorgen darüber machen. Wenn das Kind einen imaginären Freund hat, ist das etwas sehr Positives", sagt der Psychologe Horst Heidbrink. Denn das, was man von realen Freunden lernt, kann man auch mit den unsichtbaren Spielkameraden ausprobieren: Interagieren, verschiedene Perspektiven einnehmen, Alternativen durchspielen. "Genauso wie Kinder sich durch Rollenspiele die Welt vorstellen, tun sie das auch mit dem imaginären Freund", so Heidbrink. Manche dieser Freunde sind nur Gefährten für kurze Zeit, andere bleiben lange treue Begleiter. Bis sie von einem Tag auf den anderen verschwunden sind und die realen Freunde immer wichtiger werden.


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