Was, wenn das Kind nicht in die Kita will?

Gestern ging das Kind noch vergnügt in Krippe oder Kindergarten, heute gibt es Protest und Gebrüll. Was steckt dahinter?

von Peggy Elfmann, aktualisiert am 03.05.2016
Mädchen will nicht in die KiTa

Heute: Daumen nach unten für die Kita! Dass ein Kind mal nicht will, kommt vor


Elin (4) ging schon fast ein Jahr und mit viel Spaß in den Kindergarten – und trat plötzlich in den Streik. Leon (6) hatte nur noch ein paar Monate bis zum Schulanfang – und war auf einmal nur noch unter Tränen zu bewegen, im Kindergarten zu bleiben. Und Fabian (3) klammerte sich mit einem Mal jeden Morgen an seine Mutter und wollte sie nicht gehen lassen. Szenen wie diese kennen viele Eltern nur zu gut. Für die meisten Mütter und Väter kommt der kindliche Unwille völlig überraschend und scheinbar grundlos. Und nicht selten endet das morgendliche Abschiedsdrama auch bei den Eltern mit Tränen.

Plötzlicher Kita-Unwille: Was ist der Grund?

Woran liegt es, wenn das Kind, das eigentlich gerne in die Kita geht, auf einmal nicht mehr dorthin gehen will? "Die Gründe dafür können sehr unterschiedlich sein", sagt der Erziehungswissenschaftler Christian ­Bethke, der mit einer Kollegin das Berliner Ins­titut für Frühpädagogik leitet. Häufig komme es in den ersten Monaten nach der Eingewöhnung zu einem Streik des Nachwuchses. "Der Kindergarten ist dann nicht mehr neu und spannend, sondern Routine", erklärt Bethke. "Und die Kleinen realisieren, dass sie täglich meh­rere Stunden von den Eltern getrennt sind." Besonders schmerzt das, wenn sie wissen, dass Mama oder Papa mit einem jüngeren Geschwister zu Hause ist.

Bei manchen Kindern sei auch schlichtweg ­keine Ener­gie mehr vorhanden, so der Experte. "Die Eingewöhnung ist stressig, den Kindern wird ein hohes Maß an Anpassungsfähigkeit abverlangt", sagt Chris­tian Bethke. "Es ist ein Irrtum, zu glauben, dass Kinder in zwei Wochen eingewöhnt sind." Viele brauchen ­­mehrere Monate, bis sie im Kita-Alltag ankommen.

Selbst lange nach der Eingewöhnung gibt es vieles, das die Lust auf den Kindergarten vermiesen kann: Die Lieblings-Erzieherin ist nicht da, die Toi­­letten sind dreckig, das Essen ­schmeckt nicht, der ­beste Freund verkündet: "Du bist doof!", oder die Erzieherin hat geschimpft. Im Vorschulalter wollen viele Kinder zudem endlich groß sein und haben keine Lust mehr auf den "Babykram".

Eltern sollten Gefühle ernst nehmen

Diese Gefühle sollten Eltern unbedingt ernst nehmen. "Auch wenn der Grund für Erwachsene banal erscheint, für das Kind stellt er meist ein sehr reales Problem dar", sagt ­Bethke. Doch: Oft ist es nicht so einfach, den Grund herauszufinden (­siehe Kasten unten). Der Pädagoge empfiehlt Eltern daher ­­einen Perspektiv­wechsel: "Versetzen Sie sich in Ihr Kind und versuchen Sie ihm nachzuspüren." Oft merke man dann, wo das Problem liegt – oder dass das Kleine einfach mal ­keine Lust hat. "Eltern erwarten sehr viel von ­ihren Kindern", sagt die Erzieherin ­Anita Meyer* aus Hannover. Aber jeden Tag fröhlich und gerne in die Kita gehen, das sei unrealistisch. "Eltern können es schlecht aushalten, wenn ihr Kind traurig oder wütend ist. Das gehört jedoch zum Leben, und Eltern müssen es ihren Kindern zugestehen", so Bethke. 

Warum mag das Kind nicht in die Kita? So finden Sie es heraus!

Kinder leben hemmungslos ihre ­Gefühle aus, doch es gelingt ihnen noch nicht, die Gründe für ihre Empfindungen zu benennen. Diese Tipps helfen ­Eltern bei der Suche nach den Ursachen:

  • Rollen-Spiel: Wenn Kinder mit den Puppen oder den Kuscheltieren spielen, stellen sie oft Szenen nach, die sie im Alltag erlebt haben. Wenn Sie ­­gemeinsam Kinder­garten spielen,­ erfahren Sie ­vielleicht die Ursachen des Kita-Streiks.
  • Mal-Zeit: Beim freien ­Zeichnen ­können Kinder ­ihre Emotionen ausdrücken.
  • Frei-Zeit: Kinder rücken oft nur nebenbei mit der Sprache ­heraus, wie es ihnen wirklich geht. Widmen Sie Ihrem Kleinen, wenn möglich, mehr Zeit – ohne jegliche Termine.
  • Erzähl-Stunde: Erinnern Sie sich an ­Ihre Kita-Zeit? Kleine fasziniert es, wenn ­Eltern von sich als Kind erzählen – und es macht ihnen Mut zu hören, wie Mama und Papa Probleme gemeistert haben.

Weinendes Kind in der Kita abgeben?

Was hilft in dem Moment? Das Kind mit nach Hause nehmen oder es unter Tränen im Kindergarten abgeben? "Erst einmal trennen, vorausgesetzt, das Kind ist gesund", meint Anita Meyer. Auch Chris­tian Bethke plädiert für den Abschied, unter Vorbehalt: "Eine Erzieherin sollte das Kind trösten. Wenn es sich nicht beruhigen lässt, hat es im Kindergarten nichts verloren. Dann braucht es eine Bezugsperson, und das ist nun mal Mama oder Papa." In der Regel kommt es aber nicht so weit: "Meis­tens beruhigen sich die Kinder schnell und finden ins Spiel", erzählt Anita Meyer. "Die Eltern können auch jederzeit anrufen und nachfragen." Um täglich neue Diskussionen zu vermeiden, rät sie, den kleinen Streikenden weiterhin jeden Morgen in den Kinder­garten zu bringen. "Diese Regelmäßigkeit ist wichtig, vor allem für Vorschulkinder", so die Expertin. "Schön ­wäre es aber, wenn Eltern in so einer Phase ihrem Kind mehr Zeit widmen könnten und es nicht so lange in der Kita lassen."

Langfristiges Problem? Hilfe der Erzieher suchen

Wenn das Kleine öfter streikt, sollten Eltern das Gespräch mit den Erzieherinnen suchen. "Eine ­gute Erzieherin hat ein Gespür dafür, ob sich das Kind im Kindergarten wirklich unwohl fühlt, und kann sagen, woran das liegt", meint Chris­tian Bethke. Gemeinsam kann man dann nach einer Lösung suchen, zum Beispiel dem Vorschulkind neue Aufgaben übertragen oder den kleinen Eigenbrötler besser in die Gruppe integrieren.

Manchmal machen die Eltern selbst ihren Kleinen den morgendlichen Abschied unnötig schwer, etwa weil sie noch lange in der Kita bleiben oder ihr Kind nicht loslassen können. "Je länger das Elternteil da ist, umso schwerer wird die Trennung für das Kind", weiß die Erzieherin. Also lieber kurz und schnell trennen. "­Rituale helfen beim Abschied", sagt Christian ­­Bethke. In der Kita seiner Kinder durften die Kleinen die ­Eltern rausschubsen, ein ­großer Spaß für die Knirpse. Vielen Kindern hilft es, wenn sie ein Kuscheltier dabeihaben. Elin nahm morgens ihren Eisbären mit und durfte noch eine ­Weile bei der Erzieherin auf dem Schoß sitzen. Nach zwei Wochen war der Kita-Streik kein Thema mehr, sehr zur Erleichterung ­ihrer Eltern.

 

*Name von der Redaktion geändert


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