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Was tun, wenn mein Kind stottert?

Fünf Prozent aller Zwei- bis Fünfjährigen beginnen zu stottern. Die meisten hören von selbst wieder damit auf. Was hilft den Kindern im Alltag? Und wann ist doch eine Therapie notwendig?

von Barbara Weichs, aktualisiert am 26.04.2021

Es passiert meist von heute auf morgen. Ganz ohne Ankündigung. K-k-k-katze statt Katze. Pi-pi-pi-pizza statt Pizza. Einfachste Wörter wollen dem Kind nicht mehr flüssig über die Lippen kommen, stattdessen wiederholt es einen Laut oder eine Silbe. Manchmal stockt das Sprechen komplett, und ein ganzes Wort bleibt stecken.

Jungen stottern häufiger als Mädchen

"Fünf Prozent aller Kinder zwischen zwei und fünf Jahren fangen zu stottern an, Jungen häufiger als Mädchen", sagt Georg Thum, akademischer Sprachheilpädagoge und Leiter der Stotterberatungsstelle an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München. Als Ursache vermuten Wissenschaftler eine Veranlagung dafür, konkrete Auslöser lassen sich schwer festmachen. "Stottern entsteht in ­einer Zeit, in der sich ein Kind körperlich, geistig, sprachlich und emotional am schnellsten entwickelt. ­­Viele Einflüsse aus diesen Bereichen können bei der Entstehung eine ­Rolle spielen", erklärt Thum.

Eltern trifft keine Schuld

Immer wieder erlebt der Sprachheilpädagoge, dass sich Eltern Vorwürfe machen. Sie geben sich die Schuld am Stottern ihres Kindes, weil sie zum Beispiel umgezogen sind oder sich getrennt haben. Aber Georg Thum beruhigt: "Das sind Zufälle. Ein einschneidendes Erlebnis kann der Auslöser sein, er bedingt das Stottern aber nicht. Es wäre womöglich zu ­einem späteren Zeitpunkt aufgetreten."

Noch eine gute Nachricht gibt es für Familien: Bei 80 Prozent der betroffenen Kinder geht die Sprechstörung von selbst wieder weg. Bei welchem Kind das passiert, lässt sich aber nicht sicher voraussagen. "Wir wissen zum Beispiel, dass das Stottern umso häufiger von alleine wieder aufhört, je früher es erstmalig aufgetreten ist", erklärt Georg Thum. Die Stärke der Symptome wiederum gibt keinen Aufschluss darüber, der Verlauf jedoch schon: Stottert ein Kind durchgehend über sechs Monate hinweg und verstärkt sich die Störung sogar, birgt das ein höheres Risiko, dass sie sich verfestigt. Schwanken die Symptome hingegen stark, ist es wahrscheinlicher, dass das Kind ­eines Tages wieder flüssig spricht.

Sofort eine Therapie?

Doch was bedeutet das für Eltern, deren Nachwuchs plötzlich zu stottern begonnen hat? Können sie einfach abwarten, wie sich alles ent­wickelt? Ja. "Erst nach drei Monaten empfehlen wir eine Therapie, falls die Symptome bis dahin nicht wieder von selbst verschwunden sind", sagt Georg Thum. Es sei denn: Das Stottern belastet das Kind, die Eltern oder die ganze ­Familie. "Wer einen Leidensdruck spürt, sollte sofort den Kinderarzt darauf ansprechen." Dieser kann eine Verordnung für eine Beratung ausstellen, die dann Tipps für den Umgang mit der Sprachstörung gibt. Eltern erhalten zudem Hilfe bei der Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe e. V. (www.bvss.de, Tel.: 02 21/1 39 11 06) oder auch bei der Stotterberatungsstelle der LMU (Tel.: 0 89/21 80 51 20).

Tipps zur Therapeutenwahl

Absolut falsch sei ein Rat, der betroffenen Eltern früher gerne gegeben wurde und auch noch heute kursiere: abwarten, bis das Kind in die Schule geht. "Das ist zu spät! Wir wissen, dass sich Stottern im Vorschulalter noch heilen lässt und sich mit beginnendem Schulalter das Fenster dafür schließt."

Wichtig für die Therapie: ein Experte, der sich gut mit der Sprachstörung auskennt. Drei Kriterien sollte der Therapeut erfüllen: 1. Er arbeitet nach einem anerkannten Therapieansatz (Informationen dazu gibt es ebenfalls auf der Homepage der BVSS). 2. Er hat Erfahrung mit Kindern im entsprechenden ­Alter. 3. Ein Elternteil darf bei der Therapie dabei sein. "Telefonieren Sie am besten wohnortnahe Praxen durch, und fragen Sie nach diesen drei Punkten", rät Georg Thum.

Stottern nicht bewerten

Entscheidend ist auch, dass sich ­Eltern ihrem stotternden Kind gegenüber richtig verhalten. Kinder merken selbst, wenn ihre Sprache steckenbleibt. "Trotz der Unterbrechun­gen erzählen sie aber munter weiter", sagt Sprachheilpädagoge Thum. Und damit zeigen sie ihren Eltern ziemlich genau, was sie brauchen: dass ihnen trotz des Stotterns zugehört und dieses vor allem nicht bewertet wird. "Nur wenn ein Kind gespiegelt bekommt, dass mit seinem Sprechen ­etwas nicht stimmt, entwickelt es ein Störungsbewusstsein", erklärt Georg Thum.

Und das kann weitreichende Folgen haben: Das Kind will nicht mehr mit anderen spielen, zieht sich zurück, vermeidet im schlimmsten Fall das Sprechen komplett. Reagieren ­Eltern angemessen, können sie einer solchen Entwicklung entgegenwirken.

Gutes Feedback geben

Mit diesen Tipps unterstützen Eltern ihr stotterndes Kind am besten:

  • Unterbrechen Sie es nicht, und verzichten Sie auf Aufforderungen wie "Atme erst mal durch!", "Sprich langsamer!", "Denk nach, bevor du sprichst!" Solche Sätze signalisieren: "Mit deiner Sprache stimmt etwas nicht. Nicht der Inhalt zählt für mich, sondern die Form." Hinzu kommt: Die Aufforderungen helfen nicht dabei, die Kontrolle übers Sprechen zurückzuerlangen.
  • Gehen Sie auf das Gesagte ein, so als hätte ihr Kind nicht gestottert. Geben Sie ihm dann Feed­back, zum Beispiel: "Oh, da hast du ja was Tolles im Kindergarten erlebt. Ich freue mich immer, wenn du mir davon erzählst, auch wenn die Wörter mal steckenbleiben. Das macht überhaupt nichts." Damit zeigen Sie: "Ich habe dir inhaltlich zugehört, du bist mir wichtig. Ich habe auch gemerkt, dass du stotterst, aber das ist okay für mich." Und geben Sie einen kleinen Trost, indem Sie Ihrem Kind sagen, dass es nicht alleine mit seinem stockenden Sprechen ist, sondern viele Kinder davon betroffen sind.
  • Gehen Sie in Gesprächen auf Augen­höhe, und berühren Sie Ihr Kind dabei. Das signalisiert: Ich habe Zeit, ich höre dir zu.
  • Bewerten Sie das Stottern nicht. Schildern Sie zum Beispiel nicht der Oma am Telefon, dass das Sprechen wieder schlimm war. Oder sagen Sie nicht zu Ihrem Kind, dass es heute schön gesprochen hat. Für das Kind bedeutet das, dass immer, wenn die Stolperwörter kommen, das Sprechen nicht schön ist.
  • Gehen Sie offen mit dem Stottern um, aber sprechen Sie wertneutral und beschreibend darüber. Zum Beispiel: "Das Wort wollte gar nicht rauskommen." Oder: "Heute war das Stottern stark." Oder: "Heute sind die Wörter flüssig."
  • Sprechen Sie mit Ihrem Kind über seine Gefühle. Benennen Sie diese, etwa so: "Ich merke, du bist gerade traurig/wütend. Das ist nicht so schlimm, wenn da Wörter stolpern."
  • Sensibilisieren Sie Ihr Umfeld für den richtigen Umgang mit Ihrem stotternden Kind.
  • Holen Sie sich Hilfe, wenn Sie die Situation überfordert. Die Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe bietet Wochenendseminare an unterschiedlichen Orten an. Fragen sie auch bei Ihrem Kinderarzt nach.

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