Warum will mein Kind nicht teilen?

Kleinkinder, die vehement ihren Besitz verteidigen und nicht teilen wollen, machen einen wichtigen Entwicklungsschritt. So können Eltern diese Konflikte als Vermittler begleiten
von Nadja Katzenberger, 17.08.2017

Alles meins! Mit zwei Jahren lernen Kinder, ihr Eigentum zu verteidigen

Getty Images/John Hakansson/Folio Images

Wenn Zweijährige zusammen sind, geht es meist recht vergnügt zu. Auch wenn sie oft mehr nebeneinanderher als miteinander spielen. Doch irgendwann kommt sicher der Moment, in dem der eine nach dem Spielzeug des anderen greift. Dann schreit der Besitzer sofort: "Meins!", reißt das Spielzeug wieder an sich und trägt es davon. Vehement verteidigt das Kleine sein Eigentum gegen jeden weiteren Eroberungsversuch. Das wiederholt sich ein paarmal, auf beiden Seiten fließen Tränen, schließlich beenden die Mütter das Spieldate und sind ein wenig ratlos: Was ist in die Kinder gefahren?

Sozialkompetenz: Kinder lernen, sich durchzusetzen

"Diese Phase gehört zur Autonomieentwicklung, alle Kinder machen sie durch", sagt Professorin Sonja Perren, Entwicklungsforscherin an den Universitäten Konstanz und Thurgau. Mit etwa zwei Jahren nehmen Kinder nicht nur sich selbst wahr, sondern auch die Gegenstände, die sie umgeben. Sie beginnen, sehr genau zwischen "mein" und "dein" zu unterscheiden – Konflikte zwischen den Kids sind da programmiert.

Professorin Dr. Sonja Perren, Entwicklungs-forscherin an der Universität Konstanz und der PH Thurgau

W&B/Privat

"Dabei geht es zum einen darum, Besitz zu verteidigen, aber auch um Kontrolle: Ich bestimme, wer was darf", erklärt Perren. Das schließt sogar Mama und Papa ein. Auch deshalb protestieren Geschwister in diesem Alter oft lauthals, wenn die Mama das Baby im Arm hält. Sie machen klar: "Meine Mama!" – niemand sonst darf sie für sich beanspruchen.

Das lässt vermuten, dass es mit der Sozialkompetenz bei Kleinkindern noch nicht sehr weit her ist. Wer wünscht sich nicht Kinder, die anstandslos ihre Schaufel im Sandkasten verleihen, anstatt Tränen zu provozieren? Sonja Perren sieht das anders: "Seine Ziele zu definieren und durchzusetzen ist ein wichtiger Teil von Sozialkompetenz", sagt die Entwicklungsforscherin. "Die Herausforderung ist, die eigenen Bedürfnisse mit denen der anderen in Einklang zu bringen."

Eltern sollten vermitteln, aber nicht entscheiden

Durch die Konflikte müssen also alle Kinder durch – doch schaffen sie das auch alleine? Manche Eltern mischen sich ungern ein und meinen: Die Kinder regeln das schon unter sich. "Das funktioniert nicht. Erwachsene sollten diese Konflikte begleiten, erklären, warum etwas gerade nicht verfügbar ist, oder helfen, eine Lösung auszuhandeln", sagt Perren. Mit der Zeit lernen Kinder zu teilen – dazu überreden sollte man sie nicht. Auch wenn Mama oder Papa als höhere Instanz einschreitet und das Spielzeug einfach verteilt, gibt das nur Stress. "Für das Kind ist es wichtig zu lernen, sich durchzusetzen, seinen Besitz zu verteidigen – nicht, dass die Eltern immer für sie entscheiden", sagt Perren.

Daniela Nindl, Erzieherin und stellvertretende Leiterin der Kindertagesstätte Stephanus Kinderland in München

W&B/Privat

So gelingt die Vermittlerrolle: erklären, dass man anderen nicht einfach etwas wegnimmt. "Wenn die Schaufel im Sandkasten einem Kind gehört und es sie nicht hergeben will, muss man das respektieren", sagt Daniela Nindl, Erzieherin und stellvertretende Leiterin einer Kindertagesstätte in München. Erwachsene würden ja auch protestieren, wenn sich der Nachbar einfach den Autoschlüssel nimmt und davonbraust, ohne zu fragen.

Mit der Zeit erkennen Kinder, dass ihnen beim Teilen nichts weggenommen wird. Sie wissen: Das Spielzeug gehört mir, das wird auch so bleiben, wenn ich es mal hergebe – ich bekomme es wieder zurück. Manche Eltern scheuen diese Konflikte und schaffen Spielsachen im Überfluss an. "Das bringt nichts. Zu lernen, sich durchzusetzen, ist wichtig. Zu erkennen, dass das nicht immer klappt, und den Frust darüber auszuhalten, genauso", so Perren.

Bei Konflikten mit dem Kind nach einer Lösung suchen

In der Kita klappt das Teilen meist etwas besser, denn dort sind die Besitzverhältnisse für alle klar: Das Spielzeug gehört der Krippe oder dem Kindergarten. Schon die Kleinsten wissen, dass sie sich untereinander einigen müssen. "Konflikte tauchen zwar auch auf, lassen sich aber leichter lösen", sagt Nindl. "Wir haben zwei Regeln, wenn es Streit um ein Spielzeug oder ein Buch gibt. Entweder spielen beide zusammen damit oder schauen das Buch gemeinsam an – oder sie wechseln sich nach einer bestimmten Zeit ab."

Auch hier ist es wichtig, dass sich die Erwachsenen nicht einfach über die Kinder hinwegsetzen, sondern ihren Streit ernst nehmen, erklären, beim Verhandeln helfen und mit den Kindern nach einer Lösung suchen. Kindern, die Geschwister haben, fällt das Teilen etwas leichter – früher als Einzelkinder lernen sie, sich durchzusetzen, zu verhandeln oder nachzugeben.

Mit etwa vier Jahren ist das große Drama um "meins" und "deins" vorbei und damit ein wichtiger Entwicklungsschritt vollzogen: Kinder sind nun in der Lage, sich in andere hineinzuversetzen, Wissenschaftler nennen das "Theory of Mind". Ältere Kinder können jetzt sogar abwägen. Da gibt der große Bruder eher mal nach, wenn seine Schwester ein Spielzeug einfordert. Statt lange zu streiten, hat er seine Ruhe. Und er weiß: Bald verliert sie sowieso das Interesse daran, und er bekommt es zurück.


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