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Wann sitzen, krabbeln, laufen Babys?

Erste Ergebnisse einer großen deutschen Studie zeigen: Hauptsächlich die Gene beeinflussen die Bewegungsentwicklung von Babys – Babykurse tun es dagegen nicht

von Daniela Frank und Barbara Weichs, aktualisiert am 09.07.2019
Baby spielt mit Spielzeug

Nach dem Köpfchenhalten können sich Babys meist zuerst auf den Bauch drehen


"Wann dreht sich das Kleine endlich? Das Nachbarskind konnte das doch schon mit vier Monaten!" Solche Seufzer hört man von Eltern häufig. Die meisten achten sehr genau auf jeden Entwicklungsschritt ihrer Kinder. Und vergleichen sie oft mit anderen Babys. Doch wo steht eigentlich, wann Kinder normalerweise Dinge können – und ab wann es besorgniserregend ist, wenn sie sie nicht können?

Die bisherigen Daten sind relativ alt

Der Wissenschaftler Dr. Heinz Krombholz beschäftigt sich schon lange mit diesen Themen und stellte fest: Die Tabellen, mit denen Ärzte, Psychologen, Heilpädagogen und Bewegungstherapeuten momentan die motorische Entwicklung von Kindern beurteilen, sind relativ alt. Auf welche Daten sie sich beziehen, ist häufig unklar. "Bohrt man nach, stellt sich oft heraus, dass einige der Daten aus den 1930er-Jahren stammen", erklärt er. "Und teilweise anhand sehr kleiner Stichproben gewonnen wurden." Die US-Amerikanerin Nancy Bayley beobachtete für ihre Studie aus dem Jahr 1937 zum Beispiel nur rund 50 Kinder aus ihrem Bekanntenkreis, also aus der oberen Mittelschicht.

Dr. Heinz Krombholz

Die aktuellste Unter­suchung führte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in den Jahren 2001 bis 2003 durch. Sie betrachtete sechs motorische Meilensteine, Kinder in Deutschland waren dabei jedoch nicht mit eingeschlossen.

Entwicklung wird aktuell untersucht

Weil die motorische Entwicklung ihrer Kinder für Eltern so ein großes Thema ist, die Datenlage aber gleichzeitig so dünn, hat Krombholz 2013 am Staatsinstitut für Frühpädagogik (IFP) in München das Projekt Meilensteine gestartet. Die Studie untersucht die Bewegungsentwicklung von Säuglingen und Kleinkindern in den ersten beiden Lebensjahren anhand von 18 Meilensteinen.

In einem Entwicklungskalender, in dem die einzelnen motorischen Meilensteine wie zum Beispiel Kopfheben, Umdrehen, Greifen, Krabbeln oder Laufen aufge­­listet sind, erfassen die teilnehmenden Eltern, wann ihr Nachwuchs welchen Schritt gemacht hat. Die Reihenfolge, in der die Meilensteile erreicht werden, ist dabei weitgehend gleich. "Bevor ich krabb­le, muss ich meinen Kopf heben können, und um mich beim Hinstellen festzuhalten, muss ich greifen können", erklärt Krombholz.

Die Forscher stellen Fragen wie: Inwieweit bestehen Zusammenhänge zwischen dem Erreichen bestimmter Meilensteine und dem Geburtsverlauf, dem Geschlecht des Kindes und der Stellung in der Geschwis­­terreihe? Hat das Vorbild eines älteren Geschwisterkindes beispielsweise ­­einen Einfluss? Und: Profitiert ein Baby davon, wenn seine Eltern mit ihm für einen Meilenstein trainieren?

Erste Ergebnisse: Tabellen noch weitgehend gültig

Anfang 2019 hat Heinz Krombholz Zwischenergebnisse veröffentlicht. Tatsächlich zeigte sich, dass der Zeitpunkt des Auftretens eines Meilensteines sowie die Reihenfolge überwiegend mit den Angaben aus bestehenden Entwicklungstabellen übereinstimmen. Auch der Vergleich mit den sechs Meilensteinen der WHO-Studie weist ­keine wesentlichen Unterschiede auf. "Wir vermuten aber, dass die endgültigen Ergebnisse einen größeren Streubereich zeigen werden. Damit können Eltern von einer normalen Entwicklung ihres Kindes ausgehen, auch wenn diese vom Mittelwert der Meilensteintabelle erheblich abweicht", so der Diplom-Psychologe. Krombholz betont, dass die bisher vorliegenden Ergebnisse als vorläufig angesehen werden sollen und sich – wenn weitere Beobachtungsdaten vorliegen – durchaus ändern könnten.

Die Zwischenergebnisse im Überblick

Meilenstein    Durchschnittliches Alter
   Standardabweichung*
Hände zusammenführen 2,3 Monate 1,1 Monate
Kopf heben in Bauchlage 2,2 Monate 1,2 Monate
auf den Bauch drehen 4,7 Monate 1,3 Monate
auf den Rücken drehen 5,2 Monate 1,7 Monate
frei sitzen mit Hilfe 7,2 Monate 1,6 Monate
selbstständig aufsetzen 8,5 Monate
1,6 Monate
robben 7,1 Monate 1,5 Monate
krabbeln 8,5 Monate 1,7 Monate
aufstehen mit Hilfe 8,8 Monate 1,7 Monate
freies Stehen mit Hilfe 11,6 Monate 2,4 Monate
seitliches Gehen mit Hilfe 10,2 Monate 2,1 Monate
aufrichten und stehen 12,6 Monate 2,4 Monate
frei gehen 12,9 Monate 2,2 Monate
frei und sicher gehen 13,7 Monate 2,2 Monate
gezielt greifen 3,2 Monate
1,1 Monate
Handwechsel 5,7 Monate 2,0 Monate
Pinzettengriff 6,7 Monate 2,3 Monate
Zangengriff 7,8 Monate 2,3 Monate

* 68 Prozent der beobachteten Kinder liegen innerhalb des Bereichs Mittelwert plus/minus der Standardabweichung

Die Eltern der momentan an der Studie teilnehmenden 2500 Babys machten zudem weitere Angaben, ­etwa über Geburtsgewicht, Stillmonate, Ort der Geburt, Schulabschluss der Eltern oder die Anzahl der Geschwister. "Wir wollen untersuchen, inwiefern Faktoren wie diese die motorische Entwicklung beeinflussen", sagt Krombholz. Bisher bestand beispielsweise der Verdacht, dass gestillte Kinder gegenüber nicht gestillten einen leichten Entwicklungsvorsprung haben. Dies konnte die Studie jedoch bisher nicht statistisch signifikant bestätigen. "Das liegt auch an unserer leider immer noch zu kleinen Stichprobe", erklärt Krombholz. "Wir brauchen noch mehr Teilnehmer, damit wir solche Tendenzen auch sicher zeigen können." Eltern könnten sich daher gerne weiter anmelden.

Baby-Kurse bringen keinen Entwicklungsvorsprung

Wann ein Kind seine ersten Schritte macht, hängt ebenso tendeziell davon ab, ob es alleine in einer Familie aufwächst oder Geschwister hat: Babys mit Bruder oder Schwester beginnen etwas früher zu laufen. Andere Faktoren, wie beispielsweise das Tragen im Tragetuch oder der Babytrage, hatten keinen Einfluss. "Das hat mich persönlich überrascht", sagt Krombholz. Es zeige sich, dass auch Fördermaßnahmen der Eltern jeglicher Art, wie spezielle Babykurse, die Geschwindigkeit der motorischen Entwicklung nicht beeinflussen. Weitere Faktoren wie etwa das Alter der Mutter oder außer­familiäre Betreuung scheinen ebenfalls keinen Einfluss zu haben. "Das heißt, die motorische Entwicklung scheint zumindest im Babyalter weitestgehend genetisch festgelegt zu sein", folgert Krombholz. "Eltern können sie offenbar nicht fördern – höchstens behindern, indem sie die Bewegungsmöglichkeiten zu sehr einschränken."

Der Experte empfiehlt, dem Baby Freiräume zu bieten, die es zur Bewegung anregen. Sitzt es zum Beispiel den ganzen Tag in der Wippe oder Babyschale, behindert das seinen Bewegungsdrang. "Besser hat es ein Kind, wenn es immer wieder auf einer Decke liegen und strampeln darf", sagt Krombholz.

Geburtsgewicht und Geschlecht haben leichten Einfluss

Auch einen leichten, aber nicht signifikanten Zusammenhang zwischen Geburtsgewicht und Köpfchenheben konnten die Wissenschaftler feststellen: Je höher das Gewicht eines Babys bei der Geburt gewesen war, umso schneller konnte es seinen Kopf zum ersten Mal heben und auf die Unterarme aufgestützt drei Sekunden lang halten. Auf das Robben wirkt sich ein höheres Geburtsgewicht hingegen eher hinderlich aus: Je schwerer ein Kind war, umso später robbte es.

"Interessanterweise scheint außerdem das Geschlecht die Fähigkeit zu beeinflussen, selbstständig zu sitzen", erklärt Krombholz. Mädchen täten dies im Schnitt einen Monat früher als Jungen. Generell seien Mädchen etwas flotter in der Entwicklung als Jungen, abgesehen vom Sitzen sei der Unterschied allerdings nicht statistisch bedeutsam.

Ende 2020 soll die Datenerhebung abgeschlossen sein. Heinz Krombholz ist auf die endgültigen Ergebnisse gespannt und wird diese mit denen aus internationalen Studien vergleichen.

Wann zum Arzt?

Welche Ergebnisse die neue Studie auch immer zutage fördern wird, an ­einer Tatsache wird sich sicher nichts ändern: Die Entwicklungsspannen im Bereich der Motorik sind sehr groß. Jedes Kind ist eben anders. Das betont der Wissenschaftler. Wenn also die Tochter mit ihren sieben Monaten auf dem Bauch liegend ihre Umgebung beobachtet, während der gleichaltrige Nachbarssohn bereits ­entdeckungsfreudig durchs Haus ­robbt, können Eltern gelassen bleiben. Deshalb liegt Heinz Krombholz dieser Rat an alle Mütter und Väter besonders am Herzen: "Vergleichen Sie Ihr Baby nicht mit anderen Kindern. Richten Sie Ihren Blick lieber auf das, was es kann."

Sogar, wenn ein Meilenstein noch nicht innerhalb der angegebenen Standardabweichung erreicht wird, ist das laut Krombholz oft kein Grund zur Besorgnis. "Krabbelt das Kind zwar noch nicht in der angegebenen Zeitspanne, ist aber ansonsten neugierig und versucht, Gegenstände zu erreichen, ist meist alles in Ordnung", sagt Krombholz. Eltern sollten dann den Kinderarzt lediglich beim nächsten Besuch darauf hinweisen. "Besorgniserregend wird es höchstens, wenn ein Kind wenig Interesse für seine Umwelt zeigt", sagt Krombholz. Dann sollten Eltern auch außerhalb der vorgesehenen Untersuchungen einen Kinderarzt aufsuchen.

Und: Für Frühgeborene müssen ohnehin andere Maßstäbe gelten, so der Experte. "Je größer die Differenz zum errechneten Entbindungstermin, desto weniger können wahrscheinlich die Entwicklungstabellen herangezogen werden", erklärt er. Welche alternativen Werte für Frühchen gelten, hofft Krombholz am Ende seiner Untersuchung ebenfalls angeben zu können.


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