Wann sitzen, krabbeln, laufen Babys?

Erste Ergebnisse einer großen deutschen Studie zeigen: Ge­burtsgewicht, Geschlecht und Geschwister beeinflussen die Bewegungsentwicklung von Babys
von Barbara Weichs, aktualisiert am 11.07.2016

Tobias kann es kaum erwarten, mit Bruder Leon loszulaufen

W&B/Angie Wolf

Wenn der dreijährige ­Leon durch das Wohnzimmer saust, hat er einen aufmerksamen Zuschauer: Tobias, sechs Monate alt, verfolgt seinen großen Bruder mit interessierten Blicken. "Wenn er könnte, würde er von seiner ­­Decke aufspringen und mit­laufen", sagt Silke F. (30), die Mutter der beiden Jungen. Doch momentan stützt sich To­bias erst auf seinen Armen hoch und beobachtet die Umgebung. Bis die beiden gemeinsam durchs Haus springen, werden noch viele Monate vergehen. "Wir sind gespannt, wann es bei Tobias so weit sein wird. Leon tat seine ersten Schritte mit 13 Monaten", sagt Silke F.

Wie alle Eltern achten auch ­Silke F. und ihr Mann Joachim (34) aufmerksam auf jeden Entwicklungsschritt ihrer beiden ­Söhne. Vielleicht sogar ein bisschen intensiver, denn sie nehmen an dem Projekt Meilensteine des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP) in München teil. Die Studie der beiden Wissenschaftler Dr. Heinz Krombholz und An­gela Roth untersucht die Bewegungsentwicklung von Säuglingen und Kleinkindern in den ersten beiden Lebensjahren. Sie läuft seit Sommer 2012.

Dr. Heinz Krombholz

Dr. Heinz Krombholz ist Diplom-Psychologe am Staatsinstitut für Frühpädagogik in München

W&B/Privat

Studie: Stimmen die Tabellen noch?

Müssen Entwicklungstabellen neu geschrieben werden? Das fragten sich der Diplom-Psychologe und die Soziologin. Denn die Tabellen, mit denen Ärzte, Psychologen, Heilpädagogen und Bewegungstherapeuten momentan die motorische Entwicklung von Kindern beurteilen, sind sehr alt. Auf welche Daten sie sich beziehen, ist häufig unklar.

Die aktuellste Unter­suchung führte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in den Jahren 2001 bis 2003 durch, deutsche Kinder waren hier jedoch nicht mit eingeschlossen.

Angela Roth

Angela Roth ist Diplom-Soziologin am Staatsinstitut für Frühpädagogik in München

W&B/Privat

Diese Lücke wollen die beiden Wissenschaftler schließen und holten sich dafür die besten Experten zur Unter­stützung mit ins Boot: Eltern. "Wir gehen davon aus, dass Mütter und Väter, die mit ihren Babys täglich zusammen sind, Entwicklungsschritte zuverlässiger dokumentieren als externe Beobachter", sagt Angela Roth. In einem Entwicklungskalender, in dem die einzelnen motorischen Meilensteine wie zum Beispiel Kopfheben, Umdrehen, Greifen, Krabbeln oder Laufen aufge­­listet sind, erfassen diese, wann ihr Nachwuchs welchen Schritt gemacht hat. "Mithilfe interessierter Laien können wir Wissenschaftler kostengünstig Daten erheben, an die wir sonst nur schwer kämen", erklärt ­Diplom-Soziologin Roth.

Die beiden Wissenschaftler ­erhoffen sich neue Erkenntnisse darüber, wann Kinder heute welche Entwicklungsschritte machen. Zwar ist bekannt, dass die Meilensteine weitgehend in der gleichen Reihenfolge erreicht werden und aufeinander aufbauen. "Bevor ich krabb­le, muss ich meinen Kopf heben können, und um mich beim Hinstellen festzuhalten, muss ich greifen können", erklärt Krombholz. Dennoch blieben viele Fragen offen.

Babys sollten sich frei bewegen können

Spannend ist für die Forscher daher auch: Inwieweit bestehen Zusammenhänge zwischen dem Erreichen bestimmter Meilensteine und dem Geburtsverlauf, dem Geschlecht des Kindes und der Stellung in der Geschwis­­terreihe? Hat das Vorbild eines älteren Geschwisterkindes beispielsweise ­­einen Einfluss? Und: Profitiert ein Baby davon, wenn seine Eltern mit ihm für ­­einen Meilenstein trainieren? "Ich vermute, dass es für die motorische Entwicklung entscheidend ist, wie viele Freiräume ein Baby hat, die es zur Bewegung anregen", sagt der Diplom-Psychologe. Sitzt es zum Beispiel den ganzen Tag in der Wippe, behindert das seinen Bewegungsdrang. Besser hat es ein Kind, wenn es immer wieder auf einer Decke liegen und nach Herzenslust strampeln darf. "Je mehr sich ein Baby bewegt und dies mit Freude verbindet, umso besser ist das vermutlich für seine Entwicklung", ergänzt Roth.

Erste Ergebnisse: Tabellen stimmen weitgehend noch

Vier Jahre nach Studienstart haben Heinz Krombholz und Angela Roth nun einen Zwischenbericht am IFP veröffentlicht. Tatsächlich zeigte sich, dass der Zeitpunkt des Auftretens eines Meilensteines sowie die Reihenfolge überwiegend mit den Angaben aus bestehenden Entwicklungstabellen übereinstimmen. Auch der Vergleich mit der WHO-Studie weist ­keine statistisch signifikanten Unterschiede auf. Aber: "Es könnte durchaus sein, dass sich Kinder heute rascher entwickeln und die Meilensteine früher bewältigen", erkärt Krombholz. Interessant ist zudem, dass die beobachteten Babys offensichtlich erst robben, bevor sie sitzen. "Wir vermuten, dass wir in Zukunft mit einem größeren Streubereich rechnen müssen. Damit können Eltern von einer normalen Entwicklung ihres Kindes ausgehen, auch wenn diese vom Mittelwert der Meilensteintabelle erheblich abweicht", so der Diplom-Psychologe.

Die Eltern der momentan an der Studie teilnehmenden 1539 Babys – darunter 73 Zwillingspärchen und zwei Drillinge – machten zudem weitere Angaben, ­etwa über Geburtsgewicht, Stillmonate, Ort der Geburt, Schulabschluss der Eltern oder die Anzahl der Geschwister. "Wir möchten untersuchen, inwiefern Faktoren wie diese die motorische Entwicklung beeinflussen", sagt Angela Roth. Die Zwischenergebnisse deuten nun darauf hin, dass diese für die spannenderen Erkenntnisse sorgen.

Geburtsgewicht unter den entscheidenden Faktoren

So konnten die Wissenschaftler zum Beispiel ­einen Zusammenhang zwischen Geburtsgewicht und Köpfchenheben feststellen: Je höher das Gewicht eines Babys bei der Geburt gewesen war, umso schneller konnte es seinen Kopf zum ersten Mal heben und auf die Unterarme aufgestützt drei Sekunden lang halten. Auf das Robben wirkt sich ein höheres Geburtsgewicht hingegen eher hinderlich aus: Je schwerer ein Kind war, umso später robbte es.

"Interessanterweise scheint das Geschlecht die Fähigkeit zu beeinflussen, sich selbstständig zum freien Stehen aufzurichten", erklärt Roth. Mädchen tun dies im Schnitt einen Monat früher als Jungen. Wann ein Kind seine ersten Schritte macht, hängt wohl davon ab, ob es alleine in einer Familie aufwächst oder Geschwister hat: Babys mit Bruder oder Schwester beginnen 23 Tage früher zu laufen. Andere Faktoren wie etwa das Alter der Mutter, außer­familiäre Betreuung oder der Besuch einer die motorische Entwicklung unterstützenden Akti­vität scheinen dagegen keinen Einfluss zu haben. "Für ein endgültiges Urteil müssen wir jedoch noch weitere Daten auswerten", sagt Heinz Krombholz.

Unterschiede in der Entwicklung normal

Ende 2017 soll die Datenerhebung abgeschlossen sein. Angela Roth und Heinz Krombholz sind auf die endgültigen Ergebnisse gespannt und werden diese mit denen aus internationalen Studien vergleichen. Auch Familie F. blickt dem Projektende erwartungsvoll entgegen. "Es ist doch spannend, ob und wie sich der Mensch in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt hat", sagt Joachim F.

Welche Ergebnisse die neue Studie auch immer zutage fördern wird, an ­einer Tatsache wird sich sicher nichts ändern: Die Entwicklungsspannen im Bereich der kindlichen Motorik sind sehr groß. Jedes Kind ist eben anders. Das betonen beide Wissenschaftler. Wenn also die Tochter mit ihren sieben Monaten auf dem Bauch liegend ihre Umgebung beobachtet, während der gleichaltrige Nachbarssohn bereits ­entdeckungsfreudig durchs Haus ­robbt, können Eltern gelassen bleiben. Deshalb liegt Heinz Krombholz dieser Rat an alle Mütter und Väter besonders am Herzen: "Vergleichen Sie Ihr Baby nicht mit anderen Kindern. Richten Sie Ihren Blick lieber auf das, was es kann."

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