Vorschule: Was sollten Kinder lernen?

Das letzte Jahr im Kindergarten gilt als Vorbereitung auf die Schule. Welche Fähigkeiten sollten kleine Vorschüler dann erwerben?
von Annett Zündorf, aktualisiert am 17.01.2017

Die Vorschule bereitet künftige ABC-Schützen auf die Schulzeit vor

Getty Images/ImagesBazaar

Die Uhr lesen soll das Kind lernen, ein bisschen rechnen und schreiben und natürlich Konzentration und Disziplin üben. Mit dem neuen Kindergartenjahr beginnt für viele künftige Erstklässler die Vorschule. Und die Liste der Elternwünsche ist lang. Schließlich soll der Nachwuchs optimal vorbereitet in die Zukunft starten.

Vorbereitung auf die Schule

In der Tat ist es noch heute in vielen Kindergärten üblich, dass die Vorschulgruppe einmal in der Woche Schreib- und Rechenübungen macht. An manchen Orten werden sogar extra Kurse angeboten, in denen die Kinder still sitzen, Stift halten und Laute hören trainieren können. Solche Quasi-Schulstunden beruhigen manche Eltern ungemein. Sabine Ackermann, Diplom-Sozialarbeiterin und ehemals Leiterin der ­Kita Seidelhaus in Jena, sagt aber: "Vorschule bedeutet nicht eine halbe Stunde Spezialkurs in der Woche, Vorschule beginnt schon bei den Kleinen und ganz nebenbei."

Professor Malte Mienert ist Entwicklungspsychologe mit Schwerpunkt Frühpädagogik in Berlin

W&B/Privat

Beim Morgenkreis zählen sich die Kinder und ermitteln, wie viele von ihnen fehlen. Beim Ausflug werden die Fenster am großen Haus auf dem Markt gezählt. Wie viele sind eckig und wie viele rund? Ganz von selbst bekommen die Kinder ­so ­einen Begriff von Mengen und Zahlen. Auch Malte Mienert, Professor der Psychologie und Experte für frühkindliche Entwicklung aus Berlin, sagt: "Die gesamte Kitazeit ist Vorschule. Dazu gehört alles, was Kinder auf den nächsten Lebensabschnitt vorbereitet." Also Grundlegendes wie singen, sprechen, springen, laufen. Aber auch sogenannnte weiche Fähigkeiten wie zuhören, Regeln einhalten und anderen helfen.

Vorschule soll Mut und Neugier wecken

Aber die Striche für die Zahlen, die richtige Stift- und Scherenhaltung, die Konzentration – das müssen Kinder für die Schule doch können? Müssen sie nicht. "Früher ging man zu Schulbeginn davon aus, dass ­alle Kinder mit dem gleichen ­Niveau kommen, das sie im Kinder­garten erworben haben", sagt Kathrin ­Romankiewicz. Die Grundschul­lehrerin der Jenaer Talschule betreut die Vorschulkinder der umliegenden Kindergärten. "Man sah den Schul­­eintritt als Grenze. ­Heute wissen wir, dass der Übergang von Kinder­garten zu Schule fließend verläuft, und schauen, wie weit jedes Kind ist."

Kathrin Romankiewicz ist Grundschullehrerin in Jena

W&B/Privat

Vorschulkinder müssen nicht rechnen und schreiben können. Wichtig dagegen seien sozial-emotionale Fähigkeiten, erklärt die Lehrerin. In der Schule sind die Großen auf einmal wieder die Kleinen. Sie sollten in der Lage sein, mit Rückschlägen umzugehen und Streit auszuhalten. Sie müssen in ­­neuen Gruppen lernen und sich ­trauen, fremde Erwachsene anzusprechen und zum Beispiel nach der ­Toilette zu fragen. Es gilt, neue Regeln zu lernen und einzuhalten. Das gesamte Lebensgefüge der Kinder ändert sich. Es dauert, bis sie in ­ihre neue ­Rolle hineingefunden haben. "Schulanfänger brauchen Mut und Neugier", sagt Romankiewicz, die sich von den Kindern Freude aufs Lernen wünscht. Und sie sollen ohne Angst in die Schule gehen.

Schule: Niemand muss lange still sitzen

Aber auch solche Fähigkeiten trainieren Kinder meist von Beginn an in der Kita. Sie werkeln an kleinen Projekten und verhandeln dabei mit ihren Freunden. Sie hören im Morgenkreis jedem Kind zu. Sie trainieren beim Sport nicht nur die Motorik, sondern erfahren auch, wo oben und unten, rechts und links ist. Und die immer wieder beschworene Konzentration? Die Ausdauer? Laut ­einer internationalen Studie schätzen 43 Prozent der deutschen Eltern ­diese Eigenschaften als grundlegend für die Schule ein. Doch "niemand muss 45 Minuten still sitzen", sagt ­Romankiewicz. Auch im Unterricht dürfen Kinder heute zwischen einzelnen Aufgaben immer wieder aufstehen, sich schütteln und strecken oder ein Bewegungslied singen.

Sabine Ackermann ist Diplom-Sozialarbeiterin und leitete die Kita Seidelhaus in Jena

W&B/Privat

Braucht man dann überhaupt noch eine Vorschule? Egal wie man es nennt, im letzten Jahr, sagt Ackermann, "brauchen die Gro­ßen mehr Futter". Sie werden neugieriger, stellen mehr Fragen. In der Kita Seidelhaus dürfen die künftigen Erstklässler weiter­hin viel spielen. Aber sie besuchen auch Museen, laufen zum Sport in ­eine weiter entfernte Halle. Sie basteln im Altersheim mit den Bewohnern, üben bei der Verkehrserziehung, alleine über die Straße zu gehen.

Und sie gehen in die Schule. In die echte. Ein paar Mal im Jahr, für ein paar Stunden. Dort ­schauen sie sich Klassenzimmer an, bekommen kleine Aufgaben und Rätsel gestellt. Sie dürfen schon mal schnuppern, wie es in der ­Schule so ist. Das nimmt die Angst vor dem Unbekannten. "Wir gehen mit den Kindern außerdem in jede Schule, die sie später mal besuchen werden und lernen die Lehrer sowie das Gebäude kennen, egal ob es neun oder nur zwei verschiedene Schulen sind", sagt Ackermann. Das verstärke Gefühle wie Stolz und Freude der Kinder auf die Schule noch. Außerdem kämen die Mitarbeiter mit den Lehrern ins Gespräch und bauten so ein erstes Vertrauensverhältnis auf.

Vorschule: Lernen ohne Druck

Egal was Vorschulkinder in ­ihren Kitas lernen: Das Wichtigste ist, dass sie Spaß daran haben und nicht einfach einem vorgegebenen Plan folgen müssen. Klar dürfen sie den Umgang mit Schere und Stift üben. Nur bitte ohne Druck. Angst darf auf keinen Fall entstehen, Selbstvertrauen dagegen viel. Malte Mienert erklärt: Kleine Kinder lernen kreativ. Sie probieren aus.

In der Schule läuft der Lernprozess dagegen sehr systematisch, sprach- und schriftgebunden. Dieses soge­nannte konkret­operative Denken beherrschen Kinder erst mit etwa sechs bis sieben Jahren. "Schulisches Lernen gehört deshalb in die Schule", sagt Bildungsexperte Mienert. Und: "­Alle Studien zum Übergang vom Kinder­garten zur ­Schule zeigen, dass gerade die Kinder ihn gut schaffen, die sich im letzten Kitajahr auch gelangweilt haben." Ihnen fällt der Abschied leichter, und sie freuen sich auf die Schule.


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