Trotzphase: Zehn Strategien für Eltern

Achtung, Wutzwerg-Alarm! Wie Eltern die Vorboten erkennen und gekonnt ausbooten. Diese zehn Strategien helfen, kleine und große Trotzköpfe schnell zu beruhigen

von Beatrice Sobeck, aktualisiert am 02.08.2018
Trotziges Mädchen

Will der Nachwuchs mit dem Kopf durch die Wand, heißt es für Eltern: ruhig bleiben


1. Verständnis zeigen

Sie holen Ihr Kind in der Kita ab. Die Atmosphäre ist entspannt. Dann sagen Sie: "Wir fahren jetzt einkaufen." Sofort kippt die Stimmung: "Nein! Ich will nach Hause", schreit Ihr Kind, wirft seine Jacke auf den Boden, zetert und weint. Wie peinlich, denken Sie, fühlen, wie sich in Ihnen Widerstand regt. Sätze wie "Ich lasse mir nicht auf der Nase rumtanzen" schießen uns Erwachsenen dann durch den Kopf.

Das sagt Andreas Engel, Erziehungsberater bei der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung e. V.: Vor allem in der Öffentlichkeit fühlen sich Eltern von ihren Kindern in solchen Momenten herausgefordert, jetzt die Kontrolle zu behalten. Das endet meistens in einem Machtkampf. Die Aggression richtet sich nicht gegen Sie, nehmen Sie den Trotz­anfall also nicht persönlich. Ihr Kind versucht Ihnen mitzuteilen, dass es müde ist und deshalb lieber nach Hause möchte. Dieses Gefühl kann es aber noch nicht beschreiben, deshalb wird es wütend.

Das könnte helfen: Gehen Sie in die Knie, auf Augenhöhe und zeigen Sie Verständnis. Älteren Kindern können Sie erklären, was Sie noch einkaufen müssen. Zwei Dinge zu holen ist schnell erledigt, einen großen Wocheneinkauf verschieben Sie lieber. Langfristig könnten Sie überlegen, ob Sie künftig erst einkaufen und dann das Kind abholen.

2. Geduld haben

Familienausflug in den Zoo. Sie haben kaum die Kasse hinter sich gelassen, steuern gerade das Affengehege an, da entdeckt Ihr Knirps eine Ameisenarmee. Fasziniert schaut er, wie die kleinen Krabb­ler hinter­einander herlaufen und Sandkrümel transportieren. Ihre Aufforderungen weiterzugehen, stoßen auf taube Ohren. Sie werden gereizter, für eine Ameisenfamilie haben Sie ja keine 20 Euro Eintritt bezahlt. Das Kind kontert: "Ich will aber hierbleiben!". Sie: "Tschüss, wir gehen jetzt …" Ihr Kind fängt an zu schreien. Die Stimmung ist im Eimer.

Das sagt Andreas Engel: Eltern und Kind haben hier unterschied­liche Prioritäten. Die Großen wollen für Ihr Geld den Zoo anschauen, das Kind ist fasziniert von den Ameisen.

Das könnte helfen: Geduld und ein Kompromiss. Bieten Sie zum Beispiel an: Wir beobachten jetzt gemeinsam die Ameisen, dann gehen wir zu den Affen. Hocken Sie sich zu Ihrem Kind, stellen Sie Fragen: Was siehst du da? Was glaubst du, wo laufen die jetzt hin? Sie investieren ein paar Minuten für die Ameisen, haben ein entspanntes Kind und einen friedlichen Familienausflug.

3. Den Alltag regeln

Mist, schon 7 Uhr und Ihre Tochter springt noch im Schlafanzug umher. Zack, zack, jetzt aber fix. Sie haben Hose, Socken und Shirt in der Hand und wollen Ihr Kind schnell anziehen. Nur trifft Ihre Auswahl nicht auf Zustimmung. Ihre Tochter will ein Kleid. Sie sind genervt, denn die Zeit rennt. Sie müssen zur Arbeit, außerdem ist im Kindergarten Waldtag, da geht kein Kleid, argumentieren Sie. Das Kind weigert sich aber, die Hose anzuziehen. Sie werden laut, das Kind schreit und bockt.

Das sagt Andreas Engel: Zeitdruck am Morgen führt schnell zu Konflikten. Der Stress der Eltern überträgt sich auf die Kleinen. Meistens werden Eltern übergriffig und verletzen das Selbstwertgefühl des Kindes. Die Reaktion: Widerstand.

Das könnte helfen: Überlegen Sie, wie Sie den Zeitdruck morgens auflösen können. Entsteht der Konflikt immer beim Anziehen, suchen Sie zum Beispiel mit dem Kind am Vorabend ein Outfit heraus. Dann haben Sie auch die Ruhe zu besprechen, dass am nächsten Tag ein Ausflug ansteht und deshalb Hose und Turnschuhe praktischer sind. Legen Sie die Kleidung am besten schon im Bad zurecht, das spart Wege und lenkt die Aufmerksamkeit Ihres Kindes am Morgen nicht unnötig ab.

4. Ernst nehmen

"Das kann ich alleine", verkündet Ihr Kind stolz und will den Jacken-Reißverschluss selbstständig zumachen. Doch es gelingt nicht. "Komm, ich mach das", sagen Sie, greifen nach dem Reißverschluss. Das Kind protestiert, schlägt sogar.

Das sagt Andreas Engel: Wie fühlen Sie sich, wenn nichts so funktioniert, wie Sie es gern hätten? Wenn einfach jemand kommt und die Sache zu Ende bringt? Sehr gedemütigt. Dem Kind geht es nicht anders.

Das könnte helfen: Nehmen Sie den Frust des Kindes ernst. Finden Sie Worte für das, was es fühlt. "Es ärgert dich, dass der Reißverschluss nicht in den Schlitz geht. Ich kann dich gut verstehen." Bieten Sie Hilfe an: "Komm, wir machen das gemeinsam." Stellen Sie sich hinter Ihr Kind, führen seine Hände. So unterstützen Sie es beim Selbermachen.

5. Brücken bauen

Sie wollen zum Spielplatz. Ihr Kind fährt mit dem Laufrad, mit dem es schon ganz schön schnell flitzt. Sie gehen zu Fuß. Ihr Kind kennt den Weg und will "alleine" vorfahren. Sie bestehen darauf, dass es nah genug bei Ihnen bleibt, sodass Sie es im Notfall stoppen könnten, sollte ein Auto aus einer der vielen Einfahrten kommen. Ihr Kind will das nicht ein­sehen. Es kommt zum Streit.

Das sagt Andreas Engel: Zwischen Eigenständigkeit und Überbehüten verläuft oft ein schmaler Grat. Einerseits will man sein Kind in seinen Fähigkeiten fördern, andererseits es vor Gefahren, die es nicht einschätzen kann, schützen.

Das könnte helfen: Bieten Sie Ihrem Kind kürzere Wege an, die es vorausfahren kann, etwa bis zum Zaunpfahl oder bis zur Laterne. Vereinbaren Sie ein Kommando, auf das es hört und sofort anhält. Funktioniert das sicher, können Sie die Wege  erweitern. Wenn es mal ohne Einschränkungen fahren will, suchen Sie einen Platz, wo garantiert keine
Autos fahren.

6. Einfach ablenken

Quengelzone an der Supermarktkasse – für Sie ist das jedes Mal ein Stresstest, weil Sie da nie ohne Diskussion vorbeikommen.

Das sagt Andreas Engel: Kommen Sie aus einer Situation prinzipiell nicht heraus, kann manchmal ein kleines Ablenkungsmanöver die Lösung sein.

Das könnte helfen: Wählen Sie eine Kasse, die weniger Quengelware für Kinder bereithält. Und bieten Sie Ihrem Kind an zu helfen, den Einkauf auf das Laufband zu legen. Sie können auch einen Wettkampf daraus machen: Wer schafft mehr Teile?

7. Gewaltfrei bleiben

Manchmal sind die Fronten derart verhärtet, dass einem selbst die Sicherungen durchzubrennen scheinen. Wut, Verzweiflung, Hilflosigkeit schäumen über, und es passiert: Eltern rutscht die Hand aus.

Das sagt Andreas Engel: Strafe oder Schläge können kein ­Mittel sein, um elterliche Interessen durchzusetzen und ein Kind zur Vernunft zu bringen. Gewalt schwächt Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl des Kindes. Es geht darum, intelligent und kreativ mit Konflikten umzugehen.

Das könnte helfen: Lassen Sie sich nie von der Wut Ihres Kindes mitreißen. Nehmen Sie sich oder das Kind aus der Situation. Sie können sagen, dass Sie sich so ärgern, dass Sie kurz aus dem Zimmer müssen. Häufen sich die Eskalationen, finden Eltern Hilfe bei einer Erziehungs­beratungsstelle (www.bke-online.de).

8. Regeln einhalten

Schubladen ziehen kleine Kinder magisch an. Blöd nur, wenn ausgerechnet die spannendste tabu ist. Spätestens beim dritten Nein herrscht Schreialarm.

Das sagt Andreas Engel: Kinder brauchen Grenzen, sie geben ihnen Halt. Im Grunde testen sie jedes Mal, ob das, was gestern galt, heute noch zählt. Die Regeln sollten überschaubar sein und sich Alter und Fähigkeiten des Kindes anpassen.

Das könnte helfen: Zeigen Sie Ihrem Kind, was in der Schublade aufbewahrt wird, und erklären Sie ihm, dass das die Mama-Papa-Schublade ist. Sie bleibt tabu. Weint das Kind, trösten Sie es, lenken Sie es ab. Bleiben Sie als Eltern klar in Ihrer Haltung.

9. Mit Humor reagieren

Abends spielen sich in vielen Badezimmern Szenen ab, die wären filmreif. Das Kind soll Zähne putzen, doch es weigert sich mit Händen und Füßen gegen die Zahnbürste im Mund.

Das sagt Andreas Engel: Zähne­putzen ist eine Regel, von der Eltern nicht abweichen wollen. Sie sind aber auch erschöpft vom Tag. So eine Stresssituation kocht dann schnell hoch und eskaliert.

Das könnte helfen: Über­raschen Sie mit etwas Lustigem. Geben Sie der Zahnbürste eine Stimme, lassen Sie sie tanzen. Humor hilft dem Kind oft, einzulenken und etwas zu tun, was es eigentlich nicht wollte.

10. Bitte trösten

Ihr Kind will unbedingt ein Spielzeug haben, das gnadenlos überteuert ist. Sie kaufen es nicht. Ihr Kind weint fürchterlich.

Das sagt Andreas Engel: Kindern fehlt der Weitblick, zu beurteilen, ob das Spielzeug gut, schlecht oder zu teuer ist. Sich von dem Wunsch, es zu haben,  zu verabschieden, fühlt sich für sie wie ein schwerer Verlust an. 

Das könnte helfen: Zeigen Sie Verständnis. Sagen Sie: "Ich kann dich gut verstehen. Du bist unendlich traurig." Bleiben Sie verständnisvoll, auch wenn Ihr Kind tagelang dem Spielzeug nachtrauert.


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