Sprachstörung: Wann ist eine Therapie nötig?

Lispeln, Stottern, selektiver Mutismus – immer mehr Kinder haben Sprachstörungen und erhalten eine Sprachtherapie. Die Hintergründe erklärt die Münchner Pädaudiologin Dr. Barbara Arnold
von Barbara Weichs, aktualisiert am 21.02.2017

Beugt Störungen vor: Vorlesen fördert die Sprachentwicklung

Thinkstock/iStockphoto

Frau Dr. Arnold, der Erhebung einer Kranken­kasse zufolge hat jedes dritte Vorschulkind in Deutschland eine Sprachstörung. Stimmt diese hohe Zahl?

Nein. Die Zahl liegt bei etwa acht Prozent. In Ballungsgebieten und Städten wie etwa München ist der Anteil aber oft höher. Der Grund ist, dass es hier viele mehrsprachige Kinder gibt, die im Elternhaus nicht immer optimal sprachlich gefördert werden.

Haben Sprachstörungen in den ­letzten Jahren zugenommen?

Das wird diskutiert. Fest steht aber: Viele Kinder mit leichten Sprachstörungen, die früher nicht in eine Therapie gekommen wären, werden heute eher erkannt und behandelt. Ein Grund dafür ist, dass die Eingangskriterien beim Thema Sprache für die Einschulung sehr streng sind. Aber auch die Vorsorgeuntersuchungen beim Kinderarzt sind enger gefasst. Außerdem haben Erzieherinnen heute einen geschulteren Blick auf die Sprache. Sie machen Eltern häufiger auf Auffälligkeiten aufmerksam. Die Sensibilität für Sprachstörungen im Kindergartenalter ist dadurch höher geworden.

Das heißt also, nicht immer mehr Kinder haben Sprachstörungen. Es hat sich lediglich die Wahrnehmung verändert.

So kann man das nicht sagen. Es gibt mehrere Faktoren, die dazu beitragen, dass es mehr Kinder mit Sprachstörungen gibt. Das sind beispielsweise die verbesserten Überlebenschancen von Frühchen in den letzten 20 Jahren. Viele dieser Kinder haben Entwicklungsstörungen, zu denen auch die Sprachstörungen gehören. Ein weiterer Aspekt ist die zunehmende Migration nach Deutschland in den letzten 20 Jahren. Wir haben viele Kinder mit nichteuropäischem Hintergrund, die sich hier erst einmal an eine neue Sprache gewöhnen müssen. Ansonsten ist die Zahl derer mit Sprachstörungen – wenn überhaupt – nur geringfügig gestiegen. Hier kommt dann eher die fokussierte Aufmerksamkeit der Eltern zum Tragen.

Haben Eltern denn überhaupt ein gutes Gespür für die Sprach­entwicklung ihres Nachwuchses?

Die meisten Eltern nehmen sehr genau wahr, ob sich ihr Kind sprachlich normal entwickelt oder nicht. Das geschieht durch den Vergleich mit gleichaltrigen Kindern in Krabbelgruppen oder auf dem Spielplatz. Da sehen Eltern relativ schnell, ob das eigene Kind sprachlich hintansteht. Ob die Sprachentwicklung des Nachwuchses allerdings nur ver­zögert ist oder er tatsächlich eine Sprachstörung entwickelt, können lediglich Experten unterscheiden.

Dr. Barbara Arnold ist Fachärztin für HNO, Phoniatrie und Pädaudiologie in München sowie Vorsitzende des Landesverbandes Phoniatrie/Pädaudiologie Bayern

W&B/Privat

Was sollte Eltern aufhorchen lassen?

Ein wichtiges Kriterium ist das frühe Sprachverständnis. Ein Kleinkind mit verzögertem Sprachbeginn versteht beispielsweise den Auftrag "Hol doch mal den Ball" und bringt der Mama den Ball. Ein sprachgestörtes Kind hingegen weist häufig ein Verständnisproblem auf und es reagiert nicht auf die Aufforderung. Hier muss natürlich auch ausgeschlossen werden, dass das Kind schlecht hört.

Welche weiteren Anzeichen ­deuten darauf hin, dass ein Kind ­eine Sprachstörung entwickelt?

Schon mit drei Monaten schauen die Kleinen normalerweise Menschen an, fixieren sie und lächeln. Manche Babys aber wenden sich anderen Menschen nicht zu, drehen den Kopf weg und sind nicht kommunikationsfreudig. Das sollte man beobachten. Manche von ihnen entwickeln später sprachliche Auffälligkeiten, andere sind autistisch, aber das lässt sich so früh noch nicht feststellen.

Kann ich mich als Mutter darauf verlassen, dass der Kinderarzt die sprachliche Entwicklung des Nachwuchses gut im Blick hat?

Ja. Kinderärzte sowie Pädaudiologen und Phoniater verfügen über standardisierte, altersspezifische Sprachtests, mit denen sie bei den Vorsorgeuntersuchungen das Sprachvermögen eines Kindes prüfen. Ein Beispiel ist der aktive Wortschatztest für Drei- bis Fünfjährige. Hier zeigt der Arzt Bilder, und das Kind sagt, was es darauf sieht. Es beginnt mit einfachen Gegenständen wie Stern und Uhr oder Tätigkeiten wie Fahrradfahren oder Kämmen bis hin zu schwer aussprechbaren Wörtern wie etwa Hubschrauber. Parallel zum Wortschatz lässt sich dabei zudem die Artikulation, also die Aussprache von Lauten, beobachten. Stellt der Kinderarzt oder Phoniater eine Sprachstörung fest, verordnet er eine logopädische Therapie.

Logopäden werfen Kinder­ärzten vor, sie würden zu häufig zu ­lange abwarten. Wie sehen Sie das?

Es gibt natürlich Kinderärzte, auf die das zutrifft. Man muss in dem Zusammenhang aber auch sehen, dass Pädia­ter, was die Verordnung von Sprach­therapien angeht, stark budgetiert sind. Das heißt, sie dürfen pro Quartal nur ­eine bestimmte Anzahl an logopädischen Therapien verschreiben, sonst werden sie in Regress genommen und müssen für die Behandlung bezahlen. Die Tendenz, eher mal abzuwarten, ist daher ­letztlich den Krankenkassen geschuldet.

Was raten Sie Eltern, die sich Sorgen machen und nicht länger abwarten wollen?

Wenden Sie sich für eine zweite Meinung an einen Phoniater, Pädaudiologen, Kinderarzt oder an eine Logopädin.

Ist es sinnvoll, eine Sprachstörung möglichst früh zu behandeln?

Im Prinzip ja. Allerdings sind erst Kinder ab drei Jahren für die direkte Arbeit mit einer Logopädin geeignet. Bei jüngeren Kindern gibt es zwei Maßnahmen, die Eltern sprachauffälliger Kinder unternehmen sollten. Zum einen emp­fiehlt sich die Teilnahme am Heidelberger Elterntraining. Hier bekommen Eltern Anre­gungen, wie sie ihr Kleines im Alltag sprachlich fördern. ­Wichtig ist auch, frühzeitig das Gehör prüfen zu lassen. Denn trotz eines unauffälligen Ergebnisses beim Neuge­borenen-Hörscreening können Kinder aufgrund von Paukener­güssen ­eine Hörstörung entwickelt haben. Und Kinder lernen nun mal besser sprechen, wenn sie gut hören.

Sprachstörungen und -besonderheiten


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