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So fördern Eltern mathematisches Verständnis

Ob der Muster eines Stoffes oder der Turm aus Bauklötzen: Der Alltag ist voller Mathematik. Wie Eltern ihren Kindern spielerisch die Welt der Zahlen und Formen nahebringen

von Anne-Bärbel Köhle und Barbara Weichs, aktualisiert am 28.08.2018
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Spielend lernen: Wie Sie das mathematische Verständnis fördern können


Katzen tun es, Affen, kleine Hunde und sogar Wellensittiche: Sie spielen, tollen herum, kuscheln mit ihren Artgenossen. Und erfüllen damit eine wichtige Aufgabe. Sie lernen. Auch wenn es nach außen nicht so aussieht.

Kleine Menschen verhalten sich nicht anders. "Der Drang zu lernen ist quasi angeboren", sagt der Münchner Entwicklungspsychologe Professor Rolf Oerter. Nie wieder lernen Kinder so viel wie im ersten Lebensjahr, einfach deshalb, "weil so vieles neu für sie ist", sagt Oerter. Das Gehirn der Kleinen formt ohne Unterlass eine­ riesige Anzahl an synaptischen Verbindungen. Nicht genutzte Verbindungen gehen verloren. Dennoch erweist sich die graue ­­Masse auch später als äußerst flexibel. Sie passt sich Erfahrungen an, entwickelt sich dort stärker, wo sie beansprucht wird – und das ein Leben lang.

Kinder lernen anders als Erwachsene

Jetzt also die Zeit optimal nutzen, ­­bevor Entwicklungsfenster wieder zugehen und möglichst viel Informationen und Wissen ins Kind hinein­pressen? Das ­wäre der falsche Weg. "Wir wissen heute: Kinder lernen völlig anders als ­Erwachsene", sagt Oerter. Sie erwerben Fähigkeiten nicht zielgerichtet und absichtsvoll, brauchen das Spiel und ­soziale Interak­tionen. Zudem benötigen sie ­feste Bindungen und die Sicherheit, sich ungestört entwickeln zu können. Dann klappt das Lernen nebenbei. "Lernen findet in Alltagssitua­tionen statt", sagt Oerter. "­Diese müssen ganzheitlich ­erfahrbar sein." Ab dem Schul­alter kommt dann das zielgerich­tete, das bewusste Lernen hinzu, erklärt Oerter. Erst dann sind Kinder ­dazu in der Lage, Durststrecken zu überwinden, um sich konzentriert neue Fertigkeiten anzueignen.

Mathematik im Alltag

Gerade Mathematik. Wer denkt da nicht sofort an die Schule? Formeln und Gleichungen kommen einem in den Sinn, schriftliches Dividieren und geo­­metrische Figuren. Dass auch unser Alltag voll von Mathematik ist, sie ihn sogar strukturiert, wird vielleicht erst auf den zweiten Blick deutlich. "Mathematik ist die Wissenschaft von den Mustern. Es geht im Prinzip darum, Wiederholungen oder Rhythmik zu erkennen", sagt Dr. Annette Schmitt, ­­Diplom-Psychologin und Professorin für Bildung und Didaktik im Elementarbereich an der Hochschule Magdeburg-Stendal.

Lange bevor ein Kind Zahlen auf Verkehrsschildern wahrnimmt oder weiß, dass zwei mal zwei vier ist, macht es schon seine ersten mathematischen Erfahrungen – im Prinzip von Geburt an. Das kann das Mus­ter eines Stoffes sein, mit dem ein Baby für jedes Schläfchen zugedeckt wird, oder die Melodie eines Liedes, das die Mutter schon als Schwangere regelmäßig gehört hat. "Dieses Wahrnehmen und Wiedererkennen von Mustern bildet eine Grundlage, auf der ein Kind später abstrahieren kann", erklärt die Diplom-Psychologin.

Spezielle Lernmaterialien sind nicht nötig

Der Schulanfang ist also mitnichten eine Stunde null, ab der Kinder Rechnen, aber auch Schreiben und Lesen lernen. Nun beginnt zwar der systematische Unterricht in diesen drei Grundkompetenzen, eine wichtige Basis dafür haben Kinder aber bereits in den Jahren davor erworben, quasi nebenbei im Alltag. "Es braucht keine Lernmaterialien wie zum Beispiel Förder-DVDs für Babys, Englischkurse für Kindergartenkinder oder andere Intelligenztrainings. Entscheidend ist, was Kinder im Alltag erleben, wie Eltern mit ihnen umgehen und sich mit ihnen in der Umwelt bewegen", sagt ­Annette Schmitt. Dabei eignen sich die Kleinen sogenannte Vorläufer­fähigkeiten an, die weiterführendes Lernen in der Schule erst möglich machen. Studien zeigen, dass diese sogar entscheidend sind für einen späteren schulischen Erfolg in den drei Grundkompetenzen Lesen, Schreiben und Rechnen.

Wie Kinder die Notwendigkeit von Mathe erkennen

Bleiben wir beim Beispiel Mathematik. Damit ein Kind mathematisches Verständnis entwickeln kann, braucht es zum einen ­eine Vorstellung davon, was Zahlen und Mengen bedeuten. Es muss erleben, dass hinter jeder Zahl ­­eine konkrete wahrnehmbare ­Menge steckt. Ein Kleinkind macht die Erfahrung zum Beispiel beim Stapeln von Bauklötzen: Je mehr ­Klötze es aufeinandersetzt, umso ­höher wird sein Turm. Der Einjäh­rige in der Badewanne, der Wasser aus einem Becher in einen anderen umschüttet, erlebt, dass der Becher immer voller wird, je mehr Wasser er hineingießt. Irgend­wann läuft das Wasser sogar über, wenn immer mehr nachkommt.

Je älter Kinder werden, umso mehr erkennen sie diese Zusammenhänge und können die Erkenntnisse, die sie daraus ziehen, gezielt einsetzen und für sich nutzen. Wenn zwei Freunde zum Beispiel herausfinden wollen, wer mehr Autos gesammelt hat. Oder wenn die Schwester mit dem Bruder eine Packung Gummibärchen gerecht teilen soll. "Kinder erleben, dass Mathematik mit Fragen zu tun hat, die sie beschäftigen, und nicht mit dem bloßen Einüben von Zahlen. Sie hilft ihnen beim Lösen von Problemen", erklärt ­Annette Schmitt. Dieser Bezug zu seiner Lebenswirklichkeit macht die Mathematik als abstrakte Wissenschaft für ein Kind begreifbar. Das trifft übrigens auch auf alle anderen Kompetenzen zu, die mit Schule zu tun haben: Sobald ein Kind erkennt, was es damit konkret anfangen kann, erfasst es auch die Notwendigkeit, sich damit auseinanderzusetzen.

Interessen erkennen und unterstützen

Im Prinzip können sich ­Eltern recht entspannt zurücklehnen, denn sie müssen das Interesse ­ihrer Kinder für mathematische ­Dinge nicht extra wecken. Die Kleinen wollen von Anfang an mit ­allen Sinnen die Welt entdecken, gehen neugierig auf Unbekanntes zu. Außer­dem ist alles, was die Großen machen, per se schon interessant für sie. Dennoch sollten Eltern den Nachwuchs beobachten, seine momentanen Interessen erkennen und sich ernsthaft darauf einlassen.

Probiert der Vierjährige vielleicht gerade aus, wie weit er schon zählen kann? Dann könnte er ja mal den Tisch fürs Mittagessen decken oder beim nächsten Einkauf sechs Äpfel in den Korb legen. Interessiert er sich dafür, wie schwer etwas ist und wie groß bestimmte Mengen sind, könnte er beim Kuchenbacken Mehl und Zucker abwiegen. Wenn es nicht alleine klappt, dürfen Eltern den Kleinen ruhig unterstützend zur Hand gehen. "Kinder helfen gerne. Das sollten Eltern nutzen, auch wenn es dann vielleicht länger dauert, bis man die Dinge erledigt", sagt Annette Schmitt. Denn über die einfachen Tätigkeiten lernen sie komplexe Zusammenhänge. Ein weiterer großer Vorteil: Man braucht keine zusätzliche Zeit für spezielle Matheförderung aufzubringen.


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