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Persönlichkeit: Was ist vererbt, was anerzogen?

Der Charakter ist teils angeboren, teils durch Erziehung und Umwelt geprägt. Wie diese Faktoren zusammenwirken

von Anne-Bärbel Köhle, aktualisiert am 15.12.2016
Vater und Sohn

Wie der Vater, so der Sohn? Einiges wird vererbt, aber nicht alles


Babys sind kleine Persönlichkeiten. Den Satz können wahrscheinlich alle Eltern sofort unterschreiben. Auch die wissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten Jahre bestätigen dies. "Wir sprechen am Anfang des Lebens aber noch nicht von Persönlichkeit, sondern von frühkindlichem Temperament", sagt Prof. Dr. Birgit Elsner, Leiterin der Abteilung Entwicklungspsychologie der Universität Potsdam. Ist die Persönlichkeit also angeboren?

Der wahre Charakter zeigt sich im Kindergartenalter

Über rund 30.000 Gene verfügt ein Mensch. Dieser Bauplan legt manche Dinge von vornherein fest: etwa die Augenfarbe, den Körperbau, die Neigung zu bestimmten Erkrankungen, zu Musikalität und Sportlichkeit. Auch Intelligenz und Persönlichkeit tragen Menschen in ihren Genen. Bevor sich der wahre Charakter eines Menschen zeigt, dauert es aber mindes­tens bis zum Kindergartenalter. "Persön­lichkeit", sagt Elsner, "besteht eben zu einem Teil aus den Genen, der andere Teil wird von der Umwelt geprägt."

Dennoch gibt es natürlich auch bei Babys schon klare Unterschiede im Temperament. "Ganz bestimmte Eigenschaften ­scheinen einfach angeboren", so Elsner. Zum Beispiel die Art und Weise, wie ein Neugeborenes auf die Welt zugeht. "Manche sind sehr offen und neugierig, andere eher ängstlich und zurückhaltend. Manche reagieren auf neue Erfahrungen mit Freude, andere sind leicht irri­tierbar", sagt Elsner.

­Auch die emotionale Stimmung zieht sich als Grundrauschen durchs ­ganze Leben. Das heißt aber nicht, dass Persönlichkeit nicht formbar ­wäre: Sie lässt sich ein Leben lang innerhalb dieses Spektrums erweitern und verändern – je nachdem, welche sozialen Erfahrungen ein Kind macht. Aus einem schüchternen, introvertierten Kind wird vermutlich keine extrovertierte Rampensau. Aber das Kind kann lernen, selbstbewusster auf andere zuzugehen. "Erst mit ­etwa 30 Jahren ist die Persönlichkeit wirklich ausgereift", sagt Elsner.

Fördern hilft, Akzeptanz aber auch

Auch Merkmale wie ­Intelligenz und Begabung sind ange­boren. Welche Leistungen das Gehirn eines Kindes zu erbringen vermag, ist zwar quasi als Grenze nach unten und oben im genetischen Bauplan festgelegt. "Aber innerhalb dieses Spektrums lässt sich mit Förderung viel tun", sagt Elsner. Ein Kind mit mittlerer Intelligenz wird also wohl nicht den Nobelpreis gewinnen, aber in der Schule zumindest gut mithalten. "Die Gene", sagt Elsner, "sind die Basis. Es kommt ganz darauf an, was wir daraus machen."

Bloß nicht zu viel! "Eltern projizieren viele Wünsche auf ihre Kinder. Sie sind ja in gewisser Weise der Spiegel des eigenen Ichs", sagt der Münchner Diplom-Psycho­loge und Erziehungsberater Hans Dusolt. Kein Wunder, dass es Eltern bezaubert, wenn sie ­eigene Merkmale und Verhaltens­weisen an ­­ihrem Kind entdecken. Elsner rät Eltern aber, mental ­einen Schritt zurückzutreten, das Kind von ­außen zu betrachten und sich zu fragen: "Was wünsche ich mir als Vater oder Mutter? Und was passt wirklich zu meinem Kind?"

Das stärkt die Persönlichkeit

  • Andersartigkeit akzeptieren: "Kin­der sind eigenständige Wesen, ­keine Klone von uns selbst", sagt der Münchner Erziehungsberater Hans Dusolt. Um eine eigene Identität zu entwickeln, "ist es wichtig, dass sie die Botschaft erfahren, auch dann in Ordnung zu sein, wenn sie anders sind als die anderen Familienmitglieder". Eltern sollten versuchen, sie in den Talenten und Fertigkeiten zu fördern, die sie von sich aus zeigen. "Das heißt nicht gleich Gesangsunterricht mit drei Jahren. Aber vielleicht, mit dem Kind singen, es CDs mit Liedern hören lassen", so Elsner.
  • Mit Schwächen leben: Eltern tut es oft in der Seele weh, wenn sie an ihrem Nachwuchs Persönlichkeitsmerkmale entdecken, unter denen sie selbst gelitten haben, etwa Schüchternheit. "Instinktiv versuchen manche dann, ihre Kinder erst recht dazu zu ermutigen, ihre Schüchternheit zu überwinden", sagt Dusolt. Das stresst und überfordert die Kleinen – und gibt ihnen das Gefühl, den Ansprüchen der Eltern nicht zu genügen.
  • Liebe zeigen: Kinder brauchen die Grundbotschaft "Ich mag dich so, wie du bist, auch wenn mich dein Verhalten manchmal stört." Das, so Dusolt, "sollten Eltern ihren Kindern auch hin und wieder explizit sagen".
  • Liebevoll einschreiten: Eltern ­haben das Recht, ihren Kindern zu sagen, welche Verhaltensweisen sie ablehnen. "Sie dürfen und müssen Grenzen setzen", so Dusolt.

Erfahrungen beeinflussen die Persönlichkeit

Nur für kurze Zeit trennten die Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Psychia­trie junge Mäuse von ihren Müttern – doch der Effekt war anhaltend. Ihr Leben lang schnitten die traumatisierten Mäuse in Lern- und Stresstests deutlich schlechter ab als ihre Artgenossen, waren antriebslos und verhielten sich anderen Mäusen gegenüber nicht artgerecht. Die Erklärung: Während der Trennung von den Müttern war bei den Mäusen die Gehirnregion übermäßig aktiv, die für die Stressbewältigung zuständig ist. Dies führte langfristig zu einer Veränderung der Erbsubstanz.

Die Studie ist ein eindrückliches Beispiel für die erst wenige Jahrzehnte alte Disziplin der Epigenetik. Anders als gedacht, ist das Erbgut des Menschen nicht unveränderlich. Vielmehr nimmt offenbar die Umwelt Einfluss darauf.

Gesunder Lebensstil gut für Körper und Psyche

So ergab ein Experiment britischer Forscher, dass chronischer Schlafmangel die Aktivität von manchen Genen verändert, die ­etwa für Immunsystem und Stoffwechsel zuständig sind. Äußere Umstände können uns aber auch zu besseren und gesünderen Menschen machen. Denn auch Sport, Meditation, eine ausgewogene Ernährung wirken auf unsere Gene. Ein Beispiel: Schon ein wenig Bewegung mehr am Tag hat ­eine lebensverlängernde Wirkung. Das ergab die weltweite EPIC-Studie, die sich der Erforschung von Krebs widmet. Fazit der Forscher: ­Brächte man alle Sportverächter dazu, nur 20 Minuten täglich spazieren zu gehen, würde sich die ­Lebenserwartung um 0,7 Jahre erhöhen.

Eigentlich beruhigend: Wir sind kein Spielball unserer Gene, sondern wir können durch einen gesunden Lebensstil und gute Erfahrungen viel zum Positiven wenden. 

Eltern können vieles, aber nicht alles beeinflussen

Zwar haben wir nicht ­alle Lebens­umstände und wie sie wirken im Griff, wie die sogenannte PING-Studie (Pediatric Imaging, Neuro­cognition and Genetics Study) belegt. Neun amerikanische Universitäten waren daran beteiligt. Die Forscher zeigten, dass Kinder von schlecht verdienenden Eltern mit einem Jahres­einkommen von weniger als 25.000 US-Dollar eine um sechs Prozent ­­kleinere Oberfläche des Großhirns aufwiesen als Zöglinge aus Familien mit hohem Einkommen (mehr als 150.000 Dollar).

Die Erklärung: Das Familieneinkommen entscheidet über Faktoren wie Ernährung, Gesundheitsfür­sorge und Schulwahl. Die Kinder von wohlhabenderen Eltern haben schlichtweg bessere Optio­nen, sich zu entfalten. Nicht ­alle, aber viele Faktoren davon haben Eltern glücklicherweise in der Hand. So zeigen viele Stu­dien, dass Kinder sehr früh Essvorlieben lernen – auch für gesunde Nahrungsmittel, wenn sie sie angeboten bekommen. Erhalten sie als Säuglinge jedoch viel gesüßte Getränke, behalten sie die Vorliebe auch später bei.

Ist Talent immer nötig?

"Jeder Mensch kann ein erfolgreicher Musiker werden" – behauptete US-Psychologe Frederic Skinner vor 50 Jahren. Die Aus­sage würde Entwicklungspsychologin Birgit Elsner inzwischen relativieren: "Jeder Mensch kann lernen, zu singen oder Fußball zu spielen – und das sogar sehr gut." Ob er es schafft, in die Bundesliga aufzusteigen oder Konzertsäle zu füllen: Dazu bedarf es vermutlich doch einer angeborenen Begabung. Aber zumindest kann jeder lernen, Spaß an der Musik zu haben, an Bewegung oder an guter Ernährung. "­Gene", schrieb der US-Zwillingsforscher Prof. Thomas Bouchard "sind ­keine Kommandeure. Sie sind nur Optio­nen."

Lebensstil: Das stärkt Ihr Kind

  • Stillen: Gestillte Babys leiden seltener unter Allergien und senken ihr Risiko für Adipositas. Empfohlene Stilldauer laut Weltgesundheitsorganisation WHO: idealerweise mindestens sechs Monate.
  • Feinfühligkeit: Vor allem in den ersten Lebensmonaten legen Eltern die Grundlage dafür, mit welchem Selbstverständnis ihr Kind später die Welt sieht. Gehen sie feinfühlig auf seine Bedürfnisse ein, bauen sie eine gute, sichere Bindung zu ihm auf. Das sorgt lebenslang für emotionale Stabilität.
  • Bewegung: Hüpfen, rennen, Fahrrad fahren – Kinder lieben Bewegung. Und stärken so nicht nur ihre Muskeln, sondern auch ihr Immunsystem. Doch ab dem Schulalter, wenn Kinder gezwungen sind viel zu sitzen, sinkt ihr Akti­vitätslevel rapide ab. Deshalb Bewegung bewusst in den Alltag und in die Freizeit einbauen, Kinder etwa zu Fuß zur Schule bringen, statt mit dem Auto. Nicht vergessen: Auch beim Thema Sport sind Eltern die wichtigsten Vorbilder!
  • Regelmäßige Mahlzeiten: Wenn alle an einem Tisch sitzen, dann lernen Kinder nicht nur den Spaß am Essen, sondern sind auch vor Adipositas und Essstörungen besser geschützt, so das Netzwerk "Gesund ins Leben".

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