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Muss jedes Kind krabbeln?

Die einen tun es, die anderen nicht: Nach dem Robben kommt in der motorischen Entwicklung bei den meisten Kindern das Krabbeln. Doch was bedeutet diese Art der Fortbewegung eigentlich für sie?

von Stephanie Arndt, aktualisiert am 13.10.2020

Es ist eine faszinierende Zeit, wenn Babys mobiler werden. Oft beginnen sie mit zögerlichen, dann schwungvollen Drehungen vom Rücken auf den Bauch. Dann robben viele von ihnen im Unterarmstütz über den Fußboden, um sich schließlich auf Hände und Knie aufzustützen. Nach ersten Schaukelbewegungen fangen sie an, gleichzeitig den linken Arm und das rechte Bein vorzusetzen – und umgekehrt. Das Kind krabbelt. Vielen gilt das als ein Meilenstein in der Entwicklung, der im Schnitt mit etwa sechs bis zehn Monaten stattfindet.

Kinder- und Jugendarzt Jakob Maske

Rutschen, kullern, krabbeln – alles ist erlaubt

"Es bleibt ein Meilenstein, aber eher aus emotionaler Sicht. Für eine kindgerechte Entwicklung spielt Krabbeln keine größere Rolle", erklärt Jakob Maske, Kinder- und Jugendarzt in Berlin sowie Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte. "Früher galt Krabbeln als wichtiger Entwicklungsschritt. Bei vielen Kinderärzten schrillten die Alarmglocken, wenn ein Kind sich irgendwann um den ersten Geburtstag herum nicht so fortbewegte. Heute wissen wir, dass Krabbeln keinen langfristigen Einfluss auf den Entwicklungsverlauf eines Kindes hat. Sonst hätte jedes Dritte ein Problem – so viele rutschen nämlich lieber auf dem Po, kullern oder ziehen sich direkt hoch bevor sie ihren ersten Schritt machen", sagt Maske.

Prof. Dr. Gudrun Schwarzer

Krabbeln hat auch mit Genen und Kultur zu tun

Prof. Dr. Gudrun Schwarzer, Entwicklungspsychologin an der Justus-Liebig-Universität in Gießen pflichtet ihm bei: "Wir haben uns beim Thema Krabbeln längst von der Idee eines einheitlichen menschlichen Bauplans verabschiedet, der sich zu bestimmten Zeiten entfaltet: nichts ist vollkommen festgelegt und vieles auch kulturell bedingt." Manche Kinder empfänden Krabbeln oder auf dem Bauch liegen einfach als unangenehm, wahrscheinlich liege diese Abneigung sogar in ihren Genen. Die Entwicklungspsychologin beruhigt: Eltern brauchen sich keine Sorgen zu machen, wenn ihr Kind sich nicht im Vierfüßler-Stand bewegt. Krabbeln hat auch sonst keine langfristige Vorhersagekraft über zukünftige Fähigkeiten des Nachwuchses, und Nicht-Krabbler haben später keine Nachteile: Sie finden andere Möglichkeiten an ihr Ziel zu kommen. "Das sehen wir zum Beispiel an Kindern, die durch körperliche Einschränkungen, wie etwa einem Klumpfuß, nicht in der Lage sind zu krabbeln." Kinderarzt Maske ergänzt: "Hellhörig werden wir erst, wenn ein Kind mit einem Jahr nicht sitzen kann. Dahinter können Störungen im Muskel- oder Rückenmarksbereich oder im Hirn stecken, die in der Regel aber viel früher diagnostiziert werden."

Muskelkraft trifft auf Entdeckungsfreude

"Zwei Drittel aller Kinder beginnen meistens gegen Ende des sechsten Monats mit den ersten Krabbelversuchen. Für sie ist dies der erste Schritt in die selbstgesteuerte Fortbewegung", sagt Entwicklungspsychologin Schwarzer. Denn wurden die Kleinen vorher eher passiv viel herumgetragen, eröffnet sich ihnen nun die Welt der Autonomie: ‚Ich bestimme jetzt die Richtung!’, heißt die neue Devise. Dafür sind nicht nur die beim Strampeln erworbene Muskelkraft und koordinative Fertigkeiten, etwa durchs Greifen, wichtig. Schwarzer: "Kinder sind bereit, sich durch die neue Mobilität auch mal von ihren Bezugspersonen zu trennen, wenn sie in ein anderes Zimmer krabbeln. Meistens sind sie dann auch emotional in der Lage, kurze Trennungen aushalten zu können." Umso größer ist die Freude, wenn Mama oder Papa nach dem kleinen Ausflug wieder im Blickfeld auftauchen.

Krabbeln fördert Sprache und das Verstehen von Gefühlen

Gleichzeitig sammeln Kinder neue Lernerfahrungen, um die visuelle Welt zu verstehen: ‚Ein Gegenstand ist nicht neu, sondern ich habe mich bewegt. Und etwas verändert sich, weil ich meine Situation verändere’ sind Aha-Erlebnisse für kleine Entdecker. "Aus der Forschung wissen wir, dass Krabbelkinder schneller Wörter verstehen, weil das neue Können häufig dazu führt, dass Eltern verstärkt mit ihren Kindern kommunizieren. Sie werden begrüßt und verabschiedet, ermuntert und getröstet, wenn es mal nicht so gut klappt. Zudem konnten wir feststellen, dass die Kinder Emotionen im Gesicht des Gegenübers besser verstehen können. Auch weil sie nun mehr mit Warnungen, Hinweisen und wechselnden Gesichtsausdrücken konfrontiert werden", sagt Schwarzer. Diesen Wissensvorsprung holen aber Kinder, die nicht krabbeln auf anderem Weg rasch wieder auf.

Sicherheit geht vor Training

Sollten Eltern also das Krabbeln fördern? Beide Experten sind sich einig: Spielerisch und ohne Druck ja, "manche Kinder entdecken tatsächlich durch eine sogenannte Krabbelrolle das Krabbeln für sich", so Schwarzer. "Und ich kann auch die Umstände bewegungsfreundlich gestalten, in dem ich meinem Kind Stopper-Socken oder eine stumpfere Hose anziehe, damit es auf dem glatten Boden nicht wegrutscht." Von gezieltem Krabbel-Training halten weder Entwicklungspsychologin Schwarzer noch Kinderarzt Maske etwas. Dafür um so mehr von einer kindersicheren Umgebung. "Betrachten Sie Ihre Wohnung buchstäblich aus Kinderaugen – auch perspektivisch", rät Maske. Kabel von Küchengeräten wie Wasserkocher sollten nicht erreichbar sein. Sie können heruntergerissen werden und zu schweren Verletzungen führen. Putzmittelschränke sollten abgeschlossen sein. Fenster und Türen, auch Ofentüren, gehören so gesichert, dass ein Kleinkind sie nicht öffnen kann. "Und denken Sie auch an einen Treppenschutz, damit Ihr Kind gefahrenlos die Welt erobern kann", sagt Maske.


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