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Haben Sie manchmal das Gefühl, eine schlechte Mutter oder ein schlechter Vater zu sein, weil Sie nicht bei jedem Pieps des Kindes auf den Boden sinken und Türmchen bauen? Weil Sie finden, dass Baby kann sich jetzt mal selbst beschäftigen, während Sie die Wäsche zusammenlegen?

Ob und wie lange kleine Kinder sich alleine beschäftigen können und wann man mit ihnen spielen soll, darüber diskutieren Eltern endlos. Während die einen bei jeder unleidlichen Äußerung des Babys das große Unterhaltungsprogramm auffahren, fragen sich die anderen, wieso das Kleine nicht endlich mal alleine zurechtkommt.

Prof. Dr. Sabina Pauen lehrt Entwick­lungspsychologie an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg

Prof. Dr. Sabina Pauen lehrt Entwick­lungspsychologie an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg

Eltern müssen nicht ständig mitspielen

Kinder brauchen natürlich beides. Sie wollen mit Mama und ­Papa spielen, herumalbern und kuscheln. Aber auch nicht ständig! "Es ist extrem wichtig, dass Kinder Zeit für sich haben", sagt Sabina Pauen, Professorin für Entwicklungspsychologie an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg.

Das gilt schon für Babys, die nur wenige Monate alt sind. Dann liegen die Kleinen im Bettchen und spielen mit ihren Händen. Sie fassen jeden einzelnen Finger an, drehen die Hände und verschränken sie. Und auch wenn das Erwachsenen nicht besonders aufregend erscheint – "die Kinder nehmen dabei wahr, dass sie selbst sich anders anfühlen als das kuschelige Kissen oder ihr Schmusetuch", erklärt Pauen.

Babys sollen Interesse selbst auf etwas richten

"Aber finden Babys eine Rassel nicht viel schöner?", könnte man jetzt einwenden. Und natürlich funktioniert eine Rassel, die man schütteln kann und die Krach macht, prima als Ablenkung. Aber sie fesselt die Aufmerksamkeit so wie ein Konzertbesuch Erwach­sene. Eigene Mühe ist dabei nicht notwendig.

Sabina Pauen hält es für wichtig, dass ein Kind selbst das Interesse auf etwas richten kann. "Bleibt in der frühen Kindheit ­keine Zeit dafür, trägt das dazu bei, dass Kinder sich später ­schneller langweilen", sagt die Expertin. "Wir schränken die Freiheit der Kinder ein, wenn wir ihnen ständig etwas Neues bieten." Sie beobachtet dieses Phänomen bei Eltern häufig. Gerade engagierte Mütter und Väter, die ihre Kinder maximal fördern wollen, tun manchmal des Guten zu viel. Haben die Kleinen ein Lied kennengelernt, muss nicht gleich noch ein Puppenspiel hinterherkommen. Das Gehirn braucht Zeit, um Dinge zu verarbeiten und sich zu merken. Folgen ständig neue Erlebnisse aufeinander, werden sie im Gehirn quasi immer wieder überschrieben. Sie verschwinden. Das Kind lernt nur eines – sich immer wieder neue Erlebnisse zu suchen.

Nicht zuviel Beschäftigung, aber auch nicht zu wenig

Die richtige Balance zu finden, ist nicht einfach. Als Richtschnur kann man sich eine gut funktionierende Beziehung vorstellen: Man möchte nicht von einem Kümmer-Partner er­drückt, aber auch nicht vernachlässigt werden. Übersetzt auf die Eltern-Kind-Beziehung bedeutet das: das Kind in Ruhe lassen, wenn es sich mit ­etwas beschäftigt. Man muss sich nicht immer einmischen oder mitmachen.

Es gibt Babys, die können sich sehr gut vertiefen. Sie betasten ausgiebig die Oberflächen von Bausteinen, Decken oder Teddy. "Ein guter Begleiter erkennt, dass er das Kind in solchen Momenten nicht stören darf", sagt Pauen. Etwa mit einem Jahr genießen es Kinder, in der ­Nähe der Eltern, aber alleine vor sich hin zu spielen. Der Idealzustand: Mama legt die Wäsche zusammen, Papa kocht, der große Bruder baut ­seine Ritter auf. Das kleinste Familien­mitglied hat eine große Kiste mit Kochlöffeln, Bauklötzen oder Wäscheklammern, die es aus- und einräumen darf. Im sicheren Familien­­verband vertieft sich das Kind ins Spiel, die Welt rundherum versinkt. Dieses sogenannte Parallelspielen von Kindern hält bis etwa zum dritten Lebensjahr an. 

Alleine spielen klappt anfangs nur kurzzeitig

Dass Kleinkinder ganze Vormittage ­alleine für sich im Kinderzimmer spielen – das können die meis­ten Eltern vergessen. Wenn Dreijährige eine halbe Stunde für sich spielen, dann ist das richtig lange. Dazwischen brauchen sie Mama, Papa oder andere Kinder. Mitspielen bedeutet nicht unbedingt, dass man stundenlang im Kinderzimmer auf dem Bauch liegen und Türmchen bauen muss. Während für Babys Singen und Streicheln, Kitzeln und Fingerspiele genau richtig sind, lieben die etwas Älteren Imitationsspiele. Sie wischen wie Mama oder Papa mit einem Lappen, schauen in die Waschmaschine oder schwenken einen Besen. Mit etwa zweieinhalb Jahren möchten Kinder etwas bewirken. Sie schleppen Milch aus der Speisekammer in die Küche oder bringen etwas in den Abfalleimer. Sie öffnen und schließen Türen oder drehen Flaschen auf und zu.

Bei diesen alltäglichen Erledigungen können Eltern prima mit ihrem Kind darüber sprechen, was sie gerade tun, und schlagen mehrere Fliegen mit einer Klappe: Der Nachwuchs fühlt sich in Elternnähe wohl, ist beschäftigt und lernt nebenbei Sprechen. Die Eltern sind entspannt, weil das Kind nicht nervt oder Unsinn macht. Und sie brauchen kein schlechtes Gewissen zu haben. Auch wenn sie nicht auf dem Fußboden Türmchen bauen, spielen sie ganz wunderbar mit ihrem Kind – bis sich das in etwas Neues vertieft und es heißt: Bitte nicht stören!

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