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Können schon Kinder transsexuell sein?

Transsexuelle merken oft früh, dass ihr Körper nicht zu ihnen passt. Neben Psychologen und Ärzten sind ihre wichtigsten Unterstützer die Eltern. Wie diese richtig reagieren

von Larissa Gaub, 19.06.2017
Transsexualität

Mädchen oder Junge? Transidente Kinder leben im für sie falschen Körper


Auf den Fotos im Familienalbum ist noch die Familie zu sehen, wie sie früher war: Mutter, Vater, der Sohn und die kleine Tochter. Seit die Bilder entstanden sind, ist viel passiert: Der Vater zog aus, und auch die Tochter gibt es nicht mehr. Das Mädchen, das Anna Kirscher* vor knapp 16 Jahren auf die Welt brachte, fühlte sich fremd im eigenen Körper. Das biologische Geschlecht passte mit den Jahren immer weniger zu den Gefühlen. Sie ist transsexuell. Aus Laura* wurde Leon*.

Es ist eine Geschichte, wie sie Dr. Kurt Seikowski immer wieder hört. "Ungefähr 80 000 Menschen in Deutschland fühlen sich mit ihrem Geburtsgeschlecht nicht wohl", erklärt der Psychologe vom Institut für psychologische Therapie an der Universität Leipzig. Er begleitet transsexuelle Menschen psychotherapeutisch. "Die eigentliche Zahl liegt vermutlich höher, weil sich nicht alle outen." Aber wie kommt es, dass sich ein Mädchen als Junge und ein Junge als Mädchen fühlt?

Dr. Kurt Seikowski

Geschlechtsidentitätsstörung entsteht beim Ungeborenen

Es gibt Hinweise darauf, dass sich die Anlagen zu einer Geschlechtsidentitätsstörung, wie der medizinische Fachbegriff bei Kindern dafür lautet, bereits während der Schwangerschaft bilden. "Bei der Befruchtung der Eizelle entscheidet zwar das Geschlechtschromosom des Vaters über das biologische Geschlecht des Kindes", so Seikowski. "Aber erst später in der Schwangerschaft entwickelt sich die Geschlechteridentität: eine Gehirndifferenzierung, die darüber entscheidet, ob man sich als Frau oder Mann fühlt."

Experten wie Kurt Seikowski sprechen deswegen auch von Transidentität anstatt von Transsexualität. Durchschnittlich seien Kinder etwa sieben Jahre alt, wenn sie merken, dass sie sich im falschen Körper fühlen. "Neulich war sogar ein vierjähriger Junge mit seinem Vater bei mir und sagte zu mir: ,Erkläre mal meinem Papa, dass ich ein Mädchen bin. Der versteht das nicht‘", erzählt Kurt Seikowski.

Bernhard Breuer

Transidentität ist niemandes Schuld

Laura war zwölf, als sie ihre Mutter eines Nachmittags in ihr Zimmer holte, vor den Laptop setzte und ihr das Video eines amerikanischen Transmädchens zeigte. Als es zu Ende war, fragte Anna Kirscher: "Und du fühlst dich auch so, oder?" Laura nickte und ihre Mutter nahm sie in den Arm. Gleichzeitig schossen Anna Kirscher tausend Gedanken durch den Kopf: Habe ich etwas falsch gemacht? War die Scheidung zu belastend? Wieso passiert uns das? Und wie geht es jetzt weiter?

Psychologe Seikowski kennt die anfänglichen Sorgen der Eltern – und kann sie beruhigen: "Transidentität ist weder vererbbar, noch wird sie durch ein Erlebnis ausgelöst. Die Kinder lassen sich auch nicht umerziehen. Warum die Natur das macht, weiß man nicht." Meistens sind Eltern aber auch froh, wenn ihnen Spezialisten bestätigen, was sie selbst lange schon wahrgenommen haben. "Wenn auch oft nur unterbewusst", so Seikowski.

Dr. med. Alexander Korte

Kleidung oder Hobbys noch keine Hinweise

Laura spielte schon im Kindergarten lieber mit den Jungen Fußball als mit den Mädchen Puppen. Sie weigerte sich strikt, Röcke oder Kleider zu tragen, und lief stattdessen in den alten Klamotten ihres großen Bruders herum. Anna Kirscher wunderte sich darüber nicht. "Ich war selbst als Kind ein echter Wildfang, kletterte auf Bäume und trug lieber Hosen", erinnert sie sich.

"Die Kleidung allein oder die Vorliebe für ein bestimmtes Hobby bedeutet auch noch nicht, dass sich ein Kind nicht in seinem Körper wohlfühlt", erklärt Bernhard Breuer, Diplom-Psychologe aus Bonn. "Eher die Intensität, mit der ein Junge darauf beharrt, kein Junge zu sein, oder ein Mädchen darauf, kein Mädchen zu sein, kann ein Hinweis sein." Wenn ein Kind über mehrere Monate hinweg immer wieder vehement betont, dass es kein Mädchen oder Junge sei, obwohl das sein biologisches Geschlecht ist, sollten Eltern aufmerksam werden, rät Bernhard Breuer.

Veranlagung zu unterdrücken ist gefährlich

Wichtig ist, dass Väter und Mütter ihre Kinder ernst nehmen und nicht versuchen, sie in geschlechtertypische Muster zu pressen und etwa zu zwingen, Kleider oder Hosen zu tragen. "Die Kinder reagieren dann oft mit körperlichen Beschwerden wie Bauchweh oder Kopfschmerzen. Sie können aber auch leicht depressiv werden oder anfangen, sich zu ritzen, wenn die Familie und das Umfeld ihre Bedürfnisse ignoriert oder ablehnend reagiert", warnt Psychologe Breuer. Wie sehr transsexuelle Kinder unter ihrer Situation leiden können, zeigte zuletzt eine amerikanische Studie. Die Kinder hatten vermehrt Übergewicht, Depressionen und Selbstmordgedanken.

Spezialsprechstunden sind Anlaufstelle

Experten raten Eltern sich früh Hilfe zu suchen. Neben dem Kinderarzt können auch Universitätskliniken eine erste Anlaufstelle sein. In Hamburg, Frankfurt, Münster und München bieten sie Sprechstunden an. "Hier können sich Eltern gemeinsam mit ihrem Kind von erfahrenen Ärzten und Psychologen beraten lassen. Das dauert meist einen halben Tag, die Experten geben eine differenzierte Einschätzung und können Therapeuten in der Umgebung der Familie empfehlen", sagt Breuer. Auch das Netzwerk Trakine e. V. bietet Eltern und Kindern viele Informationen, Kontakt zu  Selbsthilfegruppen und unterstützt bei der Expertensuche.

Pubertät kann mit Medikamenten unterbrochen werden

Anna Kirscher wollte ihrem Kind helfen. Zusammen gingen sie zur Kinderärztin. Diese empfahl ihnen einen Psychologen in der nächstgrößeren Stadt. Danach folgten viele Gespräche und Termine: Er schrieb Gutachten, ein Endokrinologe stellte im Blut fest, wie weit das Kind schon in der Pubertät steckte. Laura war schon mittendrin. Mit knapp zehn Jahren hatte bei ihr die Periode eingesetzt. Die Ärzte entschieden sich, mit Medikamenten
das Voranschreiten der Pubertät zu unterbrechen. Die Periode blieb aus, die Brüste wuchsen nicht mehr weiter.

Laut Leitlinien für Störungen der Geschlechtsidentität im Kindes- und Jugendalter können Ärzte das Einsetzen der Pubertät bei Kindern mithilfe von Medikamenten hinauszögern. Psychologe Breuer spricht sich dafür aus: "Wenn das Kind seit Jahren in Behandlung ist, sehe ich keinen Grund, die Behandlung aufzuschieben. Es besteht ja auch die Gefahr, dass das Kind sehr stark unter seiner Situation leidet und in eine Depression rutscht." Um sicherzugehen, dass sich die Geschlechtsidentität eines Kindes nicht mehr verändere, spiele daher die enge Zusammenarbeit von Ärzten, Psychologen, Eltern und Kindern eine wichtige Rolle.

Behandlung während der Pubertät ist aber umstritten

Die internationalen Leitlinien sind aber nicht bindend, der Pubertätsstopp ist umstritten. Dr. Alexander Korte, Kinder- und Jugendpsychiater und -Psychotherapeut an der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie an der Universität München, ist der Auffassung, dass Kinder in ihrer Pubertät die Möglichkeit haben sollten, sich mit dem biologischen Geschlecht zu versöhnen. "Die Kinder sind in der Geschlechteridentität noch nicht gefestigt genug, so eine Entscheidung zu treffen", so Korte. Wenn der Wunsch als Jugendlicher immer noch besteht, dass Geschlecht anzupassen, sollten sie eine Alltagserprobungsphase von mindestens einem Jahr absolvieren.

Kurz vor dem Ende des Schuljahres ging Anna Kirscher mit dem Gutachten von Ärzten und Psychologen in die Schule, um ihrem Kind ein Alltagserprobungsjahr in der neuen Geschlechterrolle zu ermöglichen. Der Schuldirektor willigte ein. In Zukunft sollte auf den Schulproben nun Leon stehen, er musste nicht mehr die Mädchentoilette benutzen und war vom Schwimmunterricht dauerhaft befreit. Je näher der erste Schultag rückte, umso öfter kamen Anna Kirscher Zweifel: Tanzte ihr das Kind auf der Nase herum? Und wie werden die anderen reagieren?

Neue Geschlechtsidentität ist meist befreiend

Doch nach dem ersten Schultag war alles anders. Die Mitschüler akzeptierten, dass Laura jetzt Leon hieß. Sie wählten ihn sogar zum stellvertretenden Klassensprecher. Leon kam glücklich nach Hause. "Ich hatte ein anderes Kind. So gelöst, entspannt und lustig hatte ich ihn lange nicht gesehen. Da war mir klar, dass wir auf dem richtigen Weg sind", sagt Anna Kirscher. Auch Psychologe Seikowski kann Eltern nur bestärken: "Wenn Eltern und Lehrer die Kinder so in die Schule gehen lassen, wie sie wollen, kann man bei vielen beobachten, wie auch die Zensuren in kurzer Zeit besser werden."

Für jemanden, der Leon nicht kennt, stellt sich die Frage nicht, ob er ein Junge ist. Die Art wie er geht, steht, redet und welche Vorlieben er hat – nichts lässt darauf schließen, dass er als Mädchen auf die Welt kam. Ende Mai wird Leon 16 Jahre alt und bekommt dann Testosteron. Seine Stimme wird tiefer werden und der Bart wachsen. Ob er sich als Erwachsener die Geschlechtsteile mit einer Operation anpassen lassen will, weiß er noch nicht. Seine Mutter wird auch dann hinter ihm stehen: "Ich war glücklich, als ich eine Tochter geboren habe. Aber es bleibt mein Kind. Für mich ist es das Schönste, Leon glücklich zu sehen."

 

*Namen von der Redaktion geändert


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