Kleine Tics bei Kindern: Geht das weg?

Zwinkern, Schulterzucken, Räuspern: Kleine Tics wie diese haben viele Kinder. Deren Eltern fragen sich aber oft: Geht das von alleine wieder weg?
von Sabine Hoffmann, 24.10.2016

Augen auf, Augen zu: Manche Kinder entwickeln Tics wie auffälliges Blinzeln

W&B/Stephan Höck

Meistens beginnt es ganz plötzlich. An der Supermarktkasse zum Beispiel, beim Mittagessen oder Spielen: Wie aus dem Nichts blinzelt das Kind von einer Minute auf die andere ständig, runzelt immerzu die Nase oder zuckt abwechselnd mit einer Schulter. Seltsam sieht diese neue Angewohnheit für den Beobachter aus, sie irritiert. Verschwindet sie nach ein paar Tagen nicht, beginnen die meisten Eltern, sich Sorgen zu machen: Ist mein Kind krank oder gar verhaltensgestört?

Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Neurologie haben etwa zehn bis 15 Prozent ­aller Kinder Tic-Störungen: Sie ­zeigen unwillkürliche, nicht an einen Zweck gebundene Bewegungen oder Laut­äußerungen. Vor allem im Alter von sechs bis 14 Jahren entwickeln sie viele Kinder. Jungen sind etwa dreimal häufiger betroffen als Mädchen.

Tic-Störungen verschwinden oft von selbst

Generell unter­scheidet man in motorische Tics wie Blinzeln oder unkontrolliertes Grimassieren und vokale Tics wie etwa Hüs­teln, Pfeifen und Räuspern. Oft kommt es auch zu ­einer Kombination mehrerer Tics. Häufig zeigen Kinder die Angewohnheit nur eine bestimmte Zeit lang. "Tatsächlich dauern vorüber­gehende Tic-Störungen zwischen vier Wochen und zwölf Monaten", sagt Dr. Felicitas Fritze, Psychotherapeutin und Kinder- und Jugendpsychiaterin aus Berlin.

Die Ursache ist noch nicht eindeutig erforscht. "Eine genetische Veranlagung zu Tic-Störun­gen ist sehr ausgeprägt. Auch durch Strep­tokokken bedingte Infekte könn­ten Tic-Störungen eventuell auslösen oder verursachen", sagt Fritze. Durch Studien ­wurde zudem nachgewiesen, dass psycho­sozialer Stress, Alkohol- und Medikamentenkonsum in der Schwangerschaft Tics beim Kind begüns­tigen.

Ignorieren statt schimpfen

Selbst wenn das Kind über Monate hinweg mit den Augen rollt, blinzelt oder mit der Schulter zuckt: Ein Besuch beim Kinder- oder Jugendpsychiater ist bei solch einfachen Tics nicht notwendig. "Am besten den Tic ignorieren und das Kind ganz normal behandeln", rät Roland Zeeb, Diplom-Psychologe und Psychologischer Psychotherapeut am kbo-Heckscher-Klinikum in München.

Schimpfen oder Verbote bringen nichts, denn Tics unter­liegen ja nicht der willentlichen Kontrolle. Damit wird nur noch mehr Druck auf das Kind ausgeübt. Das kann sogar kontraproduktiv sein, denn Stresssituationen können die unwillkürlichen Zuckungen, Bewegungen oder den Ausstoß bestimmter Laute verstärken. Roland Zeeb empfiehlt deshalb, gelassen zu bleiben und abzuwarten. Ohnehin haben viele Kinder und auch deren Freunde oft gar kein Problem mit einem Tic, bemerken diesen zum Teil nicht einmal.

Anders ist das natürlich bei sehr häufigen oder schweren Tics oder wenn ein Kind in der ­Schule gehänselt oder nachgeäfft wird. Sobald Leidensdruck entsteht, empfiehlt Zeeb den Besuch eines Kinder- und Jugendpsychiaters. "Meist bringt eine eingehende Erklärung über das Störungsbild und dessen typischen Verlauf schon ­eine spürbare Erleichterung bei ­Eltern und Kind." Sollte das Kind durch seine Tics zum Beispiel im Schulunterricht die Klassenkameraden stören, rät er, Lehrern und Mitschülern die genauen ­­Gründe für das Verhalten zu erklären. So wissen alle, dass das Kind nicht absichtlich unruhig oder laut ist, sondern keine Kontrolle über sein Verhalten hat.

Wann zur Therapie?

Es kann auch vorkommen, dass ein Tic selbst nach einem Jahr noch nicht verschwunden ist. In diesem Fall bezeichnet man ihn als chronisch. "Wichtig ist aber zu betonen, dass chronisch nicht unheilbar bedeutet", sagt  Roland Zeeb. "Die meisten Tics schwächen sich im späteren Jugendalter deutlich ab oder bilden sich völlig zurück."

Aufgrund der hohen Selbstheilungsrate genügten bei Tics, die weniger als sechs Monate bestehen und nur gering ausgeprägt sind, ­eine Beratung des Patienten und seiner Eltern. Ist der Leidensdruck beim Kind hingegen groß, ist oft eine Verhaltenstherapie hilfreich. "Ziel ist es, wieder Kontrolle über den eigenen Körper zu gewinnen", sagt Felicitas Fritze. Dazu trainieren die Kinder zum Beispiel Bewegungen, mit denen sie ihren Tic austricksen können. Denn ähnlich wie beim Niesen kündigt sich der Tic meist mit einem Vorgefühl an, etwa mit einem Kribbeln im Arm oder Bein. Runzelt das Kind zum Beispiel ständig die Nase, übt es, die Lippen fest zusammenzupressen, wenn sich der Tic an­bahnt. Da es zum Erlernen dieser Methode eine gewisse geistige Reife und Körperbeherrschung braucht, schaffen das Kinder erst mit circa acht Jahren.

Medikamente selten nötig

"Die Einnahme von Medikamenten zusätzlich zur psychotherapeutischen Behandlung ist nur bei schwerer Tic-Symptomatik ratsam", sagt Roland Zeeb. Etwa wenn sich das Kind zum Beispiel alle zehn bis 15 Sekunden räuspert oder an unkontrollierten Zuckungen am ganzen Körper leidet. Allerdings vermögen Medikamente nur die Symptome abzuschwächen oder zu unterdrücken, nicht aber das Störungsbild zu heilen. Zum Glück ist eine solche Behandlung oft nicht notwendig. In den meisten Fällen verschwinden die Tics von selbst wieder. Dann ist plötzlich alles wieder ganz normal – so als wäre nie etwas gewesen.


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