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Kleine Tics bei Kindern: Geht das weg?

Blinzeln, Nase rümpfen, Räuspern: Tic-Störungen sind ein häufiges Symptom im Kindesalter und können auch schon bei Kleinkindern auftreten

von Nadja Katzenberger, aktualisiert am 13.09.2019

Von einem Tag auf den anderen sind sie da, und das Kind kann nicht mehr aufhören zu blinzeln, Grimassen zu schneiden oder zu hüsteln. Nervig ist das erst einmal für alle anderen, denn das Kind mit dem Tic bemerkt die kurze Bewegung oder den Laut oftmals gar nicht. Etwa zehn bis 15 Prozent der Grundschüler ent­wickeln Tic-Störungen: immer wieder­kehrende, meist motorische Ab­läufe wie Blinzeln oder Augen­rollen, komplexere wie Hüpfen, Stampfen oder Beißen, oder vokale Tics wie Räus­pern, Hüsteln oder Pfeifen. Manche Kinder haben verschiedene Tics, die entweder gleichzeitig oder in Phasen auftauchen. "Die größte Gruppe der Betroffenen ist zwischen sechs und acht Jahre alt, doch immer wieder tauchen Tics auch schon bei Zwei- bis Dreijährigen auf", sagt Dr. Bastian Baumgartner, Kinderarzt und -neurologe am Zentrum für Kinder- und Jugendgesundheit Regens­burg.

Gene sind beteiligt

Welche Ursachen den Tics zugrunde liegen, ist bislang nicht klar. "Wir wissen: Hat schon ein Familienmitglied einen Tic, steigt beim Kind die Wahrscheinlichkeit, ebenfalls einen zu entwickeln", sagt Veit Roessner, Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Dresden. "Welche Gene da aber wie zusammenspielen, haben wir noch so gut wie gar nicht verstanden."

Kinderärzte und Neurologen versuchen bei der Diagnose daher, die Tic-Störung von anderen Krankheitsbildern wie der Epilepsie abzugrenzen. "Tics unterscheiden sich zum Beispiel deutlich von epileptischen Anfällen, die in ihrem Erscheinen sehr konstant sind", so Baumgartner. Sein Tipp für Eltern: ein kurzes Handy-Video aufnehmen, welches das Kind und seinen Tic zeigt. "So lässt sich beim Arzt schnell unterscheiden, ob es sich um einen Tic handelt oder ein epilep­tisches Anfallsmuster", sagt der Mediziner.

Tics lassen sich stoppen

Experten wie Kinderpsychiater Roessner grenzen die Tics auch von Angewohnheiten wie dem Fingernägelkauen ab. "Ältere Patien­ten ab elf Jahren sagen, dass dem Tic oft ein Vorgefühl vorausgeht, ähnlich dem Kribbeln in der Nase, bevor man niesen muss. Dieses Vorgefühl verschwindet erst, wenn der Tic – das Blinzeln oder Räuspern zum Beispiel – ein- bis zweimal ausgeführt wurde", sagt er. Ein solches Vorgefühl gibt es beim Nägelkauen nicht.

Jüngere Kinder können von diesem Vorgefühl natürlich noch nicht berichten, ihnen ist der Tic teilweise überhaupt nicht bewusst. Aber er lässt sich vor allem bei Kleineren leicht durchbrechen: "Das Kind reagiert auf Ansprache oder Berührungen und lässt sich ablenken, etwa mit einem Spiel. Dann stoppt der Tic", sagt Kinderarzt Baumgartner.

Auslöser für die Tics können Ruhephasen sein: beim Vorlesen, Fernsehschauen oder wenn das Kind müde ist. Der Alltag vieler Kindergartenkinder ist oft voll mit Aktivitäten, manchmal haben sie wenig Zeit, sich einfach auf sich selbst zu konzentrieren, in einem Spiel zu versinken oder zu faulenzen. Andere Betroffene reagieren auf Reizüberflutung und Stress mit Tics. Gerade dann ist es wichtig, die Situation zu durchbrechen. Mit Ablenkung, Ruhe oder Entspannung verschwindet der Tic wieder. "Als Eltern können Sie überprüfen: Hat unser Kind Stress? Braucht es mehr Ruhe­phasen?", rät Bastian Baumgartner.

Die meisten Tics dauern bei Kleinkindern zwischen sechs und zwölf Wochen an und verschwinden dann wieder von selbst, so Baumgartner. Ihr Auftreten ist völlig harmlos. "Wenn sich das Kind sonst gut entwickelt, heißt es einfach: abwarten", sagt der Kinderneurologe. Wichtiger Rat für Eltern: "Den Tic absolut ignorieren und aushalten!", betont Veit Roessner. "Selbst für ältere Betroffene, die ihre Tics steuern können, ist es wenig motivierend, wenn man sie darauf an­spricht. Zumal es sehr anstrengend ist, einen Tic zu unterdrücken."

Was gilt als Tic?

Tics lassen sich unterteilen in motorische und vokale Tics.

  • Zu den einfachen motorischen Tics gehören Blinzeln, Augenrollen, Grimassen, Stirnrunzeln, Kopfschütteln oder Schulterzucken.
  • Als komplexe motorische Tics gelten hüpfen, springen, stampfen, klopfen, kratzen, beißen oder schlagen.
  • Einfache vokale Tics sind Laut­äußerungen wie räuspern, schnäuzen, hüsteln, spucken, grunzen oder bellen. Schreien, summen oder pfeifen gehören zu den komplexeren vokalen Tics.

Therapie selten nötig

Einen Termin beim Kinderarzt vereinbaren Eltern, wenn der Tic andauert, nicht mehr durchbrechbar ist oder weitere Tics hinzukommen. Eventuell gehört dann ein EEG zur Diagnostik, eine Elektroenzephalografie, mit der die Aktivität des Gehirns gemessen wird und die Hinweise auf eine Epilepsie liefern kann.

Auch wenn das Kind in der Kita wegen des Tics gehänselt oder ausgeschlossen wird und der Leidensdruck dadurch steigt, ist das Gespräch mit dem Kinderarzt oder -neuro­logen ein erster Schritt. Für jüngere Kinder kommt eine Spiel­therapie infrage, bei älteren eine Verhaltenstherapie beim Kinder- und Jugendpsychiater. Wissenschaftlich gibt es allerdings keinerlei Hinweise darauf, dass eine frühe Therapie den Verlauf einer Tic-Störung verbessert.

Äußerst selten muss eine Tic-Störung behandelt werden. "Vier bis fünf Prozent der Erwachsenen haben eine Tic-Störung, der größte Teil bemerkt es gar nicht", sagt Veit Roessner. Nur ein Prozent der Bevölkerung in Deutschland leidet übrigens am Tourette-Syndrom, bei dem Betroffene zum Beispiel den Drang haben, laut zu schimpfen. Eine Kombination motorischer und vokaler Tics mit Beginn vor dem 18. Lebensjahr gilt als Tourette-Syndrom. Roessner beruhigt: "Ein Tic in der Kindheit sagt nichts über den weiteren Verlauf aus." Bei Kleinkindern sei der Tic "eine Besonderheit, die man eine Zeit lang aushalten muss". Das Ende des Tics ist wahrscheinlich nur ein Blinzeln entfernt.


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