Kinästhetik: Baby Handling leicht gemacht

Wickeln und Anziehen mag das Baby gar nicht? Vielleicht liegt es daran, dass es nur passiv daliegt. Beim Kinästhetik Infant Handling machen Kinder aktiv mit. Eine Video-Anleitung

von Daniela Frank, aktualisiert am 05.09.2017

Video zum Kinästhetik Infant Handling: Das Baby drehen


Sowohl alte Menschen als auch kleine Babys werden oft so versorgt, als wären sie bewegungslose Puppen: Arm hoch und Ärmel drüberziehen, Beine hoch und Po abwischen. Jeder kann sich vorstellen, dass es sich nicht besonders gut anfühlt, passiv dazuliegen und alles mit sich geschehen zu lassen.

Aber geht es denn überhaupt anders? Klar! Denn sowohl Säuglinge als auch Bettlägerige können bei den Pflegehandlungen aktiv mitmachen – wenn ihnen der Versorgende die Hilfestellung dazu bietet. Das ist nicht nur angenehmer für sie, sondern fördert auch ihre eigenen Fähigkeiten, sich zu drehen, zu stützen oder aufzurichten. Das Konzept, das hinter dieser Theorie steckt, heißt Kinästhetik, die Lehre der Bewegungswahrnehmung. Im Bezug auf Babys spricht man vom Kinästhetik Infant Handling, umgangssprachlich auch Baby Handling. Vor allem in der Krankenpflege ist die Technik verbreitet, auch bei Frühgeborenen wird sie häufig eingesetzt. Körperwahrnehmung und motorische Fähigkeiten zu fördern, ist bei ihnen besonders wichtig. Aber auch gesunde Babys profitieren davon.

Video zum Kinästhetik Infant Handling: Das Baby hochnehmen und ablegen

Das Baby richtig anfassen lernen

"Die Grundlage der Kinästhetik ist es, sich selber bewusst zu spüren", sagt Franziska Prinzing, Kinästhetik-Trainerin, Krankenschwester und Lehrerin für Pflege. Damit Babys oder Kranke das können, brauchen sie die richtigen Impulse. Eltern, die das Baby Handling anwenden wollen, sollten daher lernen, wo und wie sie ihr Baby am besten anfassen: Wie fest soll der Griff sein, und an welchen Stellen setze ich an?

"In entsprechenden Kursen lernen Eltern das vor allem anhand von Eigenerfahrungen", sagt Prinzing. Sie probieren zusammen mit den anderen Teilnehmern aus: Wie fühlt sich eine Berührung am Knochen an, wie am Muskel? "In der Kinästhetik gibt man die Impulse eher an den Knochen und nicht an weichen Stellen, wie zum Beispiel dem Oberschenkel oder der Taille", erklärt Prinzing.

Video zum Kinästhetik Infant Handling: Das Baby anziehen

Kinästhetik: Impulse für Bewegungen geben

Wichtigstes Ziel ist es, auf das Kind einzugehen, es mit einzubeziehen. "Das Kind gibt die Bewegungen zu einem bestimmten Maß vor", sagt Prinzing. Die Eltern sollten die vorhandene Tendenz des Babys berücksichtigen und nichts erzwingen. Schaut das Kind beispielsweise nach rechts, sollten sie ihm auch zuerst helfen, in diese Richtung zu drehen. Wollen sie es in die Gegenrichtung drehen, das Köpfchen erst mithilfe von Geräuschen, Blickkontakt oder sanfter Berührung vorsichtig wenden. Beim Bewegen gibt man Impulse, zum Beispiel zum Strecken der Glieder oder zum Abdrücken der Füße.

"Jede Bewegung des Kindes ist dann eine Interaktion, die zu seiner Entwicklung sowie zur Eltern-Kind-Beziehung bei trägt", sagt Prinzing. Sie plädiert dafür, Dinge wie das Anziehen nicht als lästige Pflicht zu sehen: Das Kind nicht schnell in die Kleidung stopfen, um dann spielen zu können, sondern aus dem Anziehen selbst ein Spiel machen. "Wenn es mal schnell gehen muss, ziehen Eltern ihr Kind natürlich auch mal so an, dass es nur passiv daliegt", räumt sie ein. "Aber es sollte ihnen dann bewusst sein, dass dies das Baby in seiner Entwicklung nicht weiterbringt."

Video zum Kinästhetik Infant Handling: Das Baby ausziehen

Bewegungsspektrum entwickelt sich besser

Früher sind Kinder in Großfamilien oft herumgereicht worden. "So haben Babys ein größeres Spektrum an Bewegungsmustern mitbekommen", sagt Prinzing. "Heute wachsen Kinder viel berührungsärmer auf." Eltern seien zudem häufig unsicher, wie sie ihr Kind anfassen sollen. Um das aufzufangen, mache die gezielte Anregung durch Kinästhetik Sinn.

"Laut Studien entwickeln sich die Feinmotorik und das Bewegungsspektrum von Babys mit Kinästhetik besser als ohne", sagt Prinzing. "Die Kinder lernen schneller, sich mitzubewegen und das zu nutzen, was um sie herum ist." Dadurch machten sie lieber mit, seien zufriedener und selbstwirksamer. "Andererseits werden sie auch eigensinniger und selbstständiger, weil sie schon mehr können."

Laut Prinzing ist es am sinnvollsten, die Technik in den ersten beiden Lebensjahren anzuwenden, weil sich dann die Motorik ausbildet. Kinder haben im Anschluss meist mehr Vertrauen in ihren Körper und werden mutiger, sich zu bewegen, zu klettern und zu turnen. Dies gelte es dann natürlich auch weiterhin zu fördern.


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