Keine Scheu vor Fremden

Jeder wünscht sich ein offenes und freundliches Kind. Doch wenn ein Vierjähriger Fremde umarmt und herzt, geht das zu weit. Oder? Wir haben nachgefragt
von Beatrice Sobeck, 30.10.2017

Manchmal fassen Kinder schneller Vertrauen, als es den Eltern lieb ist

Getty Images/RooM RF

Der ältere Mann sitzt im Ohrensessel in unserem Wohnzimmer. Er interessiert sich für unsere Katze Flitzi, für die wir ein neues Zuhause suchen. Herr Dreher ist Mitte 70, groß und schaut sehr freundlich, lächelt verschmitzt und redet frei heraus. Ganz untypisch streicht Flitzi ihm um die Beine und lässt sich ausgiebig streicheln. Auch unser vierjähriger Sohn hat Herrn Dreher sofort ins Herz geschlossen.

Er erzählt von "seiner" Flitzi und zeigt dem Besucher sein ­Flugzeug, das er gerade gebaut hat. Und dann klettert er auf seinen Schoß und umarmt ihn. "Nicht doch", denke ich, sage aber nichts und lächle nur verlegen. Der Gefühlsausbruch unseres Sohnes ist mir ein bisschen unangenehm. Auch Herr Dreher scheint etwas überrumpelt zu sein.

Der Unterschied zwischen Bindungsstörung und Offenheit

Die Szene lässt mich lange nicht los. Ich bin verunsichert. Hat unser Kind etwa eine ­schlechte Bindung zu uns? Es heißt doch immer, dass Kinder, die fremdeln, ­sicher gebunden sind. Gilt dann für Kinder, die nicht fremdeln, das Gegenteil? Tanja Kretz-Bünese, Dip­lom-Psychologin und psychotherapeutische Leiterin der Hochschulambulanz für Kinder- und Jugendlichenpsychothe­rapie der Ludwig-Maximilians-Univer­sität München, beruhigt mich, als ich ihr die Situation schil­dere. "Die Atmo­sphäre war locker, Sie waren selbst positiv eingestellt. Ihr Sohn fühlte sich sicher", fasst ­Tanja Kretz-­Bünese zusammen. Man könne das Verhalten unseres Vierjährigen so übersetzen: Wenn ­Mama und ­Papa den Mann mögen, mag ich ihn auch.

Ein Kind mit einer Bindungsstörung würde sich jedem Fremden gegenüber derart offen zeigen, erklärt die Psychologin. In so einem Fall würde ­beispielsweise der Paketbote ebenso geherzt werden wie die Nachbarin. Ist das Kind dagegen gut gebunden, aber sehr offen, käme es in einer stressigen Situation immer zurück zur sicheren Basis – also zu Mama und Papa.

Tanja Kretz-Bünese ist Diplom-Psychologin an der Hochschulambulanz für Kinder- und Jugendpsychotherapie der Universität München

W&B/Privat

Das Temperament steckt schon in den Genen

Wie Kinder in bestimmten Situationen reagieren und warum, beschäftigt auch die Entwicklungspsychologie. Die Experten sprechen dabei von Verhaltenshemmung. Es lässt sich sogar körperlich nach­weisen. In Gegenwart von Fremden, in einer ungewohnten oder unangenehmen Situation reagieren Kinder mit einer stärkeren Muskelspannung, ihr Herz schlägt schneller, und die Ausschüttung von Kortisol und Adrenalin ist höher. Säuglinge fallen durch eine höhere Saugrate beim Stillen auf. Je gehemmter das Kind ist, desto intensiver sind die körperlichen Signale. Forscher leiten daraus ab, dass die Verhaltenshemmung ein stabiles Konstrukt ist, das von der Geburt an bis ins Erwachsenenalter mehr oder weniger bestehen bleibt. Ob ein Kind schüchtern ist oder eher offen auf andere zugeht, liegt also in den Genen. Doch auch Umwelteinflüsse
formen das Kind, dazu zählen etwa Stress in der Schwangerschaft, die Erziehung der Eltern und auch das Umfeld, in dem das Kind aufwächst.

Eltern helfen, Menschen in Kategorien einzuordnen

Normen und Werte einer Gesellschaft spielen auch eine ­Rolle, welches Verhalten wir von einem Kind erwarten. "Wichtiger ist aber zu hinterfragen, was dem Kind guttut und was den Eltern", so die Psychologin. Natürlich wünsche ich mir, dass unser Sohn so herzlich bleibt, nur auf Tuchfühlung muss er trotzdem nicht gleich gehen. Mit der Umarmung war meine Grenze überschritten. "Kindern in dem Alter fällt es noch schwer, zwischen den Menschen zu unterscheiden, ob ­eine Umarmung angebracht oder unangemessen ist", so die Psychologin. Um das zu lernen, müssen Mama und Papa Hilfestellung leisten. Nur wie vermittelt man das? Indem Eltern die Situation einfach beschreiben, rät die Psychologin. Ich hätte also sagen können: "Schau mal, Herrn Dreher haben wir gerade erst kennengelernt. Ich finde ihn auch sehr nett. Zum Umarmen ist es aber noch zu früh, wir kennen ihn gar nicht richtig." Statt nur verlegen zu lächeln, hätte ich so Worte für die Gefühle meines Sohnes gefunden, der mit seinem Gefühlsausbruch vielleicht auch aus­drücken wollte: Kümmere dich gut um unsere Flitzi.


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