Ist mein Kind ein Spätzünder?

Jedes Kind entwickelt sich anders. Aber wie schnell müssen sie was können? Eine Übersicht mit Entwicklungstabelle

von Annabelle Fischer, 25.06.2018

Die ersten Schritte. Aber wann muss mein Kind eigentlich laufen können?


Was kann dein Kind? Was kann meins? Oft bohrt gleich der Zweifel in einem: Ist das normal? Ist alles okay mit meinem Kind? Wann Kinder tatsächlich ihrer Entwicklung voraus sind oder ihr hinterherhinken, lässt sich häufig gar nicht so einfach beantworten. Worauf es ankommt, erklären hier unsere Experten.

Eine gute Grundausstattung

Wenn Kinder auf die Welt kommen, besitzen sie eine gute Grundausstattung: Gehirn, Augen, Ohren, Nase, Mund, Hände und Beine sind da. Nur: Sie wissen noch nicht so richtig, was sie damit anfangen sollen. Erst indem sich das Kind aktiv mit den Dingen um sich herum auseinandersetzt, wird sein Körper und sein Gehirn laufend an körperliche Herausforderungen angepasst. Ein Beispiel: Das Baby sieht eine Rassel und will mit der Hand danach greifen. Die Nervenzellen im Gehirn geben dem Körper den Befehl, sich zu der Rassel hinzuwenden, um besser danach greifen zu können. Und irgendwann klappt es dann. Ein großer Schritt in der Entwicklung.

Die US-amerikanische Wissenschaftlerin und Neuropsychologin A. Jean Ayres spricht in ihrem Buch "Bausteine der kindlichen Entwicklung" von der sensorischen Integration: "Das Gehirn ortet, sortiert und integriert Sinnesempfindungen – vergleichbar einem Verkehrspolizisten, der den Verkehr regelt."

Entwicklung ist relativ. Pink ist der Normalbereich und der schwarze Balken kennzeichnet den Durchschnitt

Chaos im Kopf

Fließen die Sinnesinformationen richtig, kann sie das Gehirn nutzen, um ein abgestimmtes Verhalten zu erzeugen und als Erfahrung abzuspeichern. Ist der Fluss zwischen Gehirn und Körper jedoch unorganisiert, steckt das Kind im Verkehrs­chaos – es kann zu Entwicklungsverzögerungen kommen. Völlig normal dagegen ist, dass die Kleinen auch einen Entwicklungsschritt zurückgehen, bevor sie etwas Neues lernen, einfach um einen früheren noch mal zu üben. Manche Kinder brauchen auch ein bisschen länger. Es gibt Frühstarter und Spätzünder.

Spätzünder oder Frühstarter?

Wie finden Eltern heraus, ob ihr Kind nur ein Spätzünder ist oder vielleicht eine Entwicklungsverzögerung hat und professionelle Unterstützung braucht? "Einem guten Kinderarzt fällt früh auf, ob ein Kind senso­motorisch beeinträchtigt ist", sagt Dr. Cora Behnisch-Gärtner, Kinderorthopädin an der Technischen Universität München am Klinikum Schwabing. "In den U-Unter­­suchungen werden Reflexe, Motorikreflexe und erste Gehschritte getestet. Der Arzt kontrolliert, ob die Nervenbahnen vom Gehirn die Impulse zu den Muskeln weiterleiten." Fällt ihm dabei auf, dass sich das Kind nicht altersgerecht entwickelt, wird er zu Spezialisten überweisen.

Grundlagen für komplexe Aufgaben

Zunächst legen Kinder in den ersten drei Jahren die sensomoto­rischen Grundlagen für spätere hochkomplexe Aufgaben wie flüssiges Sprechen, Lesen und Schreiben. Vom dritten bis zum siebten Lebensjahr baut das Kind diese Fähigkeiten aus und wächst zu einem Wesen heran, das rennen, springen, hüpfen und Lieder singen kann. "Jedes Kind hat einen starken inneren Antrieb, sich motorisch zu entwickeln. Man muss ihm nicht sagen, dass es krabbeln, sich aufrichten oder gehen soll", sagt Prof. Dr. Fabienne Becker-Stoll, die das Staatsinstitut für Frühpädagogik in München leitet. "Die einen sind da mehr auf Zack, die anderen etwas gemütlicher. Aber jedes gesunde Kind wird Laufen lernen."
Eltern können ihre Kinder von Geburt an liebevoll darin unterstützen, sich der Umwelt anzupassen, indem sie sich viel mit ihnen beschäftigen.

Sprache trainiert Kopf und Körper

Reagiert das Kind auf Geräusche, ist dies bereits ein Schritt zur Sprachentwicklung: Das Baby hört den Klang einer Rassel und dreht seinen Kopf in die Richtung. Wenn Eltern viel mit ihrem Baby kommunizieren, obwohl es selbst nur kleine Laute von sich gibt, wird es früh anfangen zu plappern. Denn die Sinnesreize, die dabei durch die Muskelkontraktionen in der Kehle entstehen, tragen dazu bei, die Sprachzentren im Gehirn zu entwickeln. "Es ist ein Irrglaube, dass Kinder, die nicht sprechen, nichts verstehen würden. Studien belegen, dass die Anzahl der Worte, die das Kind in den ersten zwei Jahren von den Eltern oder den Bezugspersonen hört, mit über den späteren Bildungserfolg der Kinder entscheidet", betont Becker-Stoll.

Beim Thema Sprache sollten Eltern aufmerksam sein. Haben sie das Gefühl, dass ihr Kind nicht richtig hört, sollten sie das ärztlich abklären lassen. Und: "Kinder, die nicht gut sprechen, merken, dass sie sich nicht gut mitteilen können, und sprechen dann immer weniger. Hier empfehle ich zügig eine Abklärung des Hörens und eine Vorstellung in der Logopädie", sagt Michael Schieche, Entwicklungspsychologe des kbo-Kinderzentrums in München.

Auf schlechte Aussprache achten

Natürlich gibt es auch Kinder, die aufgrund ihres Temperaments weniger sprechen, und für ein Lispeln können Zahn­lücken die Ursache sein. Aber dort, wo es nötig ist, sollte gegengesteuert werden. Denn ein Kind, das schlecht spricht, tut sich schwer, Lesen und Schreiben zu lernen. Manchmal stecken auch organische Ursachen hinter Problemen. "Wenn Kinder plötzlich nuscheln, kann dies daran liegen, dass sich durch Infekte Flüssigkeit hinter dem Trommelfell gesammelt hat", sagt Michael Schieche. Auch hier braucht es die ärzt­liche Kontrolle.

Entspannung bei der Motorik

Was die motorischen Fähigkeiten angeht, können Eltern etwas entspannter sein. "Erst wenn Kinder mit eineinhalb Jahren noch nicht stehen, werden sie vom Kinderarzt zu uns in die Orthopädie geschickt. Wir kon­trollieren, ob der Hüftkopf richtig in der Pfanne sitzt, die Gelenke stabil sind oder eine Muskel­­schwäche die Ursache ist", sagt die Kinderorthopädin Behnisch-Gärtner. Diese Kinder werden durch einen Physiotherapeuten oder Osteopathen unterstützt und können meistens nach zwei Monaten laufen.

"Das wird schon"

Kinder entwickeln sich sehr individuell. Doch irgendwann erreichen die meisten in der Regel ihre Ziele. Und wenn ein Kind erst einmal zwölf Jahre alt ist, fragt keiner mehr danach, wann es denn aus den Windeln raus war.


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